Wenn die lang erwarteten Ferien nicht spannend sind.
Sicher weiß jeder von uns, dass jede Medaille zwei Seiten hat und nicht alles, was glänzt, tatsächlich aus Edelmetall ist. So verhält es sich natürlich auch mit vielen Orten, denen der Ruf vorauseilt, dass man hier nur über goldene Straßen flaniert und die Einwohner jeden Tag ihres Lebens glücklich verbringen. Selbstverständlich haftet dieser Ruf auch Los Angeles und erst recht dem Stadtteil Venice Beach an. Hier wohnen die Reichen und die Schönen – und natürlich all jene, die davon träumen, ein kleines Scheibchen von diesem Reichtum und dieser Schönheit abzubekommen.
Viele von ihnen stranden in einem kleinen, schäbigen Backpacker-Hostel in einer Nebenstraße. In dessen Einzelzimmern und Schlafsälen kommen die unterschiedlichsten Charaktere und Geschichten zusammen: Da ist zum Beispiel die Australierin Ruth, die große persönliche Opfer gebracht hat, um ihrem Idol Zack nahe zu sein. Die US-Amerikanerin Savannah ist dagegen auf der Flucht vor ihrer Familie. Und Nicole und Eric aus England folgen den Spuren einer ehemaligen Patientin, um die sie sich in ihrem Job als Krankenpfleger gekümmert haben. Es kreuzen sich viele Schicksale im „Venice Beach International Hostel“ – und nicht alle von ihnen sind unschuldiger Natur…
Was ist da los, Herr Marrs?
Viele von uns haben sicherlich die atemberaubenden Romane von John Marrs aus den Vorjahren noch in guter Erinnerung. Da wurden dramatische Verstrickungen zwischen Familienmitgliedern oder Ehepartnern fein konstruiert und mündeten in hochspannende Psychospiele. Wer dagegen jetzt zu Marrs’ neuestem Werk greift, der fragt sich unweigerlich, was mit dem Autor passiert ist.
Marrs stellt eine große Gruppe junger Leute vor und erzählt ihre Geschichten im Hier und Jetzt sowie in Rückblicken auf ihre Vergangenheit. Grundsätzlich wäre das auch gar nicht so langweilig, hätte man nicht – wie es der Untertitel des Romans verspricht – „Sommer, Sonne und tödliche Geheimnisse“ erwartet. Nun, die tödlichen Geheimnisse nehmen sich in diesem Buch sehr viel Zeit. Bis zur Mitte passiert eigentlich kaum etwas, was über einen schlichten Hausfriedensbruch hinausgeht.
Frühe Versuche im neuen Gewand
Immerhin: Ab der zweiten Hälfte mag es tatsächlich das eine oder andere „tödliche Geheimnis“ geben – oder zumindest Vorgänge, die noch immer dazu geeignet sind, den Neubau von Gefängnissen zu rechtfertigen. Aber bis dahin ist es eine recht mühsame Reise, und viele Leser*innen dürften sich fragen, was aus der leichten Eleganz wurde, mit der John Marrs früher die fesselndsten Plots zu konstruieren vermochte.
Die Aufklärung für diesen Durchhänger ergibt sich erst auf den letzten Seiten im Nachwort: Marrs beschreibt dort, dass er diesen Roman vor Jahren schon einmal im Selbstverlag veröffentlicht hat und mit der aktuellen Fassung lediglich eine Überarbeitung vorlegt. Ob es nun besser gewesen wäre, manche Frühwerke im Verborgenen zu lassen, oder ob überarbeitete Romane einen ganz eigenen Glanz haben, sei der Einschätzung der Leserschaft überlassen.
Fazit
Die „tödlichen Geheimnisse“ in The Vacation erinnern ein bisschen an den phantastischen Sommerurlaub im coolen Sternehotel, der liebevoll geplant wurde, sich aber dann als Aufenthalt in einer 0815-Anlage mit einer Baustelle vor der Haustür und einem langen Weg zum Strand entpuppt. Immerhin: Für die leichte Lektüre am Swimmingpool reicht es allemal.

John Marrs, Heyne


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