TV-Serie:
Mord auf Shetland (Staffel 1 + 2)

Serien-Spezial von Jochen König (08.2019) / Titel-Motiv: © edel:motion/Glücksstern

Nichts für eilige Gemüter

Die Shetland-Inseln liegen in der Nordsee und im Nordatlantik, zwischen Norwegen, Schottland und den Färöern, haben insgesamt 1426 Quadratkilomter Fläche, von denen etwa zwei Drittel auf die Hauptinsel Maitland fallen. Raues Klima, eine karge aber beeindruckende Landschaft zeichnen die Shetlands aus. Und genau dies weiß die Serie „Mord auf Shetland“ eindrucksvoll einzufangen. Fast schon zu klischeehaft ist die Sonne bloß ein blasses Licht am wolkenverhangenen Himmel, der nur selten aufbricht.   Rund 23 000 Einwohner sind über die Inseln verteilt. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine eingeschworene Gemeinschaft, doch wie so oft existieren eine Menge Fassaden hinter denen das Innere bröckelt. Oder kocht. Detective Inspector Jimmy Perez entblößt diese Innenansichten, indem er sich akribisch und stoisch vorantastet. Er ist kein genialischer Ermittler nach Holmeschen Vorbild, sondern ein extrem ruhiger und zäher Arbeiter, der seine Ermittlungen konsequent durchzieht, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Widerstände lässt er nicht gelten.

Niemand ist eine Insel

Perez stammt von Fair-Isle, einer lediglich 7,68 km² großen Shetland-Insel. 70 Einwohner zu Glanzzeiten. Kein Platz für Allüren, aber genug Zeit und Raum zu lernen, in sich selbst zu ruhen. Das beherrscht Perez. Beinahe zu perfekt. Selbst gezielte und perfide Provokationen seiner Kontrahenten bringen ihn nicht zum Explodieren. Nur durch winzige Regungen lässt er sich anmerken, dass ein ganzer Wust von Emotionen in ihm brodelt. Der immer etwas jungenhaft wirkende Douglas Henshall liefert eine fabelhafte Verkörperung des stillen Polizisten. Die Abschlussfolge der ersten Staffel „Sturmwarnung“ spielt auf Fair Isle. Eine Gruppe Ornithologen – für die auch in der Realität immer Unterkünfte auf Fair Isle vorhanden sind – wird mörderisch dezimiert.  Wie fast immer in der ersten Staffel spielen familiäre Affären, Lügen, Täuschungen und Geheimnisse eine gewichtige Rolle.

Unterstützt wird Perez von seinem jungen Kollegen Sandy Wilson, der unorthodoxen Alison 'Tosh' MacIntosh, dem heimlichen Star der Serie, sowie alternierend den Sergeants Billy McCabe und Billy McBride. Die Ermittlungsleitung liegt in den Händen der loyalen Staatsanwältin Rhona Kelly. „Mord auf Shetland“ zeichnet aus, ein integres Team im Mittelpunkt zu besitzen, bei dem es zwar kleinere Reibereien gibt, aber aufgebauschte Konflikte außen vor bleiben.

Ann Cleeves wird überholt

Die Serie basiert auf den Romanen der schottischen Schriftstellerin Ann Cleeves. Die erste Staffel bedient sich der Vorlagen als Fundament, nimmt sich aber einige Freiheiten heraus, die dem Stoff zugutekommen. So ist der Witwer Jimmy Perez ein Eigenbrötler, der nach dem Tod seiner Frau vorerst kein neues Techtelmechtel eingeht, sondern sich lieber um seine (zu Beginn noch) pubertierende Stieftochter Cassie kümmert. Aus der literarischen Geliebten Fran Hunter wird der Geschäftsmann Duncan Turner, der trotz seiner mitunter windigen Unternehmungen eng mit Jimmy befreundet ist. Und sich als leiblicher Vater Cassies die Erziehungsarbeit mit ihm teilt. Nun, nicht ganz, die Hauptlast trägt Perez. Die außergewöhnliche Kombination der beiden ungleichen Väter sorgt für Momente leiser Komik, die dem insgesamt sehr schwermütigen Serienkonvolut guttun. Für etwas offensiveren Spaß ist die burschikose Tosh zuständig. Eine Figur, die in den Büchern ebenfalls nicht vorkommt. Zum Ende der zweiten mischen sich tragische Untertöne hinzu und Alison O’Donnell darf ihre Figur verletzlich und wütend zeigen.   

Inselhopping zwischen Wikingern und Vogelkundlern

In der ersten Staffel stehen Land, See und Leute im Mittelpunkt. Umrahmt von eindrucksvollen Panoramaaufnahmen werden Geschichten von familiärer Zersetzung erzählt. Im Pilotfilm wird Sandy Wilsons Großmutter erschossen und eine junge Frau findet in einer Ausgrabungsstätte den Tod. Das führt zu einem Motiv, das mit einem lange zurückliegenden Verbrechen zu tun hat. Die Reise in die Vergangenheit nutzen Ann Cleeves und die Drehbuchautoren, um einen Blick auf den Widerstand im Dritten Reich zu werfen, der zu einer Schmuggellinie zwischen Schottland und Norwegen führte. Eine spannende Gemengelage, die mehr als peripher mit dem aktuellen Fall zu tun hat.

