Todeswunsch

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2010, Titel: 'Bleed for me', Seiten: 418, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 512, Übersetzt: Kristian Lutze

Couch-Wertung:

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Jürgen Priester
Mit Herzblut geschrieben

Buch-Rezension von Jürgen Priester Dez 2010

"Ein neuer Stern am Krimi-Himmel", "Michael Robotham schreibt sich in die 1.Liga", "In der Königsklasse der Thriller-Autoren" - so überschrieben die begeisterten Krimi-Couch-Kollegen ihre Rezensionen zu den Vorgänger-Romanen von Todeswunsch. Die Leserschaft reagierte anfänglich noch zurückhaltend, gab doch der deutsche Titel des Debütromans Anlass zu Irritationen. Was auch immer jeder einzelne mit dem Wort Adrenalin assoziierte, mit einem feinfühligen Psycho-Thriller hatte kaum einer gerechnet. Ihren ersten Höhepunkt erreichte die Reihe um den Psychologen Joe O`Loughlin mit Dein Wille Geschehe, das in puncto Spannungsaufbau und Dramatik kaum zu toppen ist. So reicht denn Todeswunsch nicht ganz an seinen direkten Vorgänger heran, ist aber ohne Frage immer noch fest in der Königsklasse verankert. Michael Robotham beweist einmal mehr, wie eng er mit seinen Protagonisten verbunden ist. In einem Interview hat er eingestanden, dass sie ihm schlaflose Nächte bereiten können. Das merkt man Todeswunsch auch an. Es kommt sehr intensiv und persönlich rüber.

Sienna Hegarty ist vierzehn und eine Ritzerin. Aus einem Tagebucheintrag, der der Geschichte als Prolog vorangestellt ist, erfahren wir, dass sie diese Art der Selbstverletzung seit ihrem elften Lebensjahr praktiziert. Ob es ihr als Reinigung oder Bestrafung dient, oder ob sie es aus Liebe tut, wird nur vage angedeutet. Der äußerliche Schmerz scheint sie von den innerlichen Schmerzen abzulenken, denn Sienna hat mit vierzehn schon einiges durchmachen müssen.
Sienna Hegarty ist vierzehn und Nachbarin der O`Loughlins. Sie ist die beste Freundin der älteren O`Loughlin-Tochter Charlie.

Seit drei Jahren leben die O`Loughlins in einem kleinen Dorf unweit Bath im Südwesten Englands. Joe O`Loughlin, einer der Helden der Roman-Reihe, hatte seine Praxis als klinischer Psychologe in London aufgegeben, um mehr Zeit mit seinen beiden Töchtern verbringen zu können. Aus diesem Grund arbeitet er nur noch als Teilzeitprofessor an der Bath University. Doch die O`Loughlins leben nicht mehr in einem gemeinsamen Haushalt. Nach den dramatischen Ereignissen vor zwei Jahren (siehe Dein Wille geschehe) hat Joes Ehefrau Julianne auf Trennung bestanden. Sie hatte es satt, dass Joe seine Familie immer wieder durch seine Einsätze als psychologischer Berater der Polizei in direkte Gefahr brachte. Zusätzlich hatte Joes Umgang mit seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung das Leben der beiden erschwert. So wohnt Joe jetzt ein wenig abseits, ohne aber seine wachsamen Augen von seinen Liebsten zu lassen.

Sienna Hegarty ist immer noch vierzehn, als sie eines Abends blutüberströmt an der Haustür der weiblichen O`Loughlins auftaucht und sofort wieder in Nacht und Nebel verschwindet. In ihrem Zimmer zu Hause findet die Polizei ihren Vater Ray Hegarty – niedergeschlagen und mit aufgeschlitzter Kehle. Hegarty galt zu seinen Polizeidienstzeiten als harter Brocken. Seinen Kindern war er ein strenger Zuchtmeister und seine Zuneigung zu seinen Töchtern ging wohl über das gebührliche Maß hinaus.
Detective Chief Inspector Veronica Cray, die den Fall übernimmt, glaubt an die Integrität ihres früheren Kollegen und hat Sienna in Verdacht, während Joe O`Loughlin fest von der Unschuld Siennas überzeugt ist, da er sie als Freundin seiner Tochter Charlie gut kennt. Veronica und Joe, die sich kabbeln wie ein altes Ehepaar, haben früher schon einmal zusammengearbeitet. Jetzt gehen sie getrennte Wege, aber ihr gemeinsames Ziel ist es, den "wahren" Mörder zu finden. Joe ermittelt an Siennas Schule und stößt dabei auf den Theater-Lehrer Gordon Ellis, der einiges auf dem Kerbholz hat. Es ist müßig zu erwähnen, dass Joes alter Kumpel, Detective Inspector im Ruhestand, Vincent Ruiz wieder mitmischt. Er kümmert sich um Ellis´ Vergangenheit.

