Tote Wasser

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2007, Titel: 'The Riverman', Originalsprache
  • München: Diana, 2008, Seiten: 400, Übersetzt: Nadine Mutz

Couch-Wertung:

40°
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Jochen König
Weder stimmungsvoll noch analytisch

Rezension von Jochen König Sep 2008

Als der Flusswächter George Parsonage die Leiche von Duncan Forbes aus dem Clyde zieht, ist noch nicht klar, ob es sich um einen Unfall, Selbstmord oder Mord handelt. Aber es dauert nicht lange, bis DCI Lorimer klar wird, um welche der drei Varianten es sich handelt. Denn nicht nur Forbes, Vorstandsmitglied der angesehen Steuerberatungsfirma "Forbes Macgregor", stirbt eines ungewöhnlichen Todes, auch zwei seiner Mitarbeiter kommen unter unnatürlichen Umständen ums Leben. Nimmt man noch den mysteriösen Notruf kurz nach Forbes Sturz in den Fluss, der Glasgow durchzieht, und die Entführung eines aufstrebenden Jungmanagers dazu, bleibt nur ein Schluss für die Polizei: There's a killer on the road! Der gehobene Angestellte einer alteingesessenen Firma im Visier hat. Lorimer ermittelt in der Führungsetage, nimmt die Hilfe des Psychologen Solomon "Solly" Brightman in Anspruch, und schafft es am Ende die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wer hätte es anders erwartet? Detective Chief Inspector Lorimer ist schließlich ein smarter Bursche, groß gewachsen, gut aussehend, ein Polizist aus dem Lehrbuch für angehende Groschenheftautoren. Nur eins ist der Saubermann ohne Laster nicht: glaubwürdig. Er verhört Verdächtigen nach Verdächtigem, denkt nach und räsoniert, vergisst es aber Schlüsse zu ziehen und entsprechend zu handeln. Es ist eher ein Zufall, der ihm am Ende die zwar halbwegs glaubwürdige, aber unglaublich schlichte Lösung präsentiert. Warum er sich den Psychologen Brightman als eine Art Profiler an seine Seite holt, erschließt sich nicht wirklich. Außer, um das Buch zu strecken und Lorimer einen Gegenpart zu kreieren, der auf ähnliche Art genau so toll ist wie er.

Tote Wasser spielt hauptsächlich in Glasgow. Das bekanntlich in Schottland liegt. Edinburgh liegt auch in Schottland. Und ist das nicht das Zentrum der äußerst erfolgreichen Romane Ian Rankins? Also flugs der "Daily Mail" ein Sprüchlein entlockt:"Alex Gray macht Glasgow so lebendig wie Ian Rankin Edinburgh." Immerhin wird nicht behauptet, dass Frau Gray Kriminalromane von ähnlicher Qualität wie Rankin schreibt. Aber allein der Städtevergleich ist vermessen. Grays Glasgow wird beschrieben wie ein freundlicher Touristenführer beflissenen Reisenden die Stadt erklären würde. "Wenn sie rechts herausschauen sehen sie ... und links daneben...". Eigentlich müssten an jedem Absatz, den Gray Glasgow widmet, bunte Schirmchen abgebildet sein, damit der Leser noch deutlicher merkt - jetzt gibt es was zu sehen. Aber nicht nur der geographische Part wirkt aufgesetzt.

Es dauert fast hundert schleppende Seiten bis die Geschichte halbwegs in Schwung kommt, ihn aber umgehend wieder verliert, da die Ermittlungen kaum voranschreiten. Es brodelt und kocht in Glasgows Finanzwelt, doch DCI Lorimer fallen nicht mehr als halbgare Gedanken dazu ein. Gray verkauft ihre Leser gerne für dumm. So existiert die höchst verdächtige Aufnahme eines Notrufs, der Duncan Forbes schmerzliches Ableben betrifft. Lorimer stellt Befragungen dazu an, kommt aber nicht auf die Idee, die wenigen verdächtigen Damen zur Stimmanalyse vorzuladen. Wohlgemerkt, es gibt nicht mehr als eine knappe handvoll potentieller Anruferinnen. Abgesehen davon, dass er oder sein gewitzter Kollege Brightman die Stimme möglicherweise ohne Hilfsmittel erkennen könnten. Wenn das Grundkonstrukt bereits so wackelig ist, stellt sich irgendwann die Frage: Stürzt das ganze Buch?

Das tut es. Mit Karacho. Man könnte ins Schwärmen geraten. So wimmelt Tote Wasser von Gutmenschen, allen voran DCI Lorimer. Und was tun Gutmenschen, die keine Probleme haben? Genau, sie machen sich welche. Lorimers Gattin Maggie grübelt verzweifelt darüber nach, ob ihr treusorgender Gatte sie wohl betrogen hat, als sie für ein halbes Jahr im fernen Amerika weilte. Es gibt nicht den geringsten Anlass dafür, außer ein paar spöttischen Äußerungen minderbemittelter Schüler, die Maggie Lorimer unterrichtet. Gray vergeudet Seiten mit Maggies Eifersüchteleien, während sie andere Seiten damit füllt, wie dolle lieb Lorimer sein Ehegespons hat.

Während die Machenschaften innerhalb des Firmenkonsortiums durchaus Potenzial hätten, eine spannende und hintergründige Geschichte abzugeben, vertändelt sich Gray an Marginalien, gekünstelten Befindlichkeiten und Beschreibungen überflüssiger Seelenzustände. So bringt sie jede Spannungskurve zu Fall, andere werden eliminiert durch die simpelst mögliche Auflösung. Das mag der Realität geschuldet sein, denn hier wie dort benehmen sich Gauner kreuzdämlich, sind nicht in der Lage die Uhr zu lesen oder Fluchtrouten zu planen. Doch das verpufft völlig, da die Figuren irreal sind, und ihre Handlungsweisen nur dadurch begründet sind, das selbstgefällige Geschehen nicht stagnieren zu lassen.

Tote Wasser krankt an fast allem, was einen guten Kriminalroman ausmacht. Es wird viel behauptet, wenig ausgelotet und nichts belegt, was nicht Klärchen Klotzkopf in einer zahnlosen Talkshow am Vormittag ausplaudern könnte. Das ist weder stimmungsvoll noch analytisch; die glatte Oberfläche eines langweiligen Seins, das mit einigen Plumpsern ins kalte Nass zur nachdenklichen Analyse einer Geschäftswelt mit schwindender Moral zugunsten steigender Gewinnmaximierung aufgebauscht werden soll. Begleitet von Ermittlern, die sich bereits auf der Suche nach Töchterchens Teddy übel verlaufen dürften.

 

Und Liz Forbes spürte, dass Duncan in ihrem Herzen zu Hause war, und ihr Erinnerungen waren nicht länger durch Ungewissheit getrübt.

 

Da können schon mal Tränchen fließen. Oder Häme.

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