Erzengel

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018, Seiten: 496, Originalsprache

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Thomas Gisbertz
Stieg Larssons Erben

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Dez 2017

Mehr und mehr erhärtet sich der Verdacht, dass Sidenvall seinerzeit gar keinen Selbstmord begehen konnte. Um Klarheit in den Fall zu bekommen, lässt Ingrid Nyström dessen Grab öffnen - und muss überrascht feststellen, dass es leer ist. Aber wer könnte ein Interesse am Leichnam des mutmaßlichen Attentäters und vermeintlichen Selbstmörders haben? Gibt es etwas im Zusammenhang mit dem Mord an den jungendlichen Musikern, was es zu vertuschen gilt?

Die komplexe Ermittlung führt die Ermittlerinnen in die Tiefen einer düsteren Subkultur und an die Grenzen zwischen Glauben und fanatischer Religiosität. Plötzlich brennen auch noch rund um Växjö zahlreiche mittelalterliche Kirchen und ein Kollege aus dem Ermittlerteam wird schwer verletzt. Nyström und Forss müssen schmerzhaft erkennen, dass der damalige Fall noch längst nicht gelöst, sondern immer noch aktuell und lebensgefährlich ist.

Emanzipation von den großen schwedischen Vorbildern

"Erzengel" von Kerstin S. Danielsson und Roman Vossen ist der inzwischen sechste Fall der Nyström-Forss-Reihe. Die "Welt" schrieb vor einigen Jahren: "Voosen und Danielsson gehören zu den großen Talenten im deutschsprachigen Kriminalroman". Über diesen Status sind die beiden Autoren längst hinaus. Sozialkritisch wie die großen Heroen des schwedischen Krimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö, oder auch die Gesellschaft anprangernd wie Stieg Larsson, hat das Autorenduo seit langem bewiesen, dass es zu den lesenswerten Krimischreibern aktuell gehört.

Sicherlich ähneln Danielsson und Vossen den großen Vorbildern ab und an, aber dennoch ist es ihnen gelungen, mehr und mehr ihren eigenen Stil zu finden, und vor allem mit Stina Forss eine Ermittlerin zu erschaffen, die zwar in ihrem Auftreten etwas an die rebellische Lisbeth Salander erinnert, aber in ihrem Habitus eine der vielschichtigsten Kommissarinnen der deutschsprachigen Krimiliteratur ist und ihresgleichen sucht.

Starkes Ermittlerteam und interessante Figuren

Auch wenn Ingrid Nyström und besonders Stina Forss jeweils ihre eigenen privaten Probleme haben, so treten diese niemals so sehr in den Vordergrund, dass sie vom eigentlichen Fall ablenken oder diesen sogar in den Hintergrund drängen. Ein großes Plus der Reihe ist, dass sich immer wieder kleinere Nebenhandlungsstränge geschickt durch mehrere Fälle ziehen. So werden zum Beispiel die Ereignisse am Ende des 5. Falles "Der unerbittliche Gegner" hier wieder aufgenommen.

Besonders die rätselhafte Vergangenheit von Kent Vargen, der Stina Forss bei einem Anschlag auf ein Fußballstadion das Leben gerettet hat (Forss wurde dabei schwer verletzt und verlor sogar ein Auge), ist immer wieder Thema in diesem Roman. Gleichzeitig wird hier auch an die undurchsichtige Vergangenheit von Forss' ungeliebtem Vater angeknüpft, der vor einigen Jahren verstorben ist.

Ingrid Nyström leidet diesmal weniger an gesundheitlichen Problemen, sondern viel mehr unter der Entscheidung ihres Mannes Anders, der sich in einem Entwicklungshilfeprojekt im Westen Tansanias engagieren möchte. Diese Entscheidung hat er ohne seine Frau getroffen, die Anders deswegen mit Missachten straft.

Auch der Rest des Ermittlerteams tritt abseits der Ermittlungen immer wieder in den Vordergrund: Sei es ein unvorsichtiger Tweet über das leere Grab Sidenvalls, der für einen Skandal sorgt, oder ein plötzlicher, aber nicht ganz unerwarteter Seitensprung innerhalb der Abteilung. Mit diesem Ermittlerteam wird es nie langweilig.

Ein wie immer gut recherchierter Krimi mit viel Tiefgang

Wer die Nyström-Forss-Reihe kennt, der weiß, wie gut die thematischen Schwerpunkte der einzelnen Romane recherchiert sind: egal, ob es um politische Intrigen geht oder um sozialkritische Themen, alles ist immer eng mit der schwedischen Lebenswelt, Gesellschaft und Politik verknüpft. Zugegeben: Diesmal treffen Voosen/Danielsson vielleicht nicht unbedingt in allen Bereichen den Geschmack der Leser. Denn wer nicht gerade Gefallen an der Musikrichtung des Metals findet, den könnten die zum Teil doch etwas langatmigen Diskussionen darüber ermüden, worin nun genau die Abgrenzung zwischen Heavy Metal, Black Metal, White Metal oder auch Death Metal liegt. Zumal dieses Wissen für die Lösung des Falles auch nicht zwingend notwendig ist.

Darüber hinaus ist der Besuch der Eltern und Geschwister aller sechs getöteten Jugendlicher zu Beginn des Romans aus Ermittlungsgründen natürlich richtig, wirkt aber insgesamt doch etwas zäh und monoton, vor allem da fast alle auch noch ein zweites und drittes Mal im Laufe der Handlung befragt werden.

Was in sämtlichen Bänden der Reihe bisher die große Stärke des Autorenduos war, zeigt sich erneut auch im "Erzengel": Beide verstehen es, die düstere, teilweise melancholische Stimmung des winterlichen Schwedens und seiner Bewohner einzufangen. Diesmal bereist Stina Forss für die Lösung des Falles fast ganz Schweden, wodurch ein vielfältiges Bild des skandinavischen Landes gezeigt wird. Voosen/Danielsson verstehen es meisterhaft, den Leser mit auf die Reise durch ihre (Wahl-)Heimat zu nehmen und gleichzeitig den Spannungsbogen geschickt zu steigern.

Derzeit mit das Beste aus dem hohen Norden

Auch wenn "Erzengel" sicherlich nicht der stärkste Fall der Reihe ist, so gelingt Voosen/Danielsson erneut ein spannender, psychologisch komplexer sowie gut durchdachter Fall. Das Autorenpaar zählt längst zu dem Besten, was es derzeit in der skandinavischen Krimiliteratur gibt und es ist längst aus dem Schatten anderer Größen wie Mankell oder Sjöwall/Wahlöö getreten.

Ihr eigener Stil ist unverkennbar. Die Figuren sind authentisch und doch auf ihre Art anders, sodass sie sich aus der breiten Masse der Ermittler wohltuend hervortun. Diese starke Figurenzeichnung macht jede Lektüre der Reihe zu einem Genuss. Ein wahres Lesevergnügen und ein Muss für Fans des skandinavischen Krimis.

Erzengel

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