Schneewittchensarg

Erschienen: Juni 2019

Couch-Wertung:

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Thomas Gisbertz
Komplexer und wendungsreicher Schweden-Krimi

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2019

Im Schwedischen Glasmuseum in Växjö findet eine Vernissage zum 250-jährigen Bestehen des Gustavsson-Konzerns statt. Unter den über 400 Exponaten erweckt eines ganz besondere Aufmerksamkeit: die Installation „Schneewittchen“, ein durchsichtiger Sarg aus Glas des Künstlers Jan Hesenius. Innerhalb des Sarges befindet sich ein gläsernes Skelett – normalerweise. Doch diesmal liegt dort ein echter Leichnam. Allen Anschein nach handelt es sich dabei um Berit Gustavsson, die 1971 auf ihrer Hochzeit plötzlich spurlos verschwand. Mehr als 40 Jahre später tauchen nun ihre sterblichen Überreste in Form dieses bizarren Kunstwerks wieder auf.

Die ungleichen Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss stehen zunächst vor  einem Rätsel. Wer bewahrt über Jahrzehnte eine Leiche auf, um sie nun derart zu präsentieren? Bald schon rücken drei Familienunternehmen, allesamt Glashüttenbesitzer, in den Fokus der Ermittlungen. Doch je tiefer Nyström und Forss in der Vergangenheit graben, desto widersprüchlicher und rätselhafter scheinen die Dinge, die sie aufdecken:  Im Mittelpunkt steht eine Familientragödie, bei der es um Verrat, brennende Eifersucht und unstillbaren Lebenshunger geht.

Liebe ist nicht das einzige Motiv für die Hochzeit

Schnell erkennen die Ermittlerinnen und ihr Team, dass es mit der vermeintlichen Liebeshochzeit zwischen dem Konzernsohn Gunnar Gustavsson und Berit Lundberg, der Tochter eines konkurrierenden Glasfabrikanten, nicht weit her ist. Die familiäre und damit auch wirtschaftliche Vereinigung zweier Glasunternehmen spielte wohl eine wichtige Rolle.

Bei den Ermittlungen wird deutlich, dass die Braut zuvor während ihrer Studienzeit in Stockholm für einen Escortservice gearbeitet hat. Die hochbegabte Künstlerin und selbstbewusste Frau schien es mit der Treue nicht allzu ernst zu nehmen.

Welche Rolle spielte am Abend der Hochzeit Herbert Moosbrugger, der als Waise von der Familie Lundberg aufgenommen wurde und der eine enge Beziehung zu Berit pflegte? Erst auf sein Drängen hin wurde damals die Braut nach altem österreichischen Ritus entführt – und verschwand genauso wie Moosbrugger selber plötzlich und unerwartet. Hatten beide vielleicht eine Affäre miteinander? Erst nach und nach scheint sich der Nebel in diesem undurchsichtigen familiären Geflecht zu lichten. Am Ende machen Nyström und Forss eine unfassbare Entdeckung.

Fortsetzung der erfolgreichen deutsch-schwedischen Reihe

„Schneewittchensarg“ von Kerstin S. Danielsson und Roman Vossen ist der inzwischen siebte Fall der Nyström-Forss-Reihe. Die „Welt“ schrieb vor einigen Jahren: „Voosen und Danielsson gehören zu den großen Talenten im deutschsprachigen Kriminalroman“. Über diesen Status sind die beiden Autoren längst hinaus. Sozialkritisch wie die großen Heroen des schwedischen Krimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö, oder auch gesellschaftspolitisch wie Stieg Larsson, beweist das Autorenduo seit langem, dass es zu den interessantesten Krimischreibern aktuell gehört.

Erneut verbinden Voosen/Danielsson schwedische Geschichte und Kultur mit einem spannenden Fall, der diesmal in der thematisch eher ungewöhnlichen Glasindustrie spielt. Gerade diese Verknüpfung unterschiedlicher Aspekte und Inhalte, gepaart mit einem vielschichtigen Ermittlerteam macht die Lektüre auch diesmal zum reinen Lesevergnügen. Växjö, das als Hauptstadt des sogenannten „Glasreiches“ gilt, steht auch diesmal im Zentrum der Handlung.

Besondere Auszeichung für Voosen/Danielsson

Die Klasse des Autorenpärchens hat sich mittlerweile bis nach Schweden herumgesprochen: Der erste Band der Krimireihe um die beiden Ermittlerinnen Ingrid Nyström und Stina Forss mit dem Titel „Später Frost“ ist ins Schwedische übersetzt worden – der Ritterschlag für einen deutschen Schwedenkrimi, auch wenn Kerstin Signe Danielsson im schwedischen Växjö geboren und aufgewachsen ist und beide inzwischen dort leben. Verfasst werden die Romane aber in deutscher Sprache. Des Weiteren werden in der Residenzstadt der Provinz Småland, Växjö, nun für Interessierte auch Krimi-Führungen mit dem Duo angeboten.

