Sturmwarnung

  • Wunderlich
  • Erschienen: Januar 2010
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2010, Seiten: 409, Übersetzt: Tanja Handels
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 409
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Jürgen Priester
30°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2010

Farewell Shetland Islands

Die Sturmwarnung ist der vierte und, was bei einem Quartett nahe liegt, auch der letzte Teil der Reihe über die Shetland Inseln. Doch Ann Cleeves hält sich die Option auf eine Fortsetzung offen. Sollten die Verkaufszahlen gut werden, was durchaus möglich ist, wenn "The Times" lobend verbreitet: "Sturmwarnung ist das beste und spannendste der Serie. oder, wenn man die ersten begeisterten Kommentare beim größten Internet - Buchverteiler liest.

Dabei ist eher Zurückhaltung angesagt, bevor man einen satten Zwanziger für ein inhaltlich so dünnes Fähnchen ausgibt. Kenner der Serie werden trotzdem zugreifen, um zu erfahren, wie es weiter- bzw. ausgeht mit Jimmy Perez und Fran Hunter. Auch für Ornithologen und Vogelbeobachter bietet Sturmwarnung die eine oder andere gefiederte Überraschung. Neueinsteigern sei dringend abgeraten, denn...

... schwerpunktmäßig beschäftigt sich die Geschichte mit den Hauptprotagonisten aus den vorangegangenen Folgen, dem Detective Inspector Jimmy Perez und der Malerin Fran Hunter, Die beiden genießen ihre "second-chance-loveaffair" und haben sich aufgemacht, Jimmys Eltern an seinem Geburtsort auf Fair Isle, einem Inselchen irgendwo im Nirgendwo zwischen Schottland und den Shetlands, zu besuchen. Ihnen zu Ehren wird im Gemeinschaftsraum der dortigen Vogelwarte ein kleines Fest veranstaltet. Trotz eines Eklat zwischen der Tochter des Hauswartes und ihrer Stiefmutter Angela wird es eine fröhliche Feier mit Live-Musik und deftigen Speisen. Am nächsten Morgen wird Angela tot - mit einem Messer im Rücken und mit Federn bekränzt – aufgefunden. Jimmy sieht sich genötigt, den Fall zu übernehmen. Mit Unterstützung seiner Dienststelle kann er nicht rechnen, da die Insel durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten ist. Aber Jimmy gilt als erfahrener Ermittler und der Täterkreis beschränkt sich auf wenige Personen mit mehr oder minder starken Motiven und mehr oder weniger gedeckten Alibis. Ein klassischer Fall – ein "Whodunit".

"Und schließlich geht noch ein ganz großer Dank an die glorreiche Gemeinschaft ehemaliger Vogelwarte-Köchinnen" so die Autorin in ihrer Danksagung am Ende des Buches. Da hätte Frau Cleeves mal besser einen Kripo-Beamten zu Rate gezogen, dann hätte sie die teilweise hanebüchene Beschreibung der Polizeiarbeit vermeiden können. Ihr Detective Inspector Jimmy Perez stochert nur planlos im Nebel, hat keinen Schimmer von Tatortanalyse und seine Vernehmungen sind so harmlos wie uneffektiv. Damit es überhaupt vorangeht, muss "Kommissar Zufall" dem guten Jimmy auf die Sprünge helfen, indem er ihm die Indizien vor die Füße legt oder jemanden über eine versteckte Tatwaffe stolpern lässt. Der ganze Eiertanz gipfelt in einer aussageträchtigen DNA-Analyse. Weiß Frau Cleeves nicht, wie lange so was dauert ? Dass zu einer DNA auch eine Referenz-DNA gespeichert sein muss, um sie zu vergleichen, was bei den hier untersuchten Subjekten kaum der Fall sein wird. Aber wir wissen ja, dass der Krimiplot nicht Ann Cleeves´ Stärke ist. Ihr Augenmerk liegt mehr auf Atmosphäre, Landschaftsbeschreibungen und die Charaktere.

