Starker Schwedenkrimi, aber leider mit einer seltsamen Auflösung.
Stockholm, 6. Juni, Nationalfeiertag: Dem erfolgreichen schwedischen Krimiautor Tom Borg ist alles andere als zum Feiern zumute. Nach dem weltweit umjubelten letzten Band seiner Nordic-Noir-Trilogie leidet er seit drei Jahren nicht nur unter Depressionen, sondern kämpft auch mit einer schweren Schreibblockade. Die Erwartungen an ihn scheinen den Autor zu erdrücken. Außer einem groben Exposé und dem ersten Kapitel des neuen Romans kann er seiner Cheflektorin noch immer nichts vorlegen.
Bei einer seiner Lesungen lernt er die junge und attraktive Nicole kennen, die in einem zwielichtigen Club im Zentrum arbeitet. Als sie sich dort später in einem Jacuzzi näherkommen, stürmen maskierte Männer den Raum, erschießen die Frau und hinterlassen Spuren, die auf Tom als Täter hinweisen. Der Mord erinnert den Autor auf unheimliche Weise an das erste Kapitel seines neuen Romans. Zufall? Während Borg fliehen muss, ermitteln die Kriminalkommissarinnen Nazrin Halabi und Olivia Woolfe vor Ort. Da Borgs Sohn Alexander mit Woolfes Tochter Alice seit Kurzem zusammen ist, laufen sich der Autor und die Polizistin häufiger über den Weg, als es dem Autor lieb sein kann. Noch ahnt die Kommissarin aber nicht, dass dieser unfreiwillig in den Mordfall verwickelt ist. Der Gejagte versucht wiederum seine Unschuld zu beweisen und gleichzeitig herauszubekommen, wer ihm den Mord in die Schuhe schieben will. Doch schnell muss Borg erkennen, dass nicht nur die Polizei hinter ihm her ist.
Schwedisches Autorenduo
Den unter dem Pseudonym Arne Dahl schreibenden Schriftsteller und Literaturkritiker Jan Arnald muss man nicht groß vorstellen. Er gilt als einer der besten skandinavischen Krimiautoren. Mit seinen Romanen um das Stockholmer A-Team schuf er eine der erfolgreichsten Kriminalreihen weltweit. Seine Bücher wurden mit zahlreichen Preisen (u.a. dem Deutschen Krimipreis) ausgezeichnet.
Der Schriftsteller und praktizierende Arzt Jonas Moström ist hierzulande etwas weniger bekannt. Sein Debütroman „Herzversagen“ erschien bereits 2007 in Deutschland, ist bislang aber der einzige aus einer Serie von Fällen mit Kommissar Johan Axberg. Bekannter dürfte seine sechsteilige Krimireihe um die Psychiaterin Nathalie Svensson sein.
„Doppelspiel“ stellt den Auftakt einer gemeinsamen Trilogie von Dahl / Moström um den Krimiautor Tom Borg dar und erscheint im Lübbe Verlag. Der Originaltitel „Skaparen“ (dt. „Der Schöpfer“) hätte das Motiv des Romans besser zum Ausdruck gebracht, während „Doppelspiel“ mehr auf die literarische Umsetzung abzielt.
Starker Plot, schwächere Auflösung
Eine Bewertung des Kriminalromans ist durchaus komplex. Dies liegt auch daran, dass sich sicherlich viele Leser an der Auflösung stoßen dürften. Zum einen geht es weniger um einen klassischen Täter – auch wenn es natürlich einen Mörder gibt – als vielmehr um ein Konzept, das hinter dem Komplott um Tom Borg steckt. Zum anderen wirkt aber genau diese seltsam anmutende Idee, obwohl sie ins Gesamtkonzept des Romans passt, derart weltfremd, dass man am Ende durchaus fragen kann, warum sich die Autoren für diese Art der Auflösung entschieden haben. Wer hinter diesem fragwürdigen Konstrukt steckt, wird man sicherlich in den beiden Folgebänden erfahren. Es dürfte trotz allem interessant sein zu sehen, wie diese Idee weiter fortgesetzt wird.
Lässt man die Auflösung einmal beiseite, macht der Auftakt der „True-Fiction“-Trilogie aber richtig Lust auf mehr. Das „Doppelspiel“ zwischen Dahl und Moström läuft nämlich umso besser – auch wenn man inhaltlich vielleicht kleinere Abstriche machen muss, da man hier nicht immer noch Logik und Realitätsnähe fragen darf. Diese Darstellungsweise dürfte aber von den Autoren auch durchaus genau so als Metafiktion beabsichtigt sein.
Unterhaltsame Figuren
Der Roman weiß vor allem mit viel Humor, pointierten Dialogen und einem unterhaltsamen Figurentableau zu überzeugen. Zunächst ist hier der erfolgreiche Thrillerautor Tom Borg zu nennen, der zwischen Kreativkrise, Identitätszweifeln und einer nebulösen Verschwörung gegen ihn aufgerieben wird. Dabei ist die Figur durchaus ambivalent angelegt: ein brillanter Autor, aber auch ein etwas lebensfremder Mensch (oder besser gesagt: wie eine Figur aus einem Kriminalroman), der die Gefahr, in der er sich befindet, oftmals etwas falsch einschätzt und sich somit in brenzliche Situationen bringt, aus denen er sich aber natürlich stets befreien kann. Besonders aber die selbstironische Art tut der Figur gut.
Auch Olivia Woolfe ist eine überaus vielschichtige (oder besser gesagt: eine bewusst überzogen dargestellte) Figur: Egal, ob sie einem harmlosen Studenten die Nase bricht, das neue Tesla-Einsatzfahrzeit einem Belastungstest der besonderen Art unterzieht oder sämtliche polizeiliche Verhaltensregeln ignoriert: An Olivia scheint alles abzuperlen. Die Kommissarin, die genetisch eine Chimäre ist, besitzt einen übergroßen Gerechtigkeitssinn, der sie dazu bringt, das Gesetz nachts als „Ronda“ mit der rosa Sturmhaube in die eigene Hand zu nehmen, um als Vigilantin Männer zur Rechenschaft zu ziehen, die Frauen bedrohen oder missbrauchen. Ihre MMA-Fähigkeiten kommen ihr nicht nur dabei zu gute.
Zuletzt besitzt die Figur des Lennart Stagnelius (nur eine von zahlreichen literarischen Anspielungen im Roman) ihren ganz besonderen Reiz: Borgs bester Freund lebt auf einem für ihr rollstuhlgerecht eingerichteten Hausboot, ist Dichter, Akademiemitglied, Erfinder, Frauenschwarm und liebevoller Einzelgänger. Diese Figuren – so sehr konstruiert sie auch erscheinen mögen – ergänzen sich prima und sollten als satirische Zuspitzung auf Protagonisten verstanden werden, wie wir sie aus tausenden von Kriminalromanen bestens kennen. Die etwas schleierhafte Auflösung können aber auch sie nicht ganz vergessen machen.
Fazit
„Doppelspiel“ ist zugleich Krimi, Satire, Metafiktion und Verschwörungsthriller. Das Spiel aus Wahrheit und Fiktion auf gleich mehreren Metaebenen funktioniert insgesamt gut und sorgt – wenn man den Roman auch genau so liest – für eine kurzweilige, höchst unterhaltsame Thrillerlektüre.

Arne Dahl, Jonas Moström, Lübbe


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