Die Nacht der Raben

  • Thomas Dunne Books
  • Erschienen: Januar 2007
  • London: Macmillan, 2006, Titel: 'Raven Black', Originalsprache
  • New York: Thomas Dunne Books, 2007, Originalsprache
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Sabine Reiß
88°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2007

Vom Wikingerbrauchtum und dem Inselleben

180 km von der Nordküste Schottlands entfernt, zwischen Norwegen und Island, liegt ein Teil des britischen Königreichs, der hauptsächlich durch eine Pferderasse bekannt sein dürfte: die Shetland-Inseln. Weitaus weniger bekannt ist sicher, dass die 100 Inseln, von denen nur ein kleiner Teil bewohnt ist, 650 Jahre lang ein Teil Skandinaviens waren. Die Kultur ist daher nicht nur durch die Schotten, sondern vielmehr durch die Wikinger geprägt. Jeden letzten Dienstag im Januar findet das Up Helly Aa-Festival statt, bei dem ein vorher gebautes Wikingerboot nach einem großen Festumzug den Flammen geopfert wird. Ein Spektakel, das nicht nur die gesamte Inselbevölkerung beschäftigt, sondern alljährlich auch einige Touristen in diesen abgeschiedenen Landstrich zieht.

Ann Cleeves Krimi Die Nacht der Raben bringt dem Leser die Zeit der Vorbereitung auf Up Helly Aa näher. In den ersten Minuten des neuen Jahres beginnt ihre Geschichte, die so einnehmend ist, dass man tief eintaucht in ein Geschehen, das einen nicht mehr loslässt, bis man die letzten Seiten gelesen hat.

Zwei Teenager, Sally und Catherine, statten in der Neujahrsnacht dem einsamen alten Kauz Magnus Tait einen Besuch ab. Im Grunde war es fast schon als Mutprobe anzusehen, denn Magnus hat nicht mehr alle Sinne beisammen und wurde zudem vor Jahren verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden eines kleinen Mädchens namens Catriona zutun zu haben. Das Mädchen wurde nie gefunden, der Fall wurde nie aufgeklärt. Magnus findet insbesondere Gefallen an Catherine und als er sie einige Tage später im Bus wieder trifft, lädt er sie abermals zu sich nach Hause ein. Kurz darauf findet die junge Mutter Fran Hunter die Leiche von Catherine auf dem Feld, nicht weit entfernt von Magnus' Haus. Sie wurde mit ihrem roten Schal erdrosselt und Raben haben sich bei ihr niedergelassen, um sich an ihr gütlich zu tun.

Detective Inspektor Jimmy Perez, ein einheimischer Polizist, übernimmt zunächst die Ermittlungen. Die Leitung des Falles wird jedoch einem Kollegen übertragen, der mit einem kleinen Team von Inverness geschickt wurde. Alsbald hat sich nicht nur die Bevölkerung, sondern auch ein Großteil der Polizei auf einen Tatverdächtigen festgelegt: Magnus Tait. Nur Perez hält sich alle Möglichkeiten offen und versucht, eine Vorverurteilung zu vermeiden. Langsam kann er auch seinen Kollegen Taylor vom Festland überzeugen. Der Fall gewinnt an zusätzlicher Brisanz, als beim Up Helly Aa Frans kleine Tochter Cassie verschwindet. Die Zeit drängt...

Die Atmosphäre auf einer Insel übt einen besonderen Reiz aus, dessen sich schon viele Schriftsteller bedient haben, um ihre Story aufzupeppen. Darunter sind so bekannte Namen wie P.D. James, die Commander Dalgliesh in Wo Licht und Schatten ist auf ein Eiland schickte, ebenso wie Agatha Christie, aber auch die Amerikanerin Carolyn G. Hart, die ihre Protagonisten in einem solch begrenzten Radius ermitteln lässt. Doch wo der Autor durch die Inselatmosphäre punkten kann, treten andererseits auch Hindernisse auf, die sich nur durch ein gewisses Maß an Einfallsreichtum und schriftstellerischem Können ausgleichen lassen: Der Kreis an Verdächtigen ist meist ausnehmend klein und der Grat zwischen stimmungsvollem Ambiente und gepflegter Langeweile ist äußerst schmal. Ann Cleeves meistert diese Schwierigkeit jedoch gekonnt und lockt den Leser auf zwei verschiedene Fährten, die sie abwechselnd verstärkt. Ihr Ende ist ebenso überraschend wie plausibel - wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Aber nicht nur durch die stimmungsvolle Landschaft beeindruckt in Die Nacht der Raben, auch die Charakterisierung der Personen ist sehr gut gelungen: Der einsame Jimmy Perez, die ebenso einsame Fran Hunter, die ursprünglich aus London stammt und sich auf der Insel niederließ, damit ihre Tochter in der Nähe ihres Vaters sein kann; zu keiner Zeit driftet die Autorin bei der Beschreibung der Protagonisten in Plattitüden oder Klischees ab. Sie enthüllt die Beziehungen und die Vergangenheit der Figuren vorsichtig, ohne die Story mit Überflüssigkeiten zu überfrachten.

Für Raven Black, so der Originaltitel, erhielt Ann Cleeves im Jahre 2006 den Duncan Lawrie Dagger Award der britischen Crime Writers' Association, den Nachfolger des Gold Dagger Awards. Da sie bereits auf eine Reihe von Veröffentlichungen (darunter zwei andere Serien) zurückblicken kann, kann man nur hoffen, dass die deutschen Krimifans noch mehr von ihr zu lesen bekommen. Sie macht in ihrem ersten Buch aus ihrem Shetland-Quartett (drei weitere sind in Arbeit) die düstere moderne Wikingerwelt lebendig. Hier passt einfach alles zusammen: Stil, Atmosphäre, Spannung und psychologisches Gespür. Ihr Roman ist weit entfernt von nichtssagenden Landhaus-Krimis. Hut ab!

Die Nacht der Raben

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