Aus eisiger Tiefe

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Egmont Hörverlag, 2014, Seiten: 1, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Jörg Kijanski
Wenn ein Golfballtaucher eine Leiche findet...

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2015

Herbst in Växjö. Hanns Löfven hat einen recht ausgefallenen Beruf, denn er taucht nach Golfbällen und verkauft seine Fundstücke später über das Internet. Doch am Wassergraben des siebten Lochs der Anlage von Araby stimmt etwas nicht. Der vermeintliche Golfball hat eher die Form einer Bowlingkugel und entpuppt sich letztlich als menschlicher Schädel. Hauptkommissarin Ingrid Nyström von der Kripo in Växjö und ihr Team übernimmt den Fall. Bei einer Ausbaggerung des Wasserhindernisses wurde die Betonverschalung beschädigt und ermöglichte so den Leichenfund. Erste Spuren deuten darauf hin, dass es sich um einen baltischen Staatsangehörigen handelt, der bereits vor zwanzig Jahren, als der Wassergraben angelegt wurde, doch verscharrt wurde.

 

"Im Herbst 1994 wird ein vierzig- bis fünfzigjähriger Mann, möglicherweise Osteuropäer, mit einer Waffe aus der Produktion der ehemaligen Sowjetunion erschossen und auf unserem Golfplatz begraben. Wem fällt dazu etwas Sinnvolles ein?"

 

Es handelt sich um einen Mann, der offenbar erschossen wurde, doch nur zwei Tage nach dem Leichenfund werden nach einem Brand in der Pathologie dessen skelettierte Überreste gestohlen. Am selben Tag wird die bekannte Anwältin Anna-Lena Hammarskjöld am Ufer des Lädjasees erschlagen, deren Mann Stefan ein Topmanager in der schwedischen Rüstungsindustrie ist. Schnell verdichten sich die Anzeichen, dass beide Fälle etwas miteinander zu tun haben und ihre Ursache womöglich im legendären Untergang der Ostseefähre Estonia haben, dem größten europäischen Schiffsunglück in der Nachkriegszeit...

Auch der dritte Fall mit Ingrid Nyström und Kollegen überzeugt.

Nach Später Frost und Rotwild ist der vorliegende Roman bereits der dritte Teil mit Hauptkommissarin Ingrid Nyström und ihrer deutschschwedischen Kollegin Stina Forss. Dem Autorenduo Kerstin Signe Danielsson und Roman Voosen gelingt erneut ein äußerst erfrischender Skandinavien-Krimi mit modernem Einschlag. Wie bei solchen Krimis üblich, nimmt auch das Privatleben der Ermittler nicht gerade wenig Platz in der Handlung ein, aber die Art und Weise der Erzählung kann einige Längen durchaus ausgleichen. Wiederholt wird auf Nyströms gesundheitliche Probleme eingegangen, nachdem sie vor anderthalb Jahren die Diagnose Brustkrebs erhalten hat. Derweil kümmert sich Forss um ihren im Altenheim lebenden Vater, dessentwegen sie von Berlin nach Växjö zog. Einst schaute sie zu ihm auf, doch ein gravierender Vorfall führte dazu, dass sie sich ihm völlig entzog und nun einige Fragen stellen möchte.

Neben den privaten Problemen der Ermittler wird vor allem deren Ermittlungsarbeit detailliert aufgezeigt. Wer sich für Polizeiarbeit "en detail" interessiert, sollte gerne zugreifen, wenngleich die Ermittler einige naheliegende Spuren nicht verfolgen, da sie vom vermeintlichen Zusammenhang der beiden Mordfälle mit dem Untergang der Estonia "geblendet" sind.

Die größte europäische Seefahrtskatastrophe nach den Weltkriegen.

Die Estonia. 1994 sank das große Fährschiff auf einer Fahrt für das es nie gebaut wurde und auch nie hätte zugelassen werden dürfen. Mythen und Verschwörungstheorien gibt es seitdem zuhauf und werden hier vorgestellt. Ebenso die Versuche der beteiligten Regierungen, den Vorfall zu vertuschen. Warum sollte man angesichts von rund 850 Toten auch ordentlich ermitteln oder gar aufklären wollen?

 

"Einige Angehörige sind der Argumentation der Untersuchungskommission gefolgt und haben versucht, die deutsche Werft als Hauptschuldigen zu verklagen. Andere haben es mit Sammelklagen gegen die Regierungen, die Werft, die Zertifizierungsgesellschaften versucht. Alles erfolglos. Bis heute hat sich niemand je zu seiner Schuld bekannt, es ist niemand verurteilt worden, es hat sich niemand entschuldigt."

