Der rote Raum

Erschienen: Oktober 2021

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Thomas Gisbertz
Schwächster Teil einer starken Reihe

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Okt 2021

Kurz nach Mittsommer bekommt es das Team um Kommissarin Ingrid Nyström in Småland mit einem rätselhaften Mordfall zu tun. Der Hausmeister des neuen Wohnkomplexes „Stairway to heaven“ der boomenden Provinzmetropole Växjö findet einen der Bewohner tot auf: Dem alleinstehenden Informatiker Adam Arlemark wurde das Herz entnommen und durch eine Kugel mit einem seltenen Gesteinsbrocken ersetzt. Im Rahmen der Ermittlungen wird immer deutlicher, dass das Leben des Opfers von Leid und Rückschlägen gezeichnet war. Als Nyström den kognitiv beeinträchtigten Bruder Arlemarks verhören muss, macht sie eine schockierende Entdeckung.

Looked-room mystery

Gleichzeitig ermittelt Nyströms ehemalige Kollegin Stina Forss in einem zweiten mysteriösen Fall im schwedischen Norden. Der zweiundfünfzigjährige Automechaniker Matti Leinonen wurde während der Arbeit unter einer Hebebühne zu Tode gequetscht. Das Seltsame ist aber, dass ihm auch die Leber entfernt wurde. Es stellt sich nun die Frage, wie dies möglich war. Das Opfer befand sich in seiner von innen hermetisch abgeriegelten Werkstatt. Wie konnte der Täter hinein gelangen oder anschließend spurlos verschwinden? Handelt es sich vielleicht in beiden Fällen des „Organraubes“ sogar um denselben Killer? Die Zeit drängt, denn es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es weitere Todesopfer gibt.

Schwedische Krimireihe

Die SPIEGEL-Bestseller-Autoren Kerstin S. Danielsson und Roman Voosen legen mit „Der rote Raum“ den mittlerweile neunten Band ihrer erfolgreichen Reihe um die Ermittlerinnen Ingrid Nyström und Stina Forss vor. Bereits 2012 begann die Erfolgsstory um das Ermittlerteam aus der Provinzstadt Växjö. Mittlerweile sind die ersten Bänden bereits ins Schwedische übersetzt worden, was für ein deutsch-schwedisches Autorenpärchen sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist. Es spricht aber für die Klasse dieser skandinavischen Krimireihe.

Der aktuelle Band stellt eine inhaltliche Zäsur dar. Zum ersten Mal ermitteln Nyström und Forss nicht gemeinsam. Die Abteilung für Gewaltverbrechen muss nun seit einem Dreivierteljahr ohne die deutsch-schwedische Ermittlerin Stina Forss auskommen. Beim letzten gemeinsamen Fall ist es den beiden Ermittlerinnen im Zusammenhang mit der Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Olof Palme noch gelungen, eine Verschwörung aufzudecken, die hinter dem vierunddreißig Jahre zurückliegenden Mord steckte. Aber bevor Nyström und Forss der Sonderermittlungsgruppe Beweise und Fakten vorlegen konnten, wurde diese kurzerhand aufgelöst und der Öffentlichkeit ein Einzeltäter präsentiert, der bereits lange tot ist. Nach den Geschehnissen der letzten Jahre und dem Rückschlag in diesem letzten gemeinsamen Fall, war es für Stina Forss Zeit für einen Neuanfang und so ließ sie sich nach Stockholm zur Reichsmordgruppe der Operativen Einheiten versetzen.

Neues Team

Nach Stina Forss verließ auch deren Kollegin Anette Huldin die Abteilung in Växjö. Dafür ist nun Sara Hjalmarsson, eine frischgebackene Absolventin der Polizeihochschule, Teil des Teams. Die vierundzwanzigjährige Berufsanfängerin verdreht vom ersten Tag an mit ihrem attraktiven Äußeren und ihrer leicht unbedarften Art den alteingesessenen männlichen Kollegen Hugo Delgado und Lasse Knutsson den Kopf - obwohl letzterer ihr Großvater sein könnte. Schnell stellt sich aber für die Herren überraschenderweise heraus, dass Hjalmarsson eine ausgezeichnete Polizistin ist, die ihnen in nichts nachsteht. Im Gegenteil: Sie zeigt sich den Kollegen sogar in der grundlegenden Polizeiarbeit überlegen.