Fair Isle ist wirklich nur ein Pünktchen im Ozean. Gerade mal acht Quadratkilometer groß. Wer einen Eindruck bekommen möchte, wie es da aussieht, der schaue sich die Homepage der Insel an. Ann Cleeves´ Beschreibungen bleiben leider ein wenig nebulös. Nun gut, zu Anfang der Geschichte war ja auch schlechtes Wetter – Sturm, Regen, Hagel. Aber nach dem Aufklaren wird die Aussicht auch nicht besser. Cleeves´ Figuren wuseln hektisch hin und her, die einen auf der Suche nach dem Mörder, die anderen auf der Suche nach seltenen Vögeln, da bleibt kaum Zeit für einen Blick auf die landschaftlichen Schönheiten. Dass Fair Isle ein Vogelparadies ist, wird keinem entgehen. Hier dreht sich alles um die Vögel – Vogelwarte, Ornithologen und Scharen von Vogelbeobachtern – sowohl im Roman, als auch in der Realität. Einen Roman in diesem Umfeld anzusiedeln, liegt Ann Cleeves nahe, da sie selber einige Jahre auf Fair Isle als Köchin der Vogelwarte (sic!) gearbeitet hat und hier mit dem Schreiben begann. Ihr erster Serienheld war Ornithologe wie ihr Ehemann. So ist Sturmwarnung auch eine Reminiszenz an ihre ersten Jahre als Autorin.

Wie schon ihre Landschaftsbeschreibungen, so bleiben auch Cleeves´ Figuren seltsam gestaltlos. Neben den beiden Protagonisten Fran und Jimmy nehmen nur dessen Vater James sen. und das erste Mordopfer Angela Moore Konturen an. Letztere wird aufgrund ihrer Rolle als Opfer genauer beschrieben; ihr gestörtes Verhältnis zu den Kollegen und ihr nymphomaner Lebenswandel sollen Aufschluss geben über die Motivlage eines potenziellen Täters.
Andere Akteure fristen nur ein Schattendasein; die Inselbevölkerung ist zu stummen Statistentum verdammt.

Es liegt natürlich in der Natur einer Serie, dass wiederkehrende Personen nicht immer aufs Neue charakterisiert werden. Man kann also davon ausgehen, dass Fran und Jimmy und ihr Verhältnis zu einander ausreichend thematisiert wurden. Schließlich haben die beiden sich in den vorangegangenen Folgen kennen- und liebengelernt. Ihre Hochzeit steht bald an. Da macht es trotzdem wundern, dass sie so distanziert miteinander umgehen. Keine Zärtlichkeit, kein Verliebtsein, keine tiefen Gefühle, keine Romantik. Nun gut, auch das kann es geben – würden wir nicht am Ende der Geschichte, in dem der Krimi zu so einem Herz-Schmerz-Ding mutiert, mit dem Gegenteil überrascht. Erst da zeigt Ann Cleeves ihr wahre Passion. Vielleicht sollte sie besser gleich Liebesromane schreiben.

Insgesamt entpuppt sich der Sturm, vor dem hier gewarnt wird, als laues Lüftchen. So rechte Krimi- oder Rätselspannung will nicht entstehen, weil Ann Cleeves so gut wie alles meidet, was einen guten Krimi ausmacht. Der Leser bleibt informationslos bis dann die Lösung aus dem Hut gezaubert wird und der gute Jimmy Perez muss im Nachhinein erklären, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat. Das klingt sogar einigermaßen plausibel, macht aber die Motive und Taten nicht sinnvoller.

Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Autorin aus Ermangelung einer zündenden Idee auf ein klassisches Krimischema zurückgegriffen hat, dessen filigrane Ausgestaltung sie leider nicht beherrscht. Ein Defizit, das sich nur mit starken Persönlichkeiten und einer dichten Atmosphäre ausgleichen lässt, wovon aber nichts zu spüren ist.

Ann Cleeves ist mit "Sturmwarnung" dahin zurückgekehrt, wo sie zu Beginn ihrer Karriere angefangen hat, - in die Mittelmäßigkeit.

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