Der Brenner und der liebe Gott

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 2009, Seiten: 223, Originalsprache
  • München: dtv, 2011, Seiten: 221, Originalsprache

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Thorsten Sauer
Brenner lebt, weil er nie tot war

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Jun 2009

Nach sechs erfolgreichen Bänden ließ Wolf Haas seinen Brenner sterben – dachten und schrieben viele. Ob es daran lag, dass jene, die den Tod des schrulligen Polizisten verkündeten, den sechsten Band nicht aufmerksam zu Ende gelesen haben oder einfach Wolf Haas skurrilen Einfallsreichtum unterstützten, lässt sich abschließend nicht sicher sagen. Wolf Haas persönlich hat aber nie einen Zweifel daran zugelassen: der Brenner war nie tot, der Erzähler musste dran glauben!

Das macht die Eröffnung des siebten Bandes – den es nach Aussage des Autors eigentlich nie geben sollte – wesentlich einfacher. Es ist keine gezwungene Wiederbelebung notwendig, da der Brenner nie weg war, sondern nur den Job gewechselt hat, und der Erzähler plappert im Jenseits genauso munter wie im Diesseits.

"...wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen"

Der Brenner hat es nach dem Ausscheiden aus dem Polizeidienst eigentlich recht gut getroffen: Er wurde Fahrer für den Bauunternehmer Kressdorf. Das heißt, eigentlich nicht direkt für den Kressdorf, sondern für dessen zweijährige Tochter. Der kressdorfsche Firmensitz ist in München und Kressdorfs junge Frau betreibt in Wien als Ärztin eine Abtreibungsklinik. Die Beziehung findet daher, geographisch gesehen, in der Mitte, in Kitzbühl, statt. Nur die Tochter führt das für Fernbeziehungen typische Pendlerleben und verbringt daher mehr Zeit mit dem Herrn Simon, so wird der Brenner im Ruhestand von seinen Arbeitgebern genannt, auf der Autobahn als bei ihren Eltern. Brenner liebt das zweijährige Mädchen und genießt seinen neuen Job, dem er so gewissenhaft wie möglich nachgeht. Bis auf einmal, als er vergisst vor dem Fahrtantritt Richtung Österreich zu tanken. Er steuert gemeinsam mit Helena die Raststätte an und besorgt beim Bezahlen noch schnell Schokolade für die Kleine. Höchsten fünf Minuten lässt er das Mädchen aus den Augen, doch die genügen. Als er zurück zum Wagen kommt, ist Helena verschwunden. Entfürt und Herr Simon trägt die Mitschuld. Untätig mit dem Schicksal hadern geht da natürlich genauso wenig, wie weiter als Chauffeur für die Kressdorfs zu arbeiten. Er wird entlassen und widmet sich – jetzt wieder als Brenner – der Aufklärung des Falls.

"Pass auf, ob du es glaubst oder nicht..."

Häufig ist es so eine Sache mit den Heimat- oder Lokalkrimis. Da wird ein nur mühsam unterdrückter Dialekt schnell zur künstlerischen Ausdrucksform stilisiert, obwohl die Grenzen offensichtlich und der persönlich Stil nicht mutig, sondern hölzern ist. Haas geht da seit jeher nicht nur einen Schritt weiter, sondern er überzeichnet mit offensichtlichen Fehlern die Sprache und trifft doch unverkennbar den Ton der Umgangssprache. Das gelingt ihm auch dadurch, dass er nicht nur sprachlich unverkennbar eigene Wege beschreitet, sondern auch erzählerisch. Er stellt dem allwissenden Erzähler den "besserwissenden" Erzähler entgegen.

Ähnlich wie die "Shopsäufer" der Raststätte, die als einzige Augenzeugen des Verbrechens nichts aber doch alles besser wissen, drängt der Erzähler dem Leser "seine" Sicht der Dinge auf. Haas schafft sich mit diesen Kunstgriffen eine Spielwiese des Erzählens in der er sich nach Herzenslust austobt. Die Krimihandlung tritt dabei zwar ein wenig in den Hintergrund, Wolf Haas vergisst oder vernachlässigt sie aber keineswegs. Er hat nur einfach spürbar Spaß daran, scheinbar unvereinbare Elemente auf einen Haufen zu werfen, mit seiner Phantasie zu vermengen und dann zu erleben, was sich daraus Verwertbares entwickelt. So lernen wir vom Erzähler, dass es einen unabänderlichen zeitlichen Zusammenhang zwischen "dem sexuellen" und dem Entstehen menschlichen Lebens gibt, um postwendend mit Brenner den Gegenbeweis zu erleben. Geburt und Empfängnis in umgekehrter Reihenfolge, das geht tatsächlich, genauso wie die Begegnung mit dem Lieben Gott, während man bis über beide Ohren in der Scheiße steckt. Wer bei Letzterem allerdings glaubt es handele sich um eine derbe Metapher, der irrt und unterschätzt Wolf Haas Ideenreichtum gewaltig. Sprache, Humor und die spezielle Interpretation des Krimigenres sind nicht jedermanns Sache, doch völlig unzweifelhaft hat sich Wolf Haas mit Brenner und der Liebe Gott endgültig an die Spitze der deutschsprachigen Krimiautoren geschrieben. Man muss den Brenner und Haas nicht unbedingt lieben aber man muss sie gelesen haben und man wird es nicht bereuen.

Der Brenner und der liebe Gott

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