Adrenalin

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • London: Time Warner, 2004, Titel: 'The Suspect', Seiten: 486, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2005, Seiten: 444, Übersetzt: Kristian Lutze
  • Frechen: Delta Music, 2007, Seiten: 5, Übersetzt: Axel Gottschick
  • München: Goldmann, 2009, Seiten: 444
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 444

Couch-Wertung:

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Jörg Kijanski
Ein neuer Stern am Krimi-Himmel!?

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2007

Nach dem Fund einer Frauenleiche neben dem Grand Union Kanal wird Professor Joe O'Loughlin, einer der bekanntesten Psychotherapeuten Londons, von Detective Inspector Vincent Ruiz um Hilfe gebeten. Er soll sich die Leiche ansehen und ihm seine Eindrücke vermitteln. Bei der Frau handelt es sich jedoch nicht wie zunächst angenommen um eine Prostituierte, sondern um eine Krankenschwester aus Liverpool, die bei einem Bewerbungsgespräch vorsprechen wollte. Da das Bewerbungsgespräch bei O'Loughlin selbst erfolgen sollte und dieser zunächst mit der Erkenntnis zurückhält, dass er die junge Frau namens Catherine McBride von seiner früheren Tätigkeit als Arzt in Liverpool kennt, wird Ruiz misstrauisch.

Während die Ermittlungen nicht so recht voran kommen wollen, entdeckt O'Loughlin bei seinem Patienten Bobby Moran, dass dieser Gewaltphantasien hegt, die den Verletzungen welche Catherine vor ihrem Tod zugefügt wurden auffallend ähneln. Immer mehr glaubt der Psychologe, dass sein Patient der Mörder sein könnte, doch nachdem er Ruiz einen entsprechenden Hinweis gibt, droht auf einmal O'Loughlins Leben völlig zusammen zu brechen. Es gibt nämlich keinen Bobby Moran. Stattdessen entdeckt Ruiz eine alte Anzeige von Catherine, die damals in Liverpool O'Loughlin der sexuellen Belästigung beschuldigte. Das O'Loughlin für die Tatnacht zudem kein Alibi angibt, macht die Sache für ihn auch nicht besser. Nach einigen Tagen in Haft wird O'Loughlin freigelassen und versucht nun aus eigener Kraft, den Mörder zu finden. Aber Ruiz, der von seiner Schuld überzeugt ist, bleibt ihm auf den Fersen...

Man kann den Protagonisten die Hand reichen...

Michael Robothams Debütroman lebt von seiner intensiven Darstellung seines Protagonisten O'Loughlin, der ein etwas seltsamer Kauz ist. Als er erfährt, dass er unheilbar an Schüttellähmung (Parkinson) erkrankt ist, hält er diese Mitteilung seines Arztes fast für ein Todesurteil und sieht die gemeinsame Zukunft mit seiner Frau Julianne und der achtjährigen Tochter Charlie gefährdet. Er verspürt das Bedürfnis sich mit einem Menschen auszusprechen, wendet sich jedoch nicht an seine Frau sondern an die ehemalige Prostituierte Elisa, die vor einigen Jahren bei ihm in Behandlung war. Dabei kommen sich die beiden näher als beabsichtigt und da O'Loughlin diesen Fehltritt vor seiner Frau geheim halten möchte hat er nun ein ernsthaftes Problem, denn Elisa ist sein Alibi für die Nacht von Catherines Ermordung. Da Ruiz anfängt tiefer zu graben, gerät O'Loughlin immer mehr ins Verderben und muss letztendlich nicht nur um seine Freiheit, sondern auch um seine Familie kämpfen.

 

"Bei der Jagd gibt es Füchse und Hunde und Saboteure, Professor. Was sind Sie?"
"Ich glaube nicht an die Fuchsjagd."
"Ach nein? Der Fuchs auch nicht."

 

Sehr geschickt wird O'Loughlin von dem eigentlichen Täter immer subtiler in die Sache verwickelt und so bleibt es nur dem Unvermögen der Polizei zu verdanken, dass er sich lange genug auf der Flucht befinden kann, um das Rätsel letztlich selber zu lösen. Der Roman ist sehr ruhig angelegt und wer auf Action oder gar grausige Mordszenarios hofft, der ist hier definitiv im falschen Buch. Erst nach gut 50 Seiten betritt Ruiz zum ersten Mal die Handlung und bittet O'Loughlin um dessen Hilfe. Das Buch ist sehr dialoglastig und beschreibt ausführlich die Szenerie und den Hintergrund der Personen, vor allem die des Professors, bei dem man den Eindruck gewinnt, seine gesamte Lebensgeschichte zu erfahren. Sehr eindringlich wird die Arbeit des Psychotherapeuten dargestellt und ebenso umfangreich wird das Thema Sozialarbeit verarbeitet, da man Bobby früher den Umgang mit dessen Vater verwehrte. Dieser hatte sich angeblich sexuell an dem Jungen vergangen.

 

"Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Prediger und einem Psychopathen?
Sie hören verschiedene Stimmen."

 

Gelungenes Debüt mit sehr eigenwilligem "Helden"...

Die Story, wonach der Held zunächst zum Verdächtigen und dann wieder zum Held wird ist sicher nicht neu, doch Robotham bereichert das Genre dank seines ungewöhnlichen Protagonisten. Behindert durch seine Krankheit kann er nicht die direkte Konfrontation suchen. Ihm bleiben nur zahlreiche Gespräche und Analysen, um das Rätsel zu lösen. Mit einer guten Prise Humor würzt der Autor seine Story, die teilweise etwas schwerfällig daher kommt, immer dann, wenn man einen Tick mehr Action erhofft und doch "nur" mit einem weiteren Rückblick in die Vergangenheit vertröstet wird. Dafür hat der Leser allerdings jederzeit den Eindruck mitten in der Handlung zu stehen und den Figuren die Hand reichen zu können. Man folgt dem Ich-Erzähler O'Loughlin und fiebert dem Ende entgegen. Die Art der Lösung ist zwar ebenfalls nicht unbekannt, aber dafür gelungen in Szene gesetzt.

 

"Ein Mann wird überfallen und liegt blutend auf der Straße. Zwei Psychologen gehen vorbei, und der eine sagt zum anderen: ´Lass uns den Menschen finden, der das getan hat - er braucht Hilfe.'"

 

Kurzweilige Unterhaltung mit nur wenigen Längen, die allerdings Interesse an Psychologie, Sozialarbeit und artverwandten Themen voraussetzt. Sonst könnte es in Ermangelung von Handlung im Sinne von Action vielleicht doch ein wenig langweilig werden. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird dennoch belohnt und lernt einen viel versprechenden neuen Autor (aus Australien übrigens) kennen, auf dessen zweiten Psycho-Thriller Amnesie (ebenfalls mit O'Loughlin und Ruiz) wir gespannt sein dürfen.

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