Später Frost

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: DAV, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Thomas Sarbacher

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Jürgen Priester
Mit dem Zeug zum Klassiker

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2013

Seit Maj Sjöwall und Per Wahlöö ist Schweden, seit Henning Mankell Südschweden traditionelles Krimiland. Im südschwedischen Växjö, in der historischen Provinz Småland, hat auch das schwedisch-deutsche Autorenpaar Kerstin Signe Danielsson und Roman Voosen ihre neue Krimireihe angesiedelt. Dort ermitteln die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss bei der örtlichen Kriminalpolizei. Später Frost aus dem letzten Jahr ist ein vielversprechender Serienauftakt. Die Fortsetzung Rotwild erscheint in den nächsten Tagen (Mitte August), auf die Leser sich schon freuen können.

Das Autorenduo tat gut daran, ihre Krimireihe ins europäische Ausland zu verlegen - Schweden ist ja aufgrund Danielssons Herkunft auch konsequent. Die deutsche Krimi-Landschaft wurde in den letzten Jahren mit Verbrechensschauplätzen fast gänzlich zu gepflastert. Von Sylt bis zum Watzmann, von der Saar bis an die Oder gibt es kaum noch eine größere Stadt oder Region, in der nicht nach fiktiven Verbrechern ermittelt wird. In der Masse dieser sogenannten Regio-Krimis ist Qualität eher selten und schwer zu entdecken. Um nicht in diesem Wust unterzugehen, macht eine geografische Auslagerung einfach Sinn.

Von oben betrachtet, macht Växjö, an der Schnittstelle zweier großer Seen gelegen, ein friedlichen, ja schon fast idyllischen Eindruck. Die 60.000-Einwohner-Gemeinde scheint kein Hort des Kapitalverbrechens oder der Bandenkriminalität zu sein.

Nach einem schweren Unfall will sich der Leiter der dortigen Kriminalabteilung Gunnar Berg in den vorzeitigen Ruhestand versetzen lassen. Hauptkommissarin Ingrid Nyström soll ihren Chef und Mentor in dieser Funktion beerben. Obwohl sie sich der neuen Herausforderung gewachsen weiß, fällt es Nyström doch nicht so leicht, aus dem Kreis der gleichberechtigten Kollegen herauszutreten, für alle(s) Verantwortung zu tragen und Anordnungen zu geben. Zudem muss sie sich auch noch um die Einarbeitung einer neuen Kollegin aus Deutschland kümmern. Stina Forss hatte sich von der Kripo Berlin nach Växjö versetzen lassen, um in der Nähe ihres erkrankten Vaters zu sein. Hier nun muss die erfahrene Kriminalistin ein Anerkennungsjahr absolvieren, was neben dem normalen Schichtdienst, auch Schulbankdrücken bedeutet. Von Letzterem ist Stina Forss wenig begeistert. Aber der erste "richtige" Fall, der sie und ihre neue Chefin fordern wird, lässt nicht lange auf sich warten.

Auf dem platten Land unweit von Växjö wird der alleinlebende Balthasar Melchior Frost ermordet aufgefunden. Der gebürtige Engländer war schon in der Nachkriegszeit nach Schweden übergesiedelt. Bei Börsenspekulationen hat er ein glückliches Händchen bewiesen und ein kleines Vermögen angehäuft, mit dem er ein sorgenfreies Leben gestalten und sich ganz seiner Hobbys, der Schmetterlingsforschung und der Kalligraphie, widmen konnte. Seine Nachbarn, die im Zuge der Ermittlungen befragt wurden, beschreiben ihn als bescheidenen, charmanten Zeitgenossen, der sehr zurückgezogen lebte. Nun liegt er tot mit schweren Verätzungen im Gesicht und abgetrenntem Finger in seinem Gewächshaus. Nyströms Team steht vor der Frage, warum dieser harmlose alte Mann so grausam umgebracht worden ist.

Jetzt ist polizeiliche Klein-(Fein-)arbeit angesagt. Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen muss gefunden werden, um den Fall weiter voranzutreiben. Die Beamten stellen Frosts Haus auf den Kopf, drehen dabei jedes Blatt Papier zweimal um in der Hoffnung auf Informationen. Banken werden kontaktiert, eine Anfrage an die Stadt Hull, Frosts Geburtsort, gestellt. Es geht nur mühsam voran. Frosts Leben ist doch nicht so gradlinig verlaufen, wie allgemein angenommen wurde. Die Ermittler verfolgen seine Spur zurück bis ins Jerusalem des Jahres 1948.

Man kann den Kriminalroman nicht mehr neu erfinden und die Autoren haben es erst gar nicht versucht, sondern Bewährtes spannend in Szene gesetzt. Ihr Roman steht in der Tradition des klassischen Krimis, ohne aber den realitätsfernen Raum einer von der Außenwelt abgeschnittenen Berghütte zu betreten. Verankert in der Geschichte Schwedens setzt Später Frost auch die skandinavische Krimi-Tradition fort. Der Titel lässt an lange dunkle Winterabende mit Minustemperaturen und gramgebeugten Protagonisten denken. Das mit den Minusgraden stimmt dann auch, denn die Handlung spielt im Februar. Aber Danielsson und Voosen haben haben ein quirliges Team am Start, in dem es durchaus Animositäten gibt, doch letztendlich ziehen alle am gleichen Strang. Erste unter Gleichen sind die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss, deren Privatleben, Gott sei Dank, nicht über die Gebühr ausgebreitet wird. Bei ihrem ersten Auftritt wirken sie recht "normal" - soll heißen: die Autoren sind nicht der Unsitte verfallen, ihre Protagonisten mit Vergangenheitstraumata zu überfrachten. Nyström ist mit einem Pfarrer glücklich verheiratet und Mutter zweier Kinder. Forss ist Single und muss sich in ihrer neuen Umgebung erst einmal orientieren. Die Gewichtung von Privatleben einerseits und Krimihandlung andrerseits passt hier perfekt.

Später Frost bietet einen glaubhaft konstruierten Plot mit vielen Wendungen, Scheinidentitäten und geheimnisvollen Beobachtern. Spannende Lektüre ist somit garantiert. Und ebenfalls positiv ist, dass die Autoren eben nicht die in der letzten Zeit so favorisierte Hardboiled-Schiene fahren, sondern einen ehrlichen Polizeiroman geschrieben haben. Der Rezensent freut sich schon auf die Fortsetzung.

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