 

Zwei spannende Mordfälle, die genau zwanzig Jahre auseinander liegen. Ein Ermittlungsteam mit unterschiedlichsten Charakteren und Arbeitsmethoden. Akribische Polizeiarbeit und persönliche Probleme. Dazu das größte Schiffsunglück der europäischen Nachkriegszeit. Ja, daraus kann man einen grandiosen Krimiplot basteln. Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson haben es getan. Chapeau!

Aus eisiger Tiefe

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Letzte Kommentare:
19.10.2018 01:20:46
karin

auch wenn mir die auflösung des plots etwas zu fantasievoll war, fand ich den roman sehr spannend.
etwas ist mir aber ein komplettes rätsel: der epilog am ende. ich bilde mir ein, eine eingermassen aufmerksame leserin zu sein, aber die geschichte mit dem alten, gichtkranken nazi konnte ich einfach nichts und niemandem zuordnen.
kann mir eventuell jemand weiterhelfen?

09.04.2017 12:41:17
Janine2610

Eine tote Anwältin in der Gegenwart. Ein verlassener Junge und eine Wasserleiche von vor 20 Jahren. Mittendrin ist immer wieder die Rede vom Untergang der Ostseefähre »Estonia«, die im Jahre 1994 auf ihrer Fahrt von Tallinn nach Stockholm gesunken ist und mindestens 850 Menschen das Leben gekostet hat. Als Leser fragt man sich: Wie passen die beiden oben genannten Toten und der verwaiste Junge mit diesem schrecklichen historischen Unglück zusammen? Die Antwort nach und nach herauszulesen - davon habe ich mir viel (Spannung und Lehrreiches) versprochen ...

Von Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson habe ich bereits Band eins (Später Frost) und zwei (Rotwild) um die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss gelesen, allerdings ist das schon ein kleines Weilchen her. Nichtsdestotrotz konnte ich mich schnell wieder an die beiden ungleichen Frauen erinnern und habe mich sodann auf einen spannenden Kriminalroman gefreut, zumal ich in letzter Zeit ja eher selten einen gelesen habe und mal wieder richtig Lust auf Nervenaufreibendes hatte.

~ »Estonia«, sagte Edman. »Das ist ein großes Fass. Das ist das größte anzunehmende Fass überhaupt. Sollen wir das öffnen? Können wir das öffnen? Wollen wir das öffnen? Haben wir überhaupt die Mittel dazu?« ~
(S. 226)

Historische Ereignisse in Büchern miteinzubetten, finde ich immer besonders aufregend, schließlich kann man beim Lesen dann ja auch noch was lernen. Ich selbst habe mich nach der Lektüre noch ein wenig in die Thematik rund um die gesunkene Estonia eingelesen und habe festgestellt, dass »Aus eisiger Tiefe« ziemlich gut recherchiert sein dürfte. Zumindest wären mir jetzt keine Ungereimtheiten aufgefallen. Dass sich um dieses Fährunglück viele Mythen ranken, ist mir schnell klar geworden, und genau das ist ja auch Thema in diesem Krimi: Verschwörungstheorien. - Die mitunter sehr verworren daherkommen und bei mir von Zeit zu Zeit für Verwirrung gesorgt haben.
Dennoch fand ich die Idee der Autoren, sich ein solches Ereignis herauszupicken und darum herum eine abwechslungsreiche Geschichte aufzubauen, alles andere als schlecht. Die Geschichte war zum Teil zwar ganz spannend, mir persönlich aber bei weitem nicht spannend genug, vor allem, weil es für mich, gefühlt, zu viele "Baustellen" gab, um von den Geschehnissen dauerhaft wirklich gefesselt zu sein. Aber, ich denke, das ist wahrlich Geschmackssache.

