Der Schlafmacher

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • London: Little, Brown Book Group, 2015, Titel: 'Close your Eyes', Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2016, Seiten: 1, Übersetzt: Johannes Steck, Stefan Merki, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Jürgen Priester
Intensiv und spannend

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2015

Ein kleiner gelber Aufkleber auf der Vorderseite des Buches soll den noch unentschlossenen Leser locken. "Ultra-spannend" steht da geschrieben und diese Einschätzung soll Thriller-Autor Sebastian Fitzek nach der Lektüre des Buches abgegeben haben. Aus Erfahrung betrachten wir Leser die Statements Prominenter zu den Werken ihrer Kollegen eher mit Skepsis. Doch diesmal ist die Aussage zutreffend.

Der Schlafmacher, der neue Kriminalroman des Australiers Michael Robotham mit dem Psychologen Joe O'Loughlin in der Hauptrolle und wieder einmal als Ich-Erzähler ist ein spannender Whodunit. Das Etikett "Pychothriller", das Verlage gerne einsetzen, um auf eine ganz besondere Qualität der Spannung hinzuweisen, bedarf es eigentlich nicht. Der Name "Robotham" steht seit Band eins (Adrenalin) der Reihe für höchste Qualität und die Reputation des Autors ist mittlerweile so unantastbar, dass ihm selbst der unsägliche deutsche Titel Der Schlafmacher nicht schaden wird. Im englischen Original heißt es "Close Your Eyes", was auch weitestgehend mit dem Inhalt des Romans korrespondiert. Natürlich geht es nicht um Schlaf.

"Ich bin hier" wäre zum Beispiel ein adäquater deutscher Titel gewesen, denn das sind nicht nur die letzten Worte des Romans, sondern sie sind auch bedeutungsvoll für die Zukunft der Hauptprotagonisten.

Wer Robothams Reihe noch nicht kennt: Joe O'Loughlin ist Professor der Psychologie, arbeitet als Therapeut und Dozent, ab und an ist er für verschiedene Polizeidienststellen als forensischer Berater tätig. Seit eines Seitensprungs (seinerseits) und nach einigen lebensbedrohlichen Zwischenfällen, die die Arbeit mit der Polizei mit sich brachten, lebt er von seiner Familie getrennt. Während Julianne und die Töchter Charlie und Emma im gemeinsamen Haus in der ländlichen Umgebung von Bath verweilten, war Joe vor zwei Jahren zurück nach London gezogen. Nun, kurz vor den Sommerferien fragt Julianne ihn, ob er nicht den Sommer mit den Kindern in Somerset verbringen möchte. Sie müsse sich einer Operation unterziehen. Joe hört das mit Besorgnis, ist natürlich allzu bereit, sich um die Mädchen zu kümmern; hofft er doch, dass die Familie wieder näher zusammenrücken könnte. Während der Planungen erreicht Joe ein Anruf von Chief Superintendent Veronica Cray, die im benachbarten Clevedon am Bristol-Kanal in einem komplizierten Fall ermittelt und dringend Unterstützung braucht.

Die Opfer des Doppelmords sind Mutter und Tochter, deren Lebenswandel unterschiedlicher nicht sein konnte. Diesem Unterschied scheint der Mörder Rechnung getragen zu haben, in dem er die eine "nur" erstickte, während er die andere geradezu massakrierte. Die Ermittler gehen vorerst von einer Beziehungstat aus, denn im privaten Umfeld der Ermordeten gibt es dafür viele Anhaltspunkte und einige dringend Tatverdächtige. Aber sie könnten sich täuschen. Während die Ermittler, wie es sich gehört, noch im Dunklen tappen, ist der Leser scheinbar besser informiert. Ein namenloser Erzähler - man kann davon ausgehen, dass es der Mörder ist - breitet, schon im Vorspann der Romanhandlung beginnend, seine fatale Lebensgeschichte aus, natürlich ohne seine Identität zu verraten.

Michael Robotham scheint sich endgültig auf seinen Psychologieprofessor eingeschworen zu haben. Die Romane mit ihm in der Hauptrolle sind die spannendsten und intensivsten im Vergleich zu Robothams Gesamtwerk. Im Vergleich zur internationalen Konkurrenz sind sie eine Klasse für sich. Das beweist Der Schlafmacher einmal mehr. Eingeweihte wissen, dass Joe O'Loughlin das Alter Ego des Autors ist. Deshalb kommen seine Gedanken, Gefühle und Ängste in hohem Maße glaubhaft rüber. Joes Verzweiflung, aber auch seine Abgeklärtheit seiner Parkinsonschen Krankheit gegenüber oder die permanente Sorge um das Wohl seiner Familie übertragen sich auf den Leser, der diesmal viel aushalten muss.

Die Struktur der Handlung und Robothams Erzählweise kann man als konventionell bezeichnen. Der Doppelmord wird in der Form eines klassischen Whodunits abgehandelt, wobei der Professor als genialer Analytiker brilliert. Es macht einfach Spaß, ihm bei den Verhören von Verdächtigen und Zeugen gedanklich zu folgen. Autor Robotham hat gut daran getan, ihn nicht als allwissend oder arrogant darzustellen. Es klingen immer genügend Demut und Selbstkritik durch. Und das Wissen, dass man einen solch komplizierten Fall nicht alleine lösen kann. Deshalb holt O'Loughlin seinen alten Freund Vincent Ruiz mit ins Boot, der ihm nicht nur im zu lösenden Fall, sondern auch privat eine Stütze ist.

Mit Dein Wille geschehe ("Shatter", 2008) gelang Michael Robotham in 2009 der große Durchbruch in Deutschland, welcher die Aufmerksamkeit der Leserschaft auch auf die fantastischen, aber bis dato übersehenen Vorgängerromane lenkte. Dein Wille geschehe war der erste Höhepunkt in dieser anspruchsvollen Reihe. Der Schlafmacher kann als der zweite Höhepunkt angesehen werden. Ein schwer durchschaubarer Kriminalfall und die dramatischen Entwicklungen im Hause O'Loughlin setzen ein dickes Ausrufezeichen.

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