Dr. Siri und seine Toten

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • New York: Soho Press, 2004, Titel: 'The Coroner's Lunch', Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2008, Seiten: 4, Übersetzt: Jan Josef Liefers
  • London: Quercus, 2007, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 317
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Jan Josef Liefers

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Lars Schafft
Siris real existierender Humorismus

Buch-Rezension von Lars Schafft Jul 2008

Auf genau diese Bücher wartet man. Auf diese, die so skurril klingen, dass man mindestens hineinlesen möchte. Wenn sich dann schon nach wenigen Seiten herausstellt, dass der Roman vielleicht sogar noch besser sein könnte als erhofft, sollte man sich die nächsten Stunden nichts vornehmen. Dr. Siri und seine Toten ist eines der Bücher, das den Leser erfolgreich von allem Wichtigen abhält, wenn er ins kommunistische Laos der späten 70er eintaucht.

Laos? Ja, da sollten wir mal schnell im Atlas nachschlagen. Südostasien ist schonmal warm, heiß wird´s, wenn wir das kleine Land mit seinen seinerzeit gut drei Millionen Einwohnern zwischen Thailand und Vietnam suchen. Die Hauptstadt heißt Vientiane und genau dort arbeitet Dr. Siri Paiboun. Siri blickt auf stolze 72 Jahre zurück und hätte mit Sicherheit nicht geträumt, dass er in hohem Alter noch einen neuen Job vom Politbüro aufs Auge gedrückt bekommen: Er soll - muss - Laos´ einziger Pathologe werden. Medizinische Kenntnisse hat Siri zwar, pocht aber darauf, dass es einen Unterschied mache, ob er einen Menschen zersäge oder ihn zusammenflicke. Doch als gar nicht mal unkommunistischer Fachmann bleibt ihm kaum eine Wahl. Mit Notenständer und französischen Lehrbüchern bewaffnet beginnt er seine neue Tätigkeit, die ihm nach zehn Monaten die erste richtige Bescherung liefert. Frau Nitnoy, verheiratet mit dem Genossen Kham, landet in Siris Tiefkühlhaus. Beim Essen sei sie einfach tot vom Stuhl gefallen. Scharfsinnig folgert Siri:

 

Sie war nicht vom Zug überfahren worden (denn in Laos gab es keine Züge). Auch war sie weder erschossen, erstochen oder erstickt worden, noch hatte eine Militärbarkasse ihr die Beine abgetrennt. Aber da sie sich zum Zeitpunkt ihres Todes in einem geschlossenen Raum aufgehalten hatte, waren das keine weltbewegenden Erkenntnisse.

 

Zum Glück hat unser Dr. Genosse einen spitzfindigen Helfer, den Herrn Geung. Der hat das Down-Syndrom - und eine exzellente Nase. Und meint, Genosse Khams tote Gattin rieche nach Nüssen - Zyanid? Komisch nur, dass Kham recht vergnügt seine Frau mir nichts dir nichts aus der Pathologe wegschaffen lässt, bevor Siri eine Todesursache feststellen kann. Und bei der einen Leiche aus hohen politischen Kreisen soll es auch nicht bleiben...

Colin Cotterill, Exil-Brite mit derzeitigem Wohnsitz in Thailand, ist mit Dr. Siri und seine Toten ein rundum vergnüglicher, mit intelligentem Humor gespickter Erstling gelungen. Exotischer können die Rahmenbedingungen (Laos, Kommunismus, 70er-Jahre, 72-jähriger Detektiv) eigentlich kaum sein, und trotzdem gelingt Cotterill eine vom ersten Kapitel an flüssige Story, die gar nicht mal in erster Linie von ihrer Exotik lebt. Sondern von ihren Figuren.

An vorderster Front natürlich Dr. Siri, der "passiv-rebellisch verrückte" Pathologe wider Willen, der in Frankreich nur wegen Brüsten zum Kommunismus kam ("Männer sind zweidimensionale Wesen mit spezifischen dreidimensionalen Vorlieben"), dem in seinen Träumen seine Toten quicklebendig über den Weg laufen und der es auf dem Fahrrad bergab mit "120 Stundenkilometern" vorzieht, in den "weicheren" Besenverkäufer als in die Mauer des Präsidentenpalastes zu brettern. Mit der Weisheit des Alters und einer gewissen asiatischen Nonchalance erträgt er die vielen kleinen Katastrophen des Alltags und ältere Nachbarinnen, die ihm nachstellen.

Aber auch Cotterills übriges Personal besteht aus spritzig lebhaften Zeitgenossen, die das beste aus ihren teils doch sehr kärglichen Lebensumständen machen und auf eine äußerst charmante Art Dr. Siri und seine Toten zu einem munteren Lesevergnügen machen. Ein Übriges tun die Dialoge, deren trockener Sarkasmus dem Leser sicherlich nicht selten ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. Zum Beispiel ein Gespräch wie dieses zwischen Siri und seinem Freund Civilai vom Parteibüro:

 

"Wie war dein Wochenende?"
"Sensationell. Ich habe mir bei einem politischen Seminar in Vang Vieng den Hintern wundgesessen. Und du?"
"Ich habe einen Graben ausgehoben."
"Und? Wie war's?"
"Sensationell. Mein Block hat den Preis für das ´fröhlichste Arbeitslied´ bekommen."
"Gratuliere. Was gab´s denn zu gewinnen?"
"Eine Spitzhacke."
"Nur eine?"
"Jeder darf sie reihum eine Woche benutzen, in alphabetischer Reihenfolge."

 

Colin Cotterill schafft so mit Dr. Siri und seine Toten ein nicht nur erfrischend humorvolles Debüt, sondern schildert auch auf eine sehr angenehm entspannte Weise den Alltag eines fremden Landes unter einem fast ausgestorbenen politischen System, dabei mit scharfem Blick auf die Menschen, immer irgendwo zwischen Kommunismus und Buddhismus, zwischen Realität und Idealismus. Nicht zu vergessen: Dr. Siri hat ja auch noch einen Fall zu lösen - den Cotterill dazu noch äußerst clever gestrickt hat.

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