Eine der beiden Hauptfiguren ist die junge Deutsch-Schwedin Stina Forss. Sie ist auf der einen Seite eine recht unnahbare, emotionslose Person, die zur Abgebrühtheit neigt und ganz gerne mal den einen oder anderen (riskanten und vor Blut nur so triefenden) Alleingang wagt. Auf der anderen Seite haben Voosen und Danielsson der guten Stina aber auch weiblich geltende Attribute zugeschrieben, schließlich stöckelt sie ziemlich häufig auf ihren Pumps durch die Ermittlungen ...
Die Hauptkommissarin Ingrid Nyström war mir, im Gegensatz zu Stina, wesentlich sympathischer, aber auch sie hatte etwas an sich, das mich eher abgeschreckt hat: So wirkte sie für mich immer wieder wie ein Opfer der Umstände (Krankheit). Generell würde ich sie als eher negativen, aber dennoch bemühten Menschen beschreiben. Im Grunde sind die beiden Frauen sehr unterschiedlich in ihrem Charakter und ihren Leben. Beide haben ihre persönlichen und privaten Schwierigkeiten, die ebenfalls einen signifikanten Raum in der Story eingenommen haben und ganz bestimmt nicht uninteressant zu verfolgen waren. Ich habe die Geschichten von beiden Damen also sehr gerne gelesen.

~ Forss war effektiv. Aber sie war ebenso unberechenbar. ~
(S. 226)

Allgemein gesehen konnte mich der Krimi leider nicht so sehr fesseln, wie ich mir das gewünscht hätte. Teilweise war er mir zu kompliziert/verworren und weiste zu viele Baustellen auf, um mich auf Dauer überhaupt mitreißen zu können. Die vielen Beschreibungen über den Fährenbau, die Technik, die dahinter steckt und das Geschreibsel über die Werften hätte man sich in meinen Augen sparen oder wenigstens stark kürzen können. Hinzu kommt, dass die Protagonisten-Sicht, aus der erzählt wurde, meiner Meinung nach, zu oft gewechselt hat. In den Ermittlungen ging erst nicht sonderlich viel voran und dann - ganz plötzlich - wird den Kommissaren Schlag auf Schlag alles klar, plötzlich passt alles zusammen und sie kommen zur Auflösung. - Inwiefern das authentisch ist, sei dahingestellt.
Ohne Abzüge punkten konnte alles rund um die Privatangelegenheiten der Buchfiguren. Diese Geschehnisse waren ausnahmslos echt spannend mitzuverfolgen.

07.03.2015 20:15:07
Edith Sprunck

Der Krimi lebt von den spannenden, zuweilen humorvollen Darstellungen seiner ErmittlerInnen, welche einen Großteil des Romans ausmachen. Jede/r für sich ist ein Unikat, lebensecht gezeichnet. Da sind z.B. die leicht biedere, kompetente Leiterin des Teams, Ingrid Nyström und ihr krasses Gegenstück, das Teammitglied Stina Forss mit kompliziertem Innenleben, verschlossen, unter mangelnder Impulskontrolle leidend und zu illegalen, ja kriminellen Handlungen neigend. Originell auch die sich ewig in den Haaren liegenden ErmittlerInnen Delgado und Hultin. Immer wieder zum Schmunzeln verleitet der etwas altertümliche, konservative und gutmütige Lasse, der mit der Welt von Internet & Co so gar nichts am Hut hat, sich dafür aber im Rahmen guter, alter Polizeiarbeit allzu gerne von seinen Zeugen bewirten lässt und sogar hie und da effektive Ergebnisse aufzuweisen hat. Ihr aller Privatleben wird ausgiebig ausgeleuchtet, ohne dass der Bezug zur Ermittlertätigkeit verloren geht.
Die Lösung des Falles -2 Morde sind aufzuklären- führt an zahlreiche Schauplätze, auch im benachbarten Ausland. Viel Raum wird dabei der Geschichte vom Untergang der Estonia gewidmet, Fakten und Mythen eruiert. Ein interessantes, spannendes Thema, das den Krimi bereichert. Trotz der vielen Personen, Beziehungsgeflechten, Schauplätzen und Umwegen im Rahmen der Ermittlungstätigkeit verliert man nie den Überblick.

07.03.2015 12:20:44
Anja S.

In eisiger Tiefe war mein erster Krimi von Voosen/Danielson und hat mir sehr gut gefallen. Hier wird eine Geschichte langsam aufgerollt und interessant geschildert. Besonders imponiert hat mir, dass die ganzen Verschwörungstheorien zur "Estonia" zwar erwähnt, aber nicht in die Auflösung übernommen wurde (die Auflösung ist also nicht, dass die Estonia von einem Geheimdienst in die Luft gesprengt wurde). Die einzelnen Figuren (die eigensinnige Stina, die besonnene Ingrid) werden glaubwürdig geschildert, das Buch ist sehr spannend.