Dieser Umbruch im Team für Gewaltverbrechen stellt im neunten Band der Reihe einen - besonders vor dem Hintergrund der Geschehnisse der letzten drei Fälle - notwendigen Einschnitt dar, um alte Strukturen aufzubrechen und neue Impulse zu setzen. Die bisherige Geschichte um Stina Forss, ihrem Vater und dessen Vergangenheit erscheint erschöpfend behandelt. Dennoch gelingt dieser Einschnitt nur bedingt. Der Versuch, eine neue starke Frau einzuführen, die aber charakterlich anders als Nyström und Forss ist, scheitert zunächst, weil es gleichzeitig die Figuren der männlichen Ermittler unnötigerweise abschwächt, ja sogar in gewisser Weise karikiert. So wirkt z.B. das ständige Balzverhalten der beiden Ermittler Delgado und Knutsson auf Dauer albern und auch nicht mehr zeitgemäß.

Schwache Darstellung

Nicht nur die Figurendarstellung überzeugt zu wenig, auch die Story wird mit zunehmender Dauer hanebüchener. Das Ende erscheint beinahe schon willkürlich konstruiert. Dabei stehen Voosen / Danielsson eigentlich für sozialkritische Romane, die immer auch einen Blick in die Geschichte Schwedens werfen. Besonders die differenzierte Darstellung von Konfliktthemen, die sich mit der schwedischen Gesellschaft auseinandersetzen, sind eigentlich die große Stärke dieser Reihe.

Diesmal geht es - zumindest ansatzweise - um die Minderheit der Samen, einem indigen Volk, das auch im Norden Schwedens sesshaft ist und immer wieder mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen hat. Den Samen wurde erst 2020 per Gerichtsbeschluss nach langem Kampf wieder das Recht zugesprochen, Jagd- und Fischereirechte in ihrem Gebiet in eigener Regie zu vergeben und dafür Geld zu nehmen. Das Grundsatzurteil des höchsten schwedischen Gerichts wird vom Samen-Volk in ganz Skandinavien als ein Sieg gegen Unterdrückung gefeiert. Doch das Urteil hat auch negative Folgen. So haben nicht zuletzt auch rassistische Anfeindungen gegen die Minderheit zugenommen.

Statt dem Klischeebild des Samen aber entgegenzuwirken, bleibt die Auseinandersetzung mit diesem Thema diesmal bei aller gut gemeinten Absicht und sicherlich erneut genauer Recherche nicht nur zu oberflächlich, sondern nimmt bisweilen skurrile Züge an, wenn es um die Filtration von Giftstoffen durch den Genuss von Rentierurin zwecks Rauschgenüsse geht. Damit wird man dem Ernst des Themas nicht gerecht. Dabei hätte die Diskussion um die samische Minderheit genügend Konfliktpotential für einen spannenden Kriminalroman geboten.

Insgesamt wirkt der Plot diesmal thematisch und inhaltlich überfrachtet; dessen Umsetzung gelingt nur bedingt.

Fazit:

Voosen / Danielsson haben mit den bisher erschienen Bänden der Forss-Nyström-Reihe die Messlatte extrem hoch gelegt. Das deutsch-schwedische Autorenpaar zählt grundsätzlich längst zu dem Besten, was es derzeit in der skandinavischen Kriminalliteratur gibt. Die Qualität, die dessen Romane eigentlich auszeichnet, erreicht der neunte Band „Der rote Raum“ leider nicht. Die genau recherchierte und ansonsten stets exzellent umgesetzte Handlung erscheint diesmal ungewohnt lieblos und uninspiriert.

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