Komm, süßer Tod

Erschienen: Januar 1998

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1998, Seiten: 222, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, Seiten: 222, Originalsprache
  • Köln: BMG Wort, 1999, Seiten: 2, Übersetzt: Gregor Seberg & Wolf Haas

Couch-Wertung:

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Wolfgang Weninger
Ärmel hoch und dings

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Mai 2003

Wolf Haas mag man, oder man mag ihn nicht. Der Schreibstil von Wolf Haas ist ja eigentlich auch gar kein Schreibstil, sondern ein Redstil, weil er genau so artikuliert, wie man das in jedem Wiener Beisel zu hören bekommt, wenn einer groß zu erzählen anfängt. Da herrscht das Dings, du weißt schon, und dann kommst du vom Hundertsten ins Tausendste, aber bis die Geschichte endlich auf den Punkt kommt, falls überhaupt, schlafen die Zuhörer schon über ihren Bierkrügen. Weil Männer am Wirtshaustisch fast immer monologisieren und im Endeffekt aber trotzdem Rezension.

Rettungsfahrer bei den Kreuzrettern ist ein schöner Beruf, viel besser als Detektiv und der Brenner hat zusätzlich noch eine gesicherte Schlafstelle, auch wenn die Scheißhäuseltour nicht angenehm ist, aber so eine Spenderleber bei der Rosi wiegt das alles auf. Bloß, dass die Krankenschwester mitten im Schmusen voll eine Kugel in der Mundhöhle erwischt hat, die vorher schon durchs Genick vom Küsserkönig gefahren ist, da schaust aber. Und dann schnappen dir die Kerle vom Rettungsbund noch die Fuhren weg und jetzt reden alle drüber, vor allem die Männer. Und eine Frau, die Angelika, die Tochter vom alten Lanz und bei der möchte ohnehin jeder landen, aber sicher ist nur, dass der Bimbo mit ihr gevögelt hat und das macht eine Leiche mehr, also seine.

Einmal Detektiv, du das hängt dir nach. Weil es darf nichts an die Öffentlichkeit, aber der Brenner hört sowieso die Flöhe husten. Also Ärmel hoch und dings.

Alles verstanden? Wenn nicht, dann unbedingt Wolf Haas lesen. "Komm, süßer Tod", 1999 mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet, zeigt Haas in Perfektion, wenn er die Umgangssprache zur Kunstform erhebt. Dabei verwendet er jenen morbiden Wiener Humor, der von Andeutungen und Abschweifungen lebt, und das "Goldene Wienerherz" zu Recht als Mittel zum Selbstzweck entlarvt.

Für Anfänger dauert es eine Weile, bis sie hinter die Syntax seiner Sätze kommen, falls Haas nicht ohnehin bestreitet, dass es eine solche gibt. Der studierte Linguist schreibt, wie dem Volk der Schnabel gewachsen ist und das kann für Unkundige zum gewöhnungsbedürftigen Idiom werden. Es ist eigentlich völlig egal, dass es sich bei dieser Geschichte um einen Kriminalfall handelt. Der Fall an und für sich ist nicht gerade ein Highlight am österreichischen Krimihimmel, aber wie sich Haas in unzähligen Gedankensplittern mit Gott und der Welt durchwurschtelt, gehört zum Witzigsten und Eigenständigsten, was das deutschsprachige Verlagswesen in den letzten Jahren unters Volk gebracht hat. Die ganze Story erinnert an eine Spickzettelsammlung voller Ideen, die durch den Autor mit einer Rahmenhandlung versehen wurde.

Auch die Reaktionen der Leser auf der Krimi-Couch zeigen deutlich, dass hier sämtliche Prädikate von sprachlicher Erstklassigkeit bis zum totalen Unverständnis gleichmäßig verteilt sind. Von mir bekommt Haas eine absolute Höchstnote und ich kann "Komm, süßer Tod" nur jedem ans Herz legen. Aber ich bin mir bewusst, dass die sprachliche Akzeptanz hier in jedem Fall kontroverse Beurteilungen hervor rufen muss.

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