Der längste Tag

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2008
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, Seiten: 416, Übersetzt: Tanja Handels
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Sabine Reiß
74°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2007

Shetland - mehr als Ponys und Pullover

Nicht nur der Winter hat seine besondere, da düstere Atmosphäre auf den Shetland-Inseln, die sich 180 km vor der Nordküste Schottlands befinden, sondern auch der Sommer. Kurz, aber heftig, so könnte man ihn bezeichnen, denn zu dieser Jahreszeit geht die Sonne nicht ganz unter und die ganze Nacht herrscht Dämmerung. Es ist nicht einfach, sich diesem Rhythmus anzupassen. Es sind also nur die Ponys und Pullover, die diesen Landstrich zu etwas Besonderem machen. Auch die Musik hat dort einen anderen Stellenwert. Es zeigen sich darin nicht nur die Einflüsse Schottlands, sondern auch Norwegens, gehörte die Inselgruppe bis zum 15. Jahrhundert doch zu Skandinavien. Ann Cleeves bringt Jahreszeit und Musik im zweiten Band des sog. Shetland-Quartetts Der längste Tag sehr gut in Einklang mit einem spannenden Kriminalfall.

Fran Hunter ist eigentlich nur wegen des Vaters ihrer Tochter auf die Shetland-Inseln gekommen, doch inzwischen fühlt sie sich dort sehr heimisch und ist geblieben, obwohl die Beziehung in die Brüche ging. Sie hatte zu Beginn des Jahres einen sehr netten Mann, den Polizisten Jimmy Perez, kennengelernt und die beiden sind sich mittlerweile näher gekommen. Fran ist Künstlerin und steht aufgeregt vor ihrer ersten Vernissage, die sie zusammen mit Bella Sinclair ausrichtet, die weit über die Grenzen Shetlands hinaus bekannt ist. Leider bleibt die Besucherzahl an diesem lauen Sommerabend hinter den Erwartungen zurück, obwohl noch ein weiterer Event auf dem Programm steht: Bellas Neffe Roddy, ein ebenso bekannter Musiker, sorgt mit seiner Shetland-Fiddle für die musikalische Untermalung. Wie sich später herausstellt, wurden Handzettel verteilt, auf denen die Ausstellung aufgrund eines Todesfalls abgesagt wurde. Wer hat sich diesen Scherz erlaubt?

Ein Zwischenfall sorgt zudem für Aufregung, da sich ein unbekannter Mann vor Bellas Selbstportrait auf die Knie wirft und in Tränen ausbricht. Jimmy Perez Nachfragen bleiben unbeantwortet, der Mann behauptet, er habe sein Gedächtnis verloren. Am nächsten Morgen wird in der Scheune nahe des Ausstellungsraumes ein Toter gefunden. Es handelt sich dabei um den Unbekannten vom vorigen Abend, sein Gesicht ist von einer Clownmaske verdeckt. Auf den ersten Blick scheint es, als hätte er sich selbst erhängt, doch die nähere Untersuchung ergibt, dass er ermordet wurde. Je tiefer Jimmy Perez und sein Kollege vom Festland graben, desto klarer wird es, dass die Lösung in der Vergangenheit zu suchen ist.

Wie schon im ersten Roman Die Nacht der Raben gelingt es der Autorin, die Atmosphäre der kargen und abgeschiedenen Umgebung in die Handlung einzubetten. Sie steigert diese sogar noch, indem sie den Mord in ein kleines Dorf auf der Insel verlegt, in dem nur eine Handvoll Menschen lebt, die sich schon von Kindheit an kennen. Anne Cleeves nimmt sich die Zeit, deren Beziehungen zueinander zu beschreiben, ebenso wie sie die Protagonisten Jimmy Perez und Fran Hunter tiefer beleuchtet. Wo im Vorgänger noch Fran eher im Vordergrund stand, da sie durch den Fund des Opfers persönlich involviert war, ist es dieses Mal Perez, von man mehr erfährt.

Das Motiv bleibt sehr lange im Dunkeln, fast ebenso lange wie die Spur zum Täter, der am Ende undramatisch und ebenso unerwartet enthüllt wird. Dabei schildert Ann Cleeves die Ermittlungsarbeit geruhsam und gleichzeitig lebendig. Im Vergleich zum Vorgänger bleibt die Spannung und Dramatik zwar minimal zurück, dennoch taucht man fast ebenso tief in die Geschichte ein, bis die letzte Seite gelesen ist.

Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte schon anhand der Kurzbeschreibung wissen, dass hier kein atemloser Thrill geboten wird. Fans englischer Kriminalromane finden hier eine stimmungsvolle und besondere Geschichte, die nicht zum Einheitsbrei gehört. Die schon jetzt vorbestimmte Begrenzung auf ein Quartett ist positiv zu werten, um den Plot nichts in Unrealistische abdriften zu lassen. Denn wie viele Morde passieren eigentlich durchschnittlich auf einer kleinen Insel?

Der längste Tag

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