Private Probleme erschweren die Ermittlungsarbeit

Getragen wird die Handlung wie immer von den beiden ungleichen Ermittlerinnen:  der jungen Deutsch-Schwedin Stina Forss und ihrer Vorgesetzten, Hauptkommisarin Ingrid Nyström. Diese hat nicht nur mit dem aktuellen Fall zu kämpfen, sondern schlägt sich auch mit privaten Sorgen herum. Ihr Mann Anders fliegt nach Tansania, um sich im Rahmen eines kirchlichen Entwicklungsprojekts unter anderem am Bau einer Schule zu beteiligen.

Begleitet wird er von Tochter Anna und deren knapp einjährigen Sohn. Anna - wie auch der Rest der Familie - versucht über den plötzlichen Tod ihrer Lebensgefährtin Healey Harrington hinwegzukommen, die im letzten Band der Reihe, „Erzengel“, einem Attentat zum Opfer fiel, dessen Motiv weiterhin im Dunkeln liegt. Beim Versuch der Aufklärung werden die Hintergründe immer verworrener. Irgendjemand scheint etwas verbergen zu wollen und auch Nyströms Kollegin Stina Forss anscheinend unbeabsichtigt in den Fall verwickelt.

Undurchsichtige Vergangenheit des Vaters

Auch die Deutsch-Schwedin Forss wird immer wieder mit der Vergangenheit ihres gehassten und mittlerweile verstorbenen Vaters Kjell konfrontiert. Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch ihr Ex-Kollege Kent Vargen, den es scheinbar nie gegeben hat. Zahlreiche Fragen geistern der Kommissarin immer wieder durch den Kopf: Wer war dieser Kent Vargen, über den sich die Polizeibehörde bis heute in Schweigen hüllt?

Warum hat ihr Vater die höchste Tapferkeitsmedaille des Landes erhalten, die offiziell nie verliehen wurde? Und welches Bewandnis hat es, dass der Drahtzieher des Bombenattentats, bei dem neben Kent Vargen einundzwanzig weitere Menschen ihr Leben und Forss selber ihr linkes Auge verloren hat, ein rechtsextremer Terrorist war, der ihr ein gutes Jahr vor dem Anschlag auf der Bestattung ihres Vaters die Hand geschüttelt und Beileid ausgedrückt hat?

Geschickte Verflechtung der Handlungsstränge

Die Angst der Unbekannten, die hinter all dem zu stecken scheinen, ist groß, dass die neugierige, instinktsichere und durchsetzungsstarke Kommissarin Forss eines Tages über etwas Belastendes stolpern wird und die Geheimnisse aufdecken könnte. Was die Kommissarin in diesem Band über ihren Vater zu erfahren scheint, hängt eng mit der politischen Vergangenheit Schwedens zusammen und erschüttert die Kommissar bis ins Mark.

Besonders die Darstellung dieser politisch-gesellschaftlichen Verstrickungen zeigt immer wieder, wie nah Voosen/Danielsson einem Autor wie Stieg Larsson sind, ohne allerdings dabei ihren eigenen Stil aufzugeben. Beide verstehen es brillant, die parallelen Handlungsfäden, die sich wie bei Forss geheimnisumwitterten Vater durch sämtliche Bände der Reihe ziehen, miteinander zu verknüpfen. Ein geschickter Cliffhanger am Ende des Romans weckt bereits jetzt die Neugierde auf den nächsten Fall.

Fazit:

Erneut gelingt Voosen/Danielsson ein vielschichtiger, durchweg spannender, psychologisch komplexer sowie gut durchdachter Fall. Das Autorenpaar zählt längst zu dem Besten, was es derzeit in der skandinavischen Kriminalliteratur gibt. Ihr eigener Stil ist unverkennbar: die Verknüpfung von gesellschaftspolitischen mit geschichtlichen Themen, ein vielschichtiges Handlungsgeflecht und authentische Figuren, die doch auf ihre Art anders sind, sodass sie sich aus der breiten Masse der Kriminalermittler wohltuend hervortun. Die starke Figurenzeichnung auch bei den vermeintlichen Nebenrollen und die detaillierte Ermittlungsarbeit überzeugen wie bisher in jedem Fall der Reihe. Ein wahres Lesevergnügen und ein Muss für Fans des skandinavischen Krimis.

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