Michael Robotham ist ein Freund der Ich-Perspektive und des Tempus Präsens. Beides ist dazu angetan, die Distanz zum Leser aufzuheben. Eine Position, in dem sich nicht jeder Leser wohlfühlt. Die Sicht des Ich-Erzählers ist subjektiv und eingeschränkt, aber dafür kommt der Leser in einen intensiven Kontakt mit dieser Figur. Ein Mann wie Joe O`Loughlin, ein Grübler und Zweifler, der sich zudem auch noch mit einer unheilbarer Krankheit herumschlagen muss, ist geradezu prädestiniert, andere an seinem inneren Monolog teilhaben zu lassen. Das eingesetzte Präsens unterstreicht nicht nur Joes Unsicherheit und seine akuten Sorgen, sondern verwehrt auch dem Leser ein geruhsames Sich-Zurücklehnen, um auf Vergangenes zu schauen.

Robothams Romane sind gezielt auf den jeweiligen Hauptakteur zugeschnitten. Dass Prof. O`Loughlin sein Favorit ist, ist nicht übersehbar. Aber die anderen Figuren fallen nicht ab. So ist der mittlerweile pensionierte Detective Inspector Vincent Ruiz ebenso fester Bestandteil des Tableaus – mit einer Hauptrolle in Amnesie – wie auch die oben erwähnte Veronica Cray. In ihrer Unterschiedlichkeit haben sie eins gemeinsam: die Glaubwürdigkeit. Das trifft eigentlich auf alle auftretenden Personen zu. Es gibt keine Supermänner oder Superfrauen auf der einen Seite und auch keine bestialischen Monster auf der anderen. Es sind Menschen wie Du und Ich mit Stärken und Schwächen. Robotham fordert sein Personal bis an die Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit, begeht aber nicht den Fehler, die Realität über Gebühr zu strapazieren. Selbst das Böse hat begründbare Ursachen, was seine Taten aber nicht entschuldbar macht.

Wenn wir den mal wieder irritierenden deutschen Titel Todeswunsch (hier wünscht sich keiner sterben zu wollen) beiseite lassen, entwickelt Bleed for me – Blute für mich das Drama einer juvenilen Liebe zu einer falschen Person, die diese Zuneigung ausnützt und schändlich missbraucht. Dass dieser Missbrauch auch ein Teil einer komplexeren Struktur ist, die Robotham parallel ausbreitet, scheint ihn aus dem familiären Kontext zu erheben. Ein vermeintlicher Nebenhandlungsstrang, eine rassistisch motivierte Brandstiftung, entwickelt aber seine eigene Dynamik. Alles zusammen gipfelt in einem furiosen Finale, das den Professor an den Rand … und noch so einige Überraschungen parat hat.

In seiner Danksagung am Ende des Buches schreibt Michael Robotham:

 

"Für ihre Geduld und ihre Liebe stehe ich auf immer in der Schuld meiner drei Töchter Alex, Charlotte und Bella, die meine Hochs und Tiefs ertragen und über meine Schrullen gelacht haben."

 

Diese Worte könnten ohne weiteres aus dem Munde des Helden Joe O`Loughlin an seine Töchter Charlotte und Emma gerichtet sein. Zwei Töchter hier, drei Töchter dort. Die Identifikation des Autors mit seiner Hauptfigur könnte nicht größer sein, um seine Ängste um das Wohlergehen seiner Liebsten zu offenbaren. "Mit viel Herzblut geschrieben" - so empfindet der Rezensent Robothams Bleed for me, ein Titel, der am Ende der Geschichte viel Interpretationsspielraum zulässt, was zeigt, wieviele Gedanken sich der Autor auch um einen aussagekräftigen Titel gemacht hat. Es hätte dem Goldmann - Verlag gutgestanden, dies bei der deutschen Titelgebung zu berücksichtigen.

Spannung, Sensibilität und Glaubwürdigkeit sind Michael Robothams Markenzeichen, mit denen er ein Million-Publikum überzeugen konnte. Es fällt den Lesern leicht, sich mit den jeweiligen Akteuren zu identifizieren. Ob nun Joe O`Loughlin oder Vincent Ruiz, Veronica Cray oder Alisha Barba aus Todeskampf - Michael Robotham sorgt für Abwechslung in seiner außergewöhnlichen Reihe. Eine Fortsetzung ist in englischsprachigen Ländern schon erschienen: The Weckrage, diesmal mit Vincent Ruiz in der Hauptrolle.

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