 Folklore und Geschichte der Shetland-Inseln spielen auch im weiteren Verlauf eine gewichtige Rolle. Ob Ornithologen auf Fair-Isle, das  „Up Helly Aa“-Fest („Im kalten Licht des Frühlings“), eine Art geschichtsträchtiger Karneval mit Wikingerkostümen oder die Veränderungen, die der Bau einer Pipeline mit sich bringt („Tote Wasser“), die Verbindung der Menschen mit ihrer Heimat bleibt inhaltlich immer gewahrt. Bis zur zweiten Staffel.

Sprach der Rabe vom Verschwinden?

Höhepunkt der ersten vier Folgen ist „Die Nacht der Raben“. Es geht um Trauerarbeit, Missbrauch und dysfunktionale Familien. Kinder verschwinden, sterben,  ein alter, ungelöster Fall hat Auswirkungen auf die Gegenwart, kleine Fehler und Schwächen führen zu großen Auswirkungen. Vor allem aber beschäftigt sich die Folge mit der Rolle von Außenseitern, die vorschnell verurteilt und stigmatisiert werden. Auch in einer kleinen Gemeinde lässt sich schnell ein Lynchmob bilden.

Der verlässliche Brian Cox ist beeindruckend in seiner Rolle als gehetzter, traumatisierter und trauernder Sonderling, der Jimmy Perez und seine Kollegen mit den dreckigsten Seiten ihrer Arbeit konfrontiert. Am Ende wird ein Mord aufgeklärt und lässt nur zerstörte, schmerzgepeinigte Überlebende zurück. Ein erlösendes Moment bleibt aus, selbst für den Täter empfindet man Mitleid. Das Ganze ist äußerst atmosphärisch in Szene gesetzt, Handlung, Dialoge, Bilder und Soundtrack sind stimmig verwoben. mystische Momente und bittere Realität prallen mit Wucht aufeinander. Ein TV-Highlight.

Kleine Inseln, großes Glasgow

Mit der zweiten Staffel verändert sich das Konzept der Serie. In den drei filmlangen Folgen wird eine durchgehende Storyline mit zahlreichen Verzweigungen verfolgt. Ein Gutteil der Handlung findet in Glasgow statt. Hier orientieren sich die Autoren eher an Ian Rankin als an den Vorlagen von Ann Cleeves. Jimmy Perez und Alison McIntosh erinnern im Kampf gegen das organisierte Verbrechen deutlich an John  Rebus und seine Kollegin Siobhan Clarke.   Das beherrschen Douglas Henshall und Alison O’Donnell zwar ausgesprochen gut, verändert ihre Charaktere aber sichtbar.

Erst mit der letzten und besten Folge wird der Bogen zurück nach Shetland geschlagen, wo die losen Fäden zusammenlaufen. Und wieder einmal wird ein familiärer Verlust zum Ausgangspunkt für wissentlich herbeigeführte Katastrophen und Kollateralschäden. Wie auch zuvor verzichtet „Mord auf Shetland“ fast komplett auf Gewaltdarstellungen, sondern konzentriert sich auf die vielfältigen Folgen, die Gewaltausübung mit sich bringt. Das gilt auch und besonders für den differenzierten Umgang mit dem Thema Vergewaltigung, das in der finalen Folge eine zentrale Rolle spielt. Eine kluge Reflektion, die sich nicht nur mit der Befindlichkeit des Vergewaltigungsopfers beschäftigt, sondern auch mit den Reaktionen dessen Umwelt.  

Die Erzählung wird horizontal

Die zweite Staffel setzt darauf, dass ihr langer Atem die hintergründige Spannungsdramaturgie nicht unterhöhlt. Das gelingt dank einiger Irrungen und Wirrungen, überraschenden Twists und Fehlbarkeiten, die nicht nur Beziehungen gefährden. Stimmungsvolle Bilder und ein sehenswerter Cast (u.a. Ciarán Hinds, Saskia Reeves, Sara Vickers und Anna Chancellor) tragen ebenfalls zum Gelingen des Ganzen bei.

Ruhe herrscht – vor dem Sturm

Laut und actionreich war die Serie von Beginn an nicht, sie entwickelt sich eher so wohlüberlegt und bedächtig wie ihr Protagonist Jimmy Perez. Gerade, weil sich „Mord auf Shetland“ Zeit nimmt, wirken Konflikte und Nebenhandlungen nicht überladen, alles bekommt den Raum, der ihm zusteht, und wenn er erst geschaffen werden muss.   Die Spannung birst nicht, sie überzeugt eher durch Latenz, Knall- und Fall-Effekte bleiben völlig außen vor. So ist „Mord auf Shetland“ nichts für eilige Gemüter, es sei denn, sie möchten sich mit Hilfe einer äußerst atmosphärisch in Szene gesetzten Krimiproduktion in Entschleunigung üben. Und darüber sinnieren, ob sie die Shetlands für ein deprimierende Gegend halten oder dort Urlaub machen wollen.  Beides ist möglich. Manchmal sogar gleichzeitig.

Zwei in der Hülle, einen im Sinn

In Großbritannien wurde die Shetland-Saga bereits um zwei Staffeln verlängert, die hierzulande noch auf ihre Ausstrahlung warten. Wenn im Internet und anderswo von den Staffeln vier und fünf die Rede ist, liegt dies an der etwas obskuren Zählweise der Serie, bei der der vorab entstandene Pilotfilm oft als eigene Staffel einbezogen wird. So wäre also die hierzulande auf drei DVDs veröffentlichte Staffel 2 im Heimatland Season 3.

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Cover und Fotos: © edel:motion/Glücksstern