Brennerova

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann und Campe, 2014, Übersetzt: Wolf Haas

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Schamanen, Mörder und abgehackte Hände

Buch-Rezension von Andreas Kurth Sep 2014

Simon Brenner ist ein früherer Polizist und eine Art Privatdetektiv. Er ist schon jenseits der 60, und er lebt irgendwie fest mit seiner alten Liebe Herta zusammen, einer früheren Lehrerin mit Faible für Schamanen und Esoterik im Allgemeinen. Beide haben noch ihre eigenen Wohnungen, und deshalb kommt Brenner irgendwie nicht an den Internetseiten vorbei, die ihm Kontakte zu osteuropäischen Frauen verschaffen sollen. Ihm haben es vor allem die hübschen Russinnen angetan, und als Herta zu einer ausgedehnten Wanderung nach Marokko fort ist, wird es für Brenner intensiver – er findet seine Brennerova, wie er Nadeshda nennt. Er fährt sogar nach Russland, wird ausgeraubt, und trifft die schöne Frau, die ihm offenbart, dass Brenner für sie nach ihrer in den Westen gereisten Schwester suchen soll – er war ja mal Kriminalpolizist. Und so gerät er in ein Durcheinander aus Drogenhandel, Prostitution und schließlich noch einer Geiselnahme in der fernen Mongolei, wo seine Herta bei einem Schamanenseminar gekidnappt wird. Aber er wäre nicht "der" Brenner, wenn er dieses Wirrwarr nicht auflösen könnte.

Ein grandioses Leseerlebnis

Brennerova ist innerhalb von 17 Jahren bereits der neunte Roman aus der Reihe um den eigenwilligen Simon Brenner. Ebenso eigenwillig ist der Schreibstil von Wolf Haas, an den man sich als Leser aber schnell gewöhnt, jedenfalls ist es mir so gegangen. Dieses Buch war mein erstes von Wolf Haas, und es hat mir gleich ausgezeichnet gefallen. Wer diese Erzählweise nicht mag, wird das Buch schnell wieder aus der Hand legen – und ein grandioses Leseerlebnis verpassen. Der Autor erzählt seine Geschichte auf eine ganz eigene Art, fesselnd, spannend – und mit vielen Einblicken in das überraschend bewegte Leben seiner Protagonisten. Zuweilen gleitet die Handlung ins Fantastische ab, aber das kann man Wolf Haas leicht verzeihen, denn die Einblicke ins pralle Leben gleichen das sofort wieder aus.

Hände werden wieder angenäht

Brenners Erlebnisse in Russland, die esoterischen Macken seiner Hertha, ein großkotziger Internet-Redakteur, und dann der exzentrische Tätowierer in seinem Kellerstudio – Wolf Haas hat hier einige herrliche Episoden aneinander gereiht. Der erzählerische Höhepunkt sind allerdings die abgehackten Hände. Diese besonderen und überaus Körperteile kommen dem Schreiberling und dem Tattoo-Spezialisten gewaltsam abhanden, und werden dann unter ziemlich speziellen Umständen wieder angenäht. Ich werde die Pointe hier nicht verraten – aber die ist derart gelungen, dass es nichts ausmacht, wenn der Brenner in diesem Kapitel gar nicht dabei ist und erst später wieder die Bühne betritt. Wolf Haas zieht hier alle erzählerischen Register, und macht die Handlung des Romans damit nochmals dynamischer.

Durch Elemente eines Polit-Thrillers angereichert

Der Autor lässt seine Leser gerne mal rätseln – wie auch seinen lebenserfahrenen Ermittler. Dafür ist der Roman mit ziemlich abgründigen Doppeldeutigkeiten gespickt, was ja offenbar eine Spezialität von Wolf Haas ist. Der Autor pflegt eine überaus eigenwillige, fast schon künstlich wirkende Sprache. Die Sätze wirken wie abgehackt, und doch enorm bedeutungsschwer. Dem Brenner kommt bei seiner detektivischen Spürarbeit zuweilen der Zufall zu Hilfe. Das stört den Leser aber kaum, zu schnell geht es weiter mit Anspielungen, psychologischen Feinheiten und witzigen Sprachspielen. Der Kriminalroman wird durch Elemente eines Polit-Thrillers angereichert, und das wirkt bei Wolf Haas keinesfalls bemüht, sondern fügt sich wunderbar in die Gesamtkomposition ein. Herta läuft dabei zu ganz großer Form auf, ihre zuvor schon wichtige Rolle bekommt eine ganz neue Dimension. Brennerova ist mal wieder so ein Roman, den an für einen zweiten Lese-Durchgang empfehlen möchte. Manche Nuancen wird der Leser erst beim zweiten Mal komplett genießen können. Und eines sei noch hinzu gefügt. Man sollte sich für dieses Buch Zeit nehmen und es konzentriert lesen. Der Roman hat es verdient.

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