TV-Serie:
Mord auf Shetland (Staffel 3)

Serien-Spezial von Jochen König (11.2020) / Titel-Motiv: © edel:motion/Glücksstern

Gutes wird noch besser – Ay!

Still, aber gar nicht heimlich, hat sich „Mord auf Shetland“ zu einer der stärksten britischen Krimiserien gemausert. Bestand die erste Staffel, der auf den Büchern von Anne Cleeves beruhenden Serie,  noch aus Einzelfällen, die durch ihr pittoreskes Setting, die stilvollen Bilder und die Eigenheiten der Einwohner und Zugereisten gefielen, besaß die zweite Staffel bereits eine durchgehende Storyline, wechselte zeitweise nach Schottland und bestach durch ihre düstere Stimmung, die vor allem durch einen eindringlichen Erzählstrang über sexualisierte Gewalt erzeugt wurde.

Weiter Richtung Noir mit Staffel Nummer Drei

Der zu lebenslänglicher Haft verurteilte Thomas Malone wird nach 23 Jahren, wegen eines nachweislichen Verfahrensfehlers, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Als Jugendlicher soll er die von ihm verehrte, lebenslustige Lizzie Kilmuir erwürgt haben. Er kehrt in seinen Heimatort auf den Shetlands zurück und wird natürlich nicht mit offenen Armen empfangen. Das Misstrauen, das ihm entgegenschlägt, wächst sich zu Hass mit Lynchjustizstimmung aus, als die Journalistin Sally McColl ermordet aufgefunden wird. Ist sie doch die Tochter des ehemaligen Chefermittlers Drew McColl, der maßgeblich für Malones Aburteilung sorgte.

Während McColl und die eilig vom Festland herbeigerufene Scotland Yard-Unterstützung Jessie Cole von Malones neuerlicher Schuld überzeugt sind, gehen DI Jimmy Perez und sein Team offener zu Werke. So ergeben sich Verweise auf Norwegens Rechtsextremisten-Szene, wegen der Sally recherchierte. DS Alison 'Tosh' McIntosh begibt sich nach Norwegen und bekommt den alerten Polizisten Lars Bleymann zur Unterstützung zugewiesen, der ihr nicht nur beruflich nahe sein möchte. Obwohl Tosh nach den letzten Erlebnissen in Schottland ihrem Urteilsvermögen nicht mehr traut, bleibt sie hellwach. Was auch gut ist.

Auf Shetland werden Malone und Sally McColls Freundin überfallen, kommen aber mit dem Leben davon. Die Zahl der möglichen Verdächtigen steigt derweil und auch die Untersuchungen des Mordes aus dem Jahre 1994 bringen etliche Ungereimtheiten zutage. Alles spitzt sich zu, als Duncan, Jimmy Perez‘ Freund und leiblicher Vater seiner Stieftochter Cassie, zum Hauptverdächtigen avanciert und Thomas Malone davon erfährt.

Nothing’s safe in this world*

Wieder gibt es ausdrucksstarke Bilder der mal kargen, mal märchenhaften Landschaft der Shetland-Inseln, wieder sind die schauspielerischen Leistungen exzellent.

Douglas Henshalls Jimmy Perez ist kein detektivisches Genie, sondern ein akribischer Arbeiter mit hohem Gerechtigkeitssinn, der auch vor persönlichen Verstrickungen nicht Halt macht. Perez agiert meist besonnen und mit Einfühlungsvermögen, vermeidet voreilige Schlussfolgerungen und bleibt offen für neue Lösungswege. Wie es sich für einen echten Shetländer gehört, ist er alles andere als redselig. Warum lange monologisieren, wenn ein einfaches: „Ay!“ reicht. Das führt zu trockenen, witzigen Onelinern. Insbesondere in den Gesprächen mit der ungeliebten Scotland Yard-Kollegin aus Glasgow.

Jessie Cole: „Haben Sie ein Problem mit mir, oder lassen Sie sich von keinem was sagen?“
Jimmy: „Nein, nein, nur von Ihnen nicht.“

Die trügerische Ruhe inmitten eines Sturms

Alison 'Tosh' McIntosh ist ihm gar nicht unähnlich, etwas lebhafter und mitteilsamer, ein fähiger Zögling des Detective Inspectors. Leider traut sie nach den traumatischen Erlebnissen in Schottland ihrem Urteilsvermögen nicht mehr komplett und hat auch einiges von ihrer anfänglichen chaotischen Lebensfreude verloren. Das ist eine der Stärken von „Mord auf Shetland“; die Serie zeigt wandlungsfähige Figuren, die charakterlich durchaus vielschichtig sind. Was dazu führt, dass, von unserem Trio Perez, Tosh und Sandy Wilson im Mittelpunkt (bislang) abgesehen, nahezu jeder Beteiligte zum Verdächtigen taugt. Geheimnissee, Lügen und Ressentiments alleweil, im schlimmsten Fall eine ethische Verwahrlosung, die auf die ein und andere Art Menschenleben kostet. Die wenigen Unschuldigen trifft es besonders hart.

Das ist nachvollziehbar und im Verlauf der Staffel äußerst spannend durchkomponiert. Der norwegische Nebenstrang, der sich ambitioniert mit dem relevanten Thema Rechtsextremismus/-terrorismus befasst, kommt ein wenig plakativ und vorhersehbar daher, gerät aber nicht aus den Fugen und bleibt passend eingebunden. So entwickelt die dritte Staffel einen ganz eigenen Sog, der nicht auf Action, physischer Brutalität und hektischen Schnitten beruht, sondern auf den atmosphärischen Bildern, den meist geschliffenen Dialogen und einer psychologischen Nabelschau seiner Figuren, die empathisch und schlüssig zugleich ist. Filigrane Aufarbeitung statt brachialer Vivisektion des Insellebens. 

Ein Loblied auf die Schauspielkunst

„Mord auf Shetland“ fürchtet sich nicht vor bitteren Konsequenzen, die besonders der ständig unter Druck stehende, eindrücklich aufspielende Stephen Walters in der Rolle des Thomas Malone zu spüren bekommt. Mit der Aufklärung der Verbrechen wird die Welt nicht wieder gut und edel, sie offenbart nur eine weitere hässliche Fratze, die unter einer scheinbar ach so idyllischen Gemeinschaft hervorlugt. Jimmy Perez und seine Mitstreiter*innen können für eine kleine Schönheitskorrektur sorgen, zu einem edlen Antlitz operieren sie nichts um. Douglas Henshalls tieftraurige Blicke verraten das wortlos.

Dies rückt „Mord auf Shetland“ noch weiter weg vom typischen Polizeikrimi zum durchdachten Noir. Auf den Shetlands könnte es so schön sein, wenn das Leben nicht eine Reise in die Finsternis wäre. Nur manchmal von Sonnenstrahlen aufgebrochen. Die dafür umso mehr wärmen.

Etlichen Kritiken nach, soll die vierte Staffel (Nummer 5 nach britischer Zählweise) noch eine Schippe auf die hierzulande aktuell ausgestrahlte aus dem Jahr 2017 drauflegen. Wir dürfen also gespannt sein. 

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Cover und Fotos: © edel:motion/Glücksstern

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