Der fröhliche Frauenhasser

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • New York: Soho, 2009, Titel: 'The merry misogynist', Seiten: 274, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Jan Josef Liefers

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Jörg Kijanski
Bo ben nyang!

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Dez 2012

Laos einziger Leichenbeschauer hat gleich auf zwei Ebenen zu kämpfen, denn Dr. Siri wohnt nicht in der ihm vom Staat zugewiesenen Wohnung, sondern bei Madame Daeng, seiner Ehefrau. Die Schwierigkeiten mit den Bürokraten beunruhigen ihn wenig, denn ein weitaus größeres Problem macht Siri zu schaffen. Auf seinem Seziertisch landet die ebenso schöne wie misshandelte Leiche einer jungen Frau. Da die Mahosot-Klinik über kein eigenes Labor verfügt, wendet sich Siri an die befreundete Lehrerin Oum, um deren Chemiesaal zu nutzen. Als er Oum die traurigen Details des Mordfalles erzählt, kommt dieser der Fall äußerst bekannt vor. Sie hat die gleiche Geschichte schon einmal gehört und so muss Siri zu seinem Entsetzen feststellen, dass offenbar ein Serientäter durch das Land zieht, um junge Frauen zu ermorden. Gemeinsam mit Inspektor Phosy macht sich Siri auf die Spurensuche, doch zuvor gilt es noch, den seit einigen Tagen verschwundenen Obdachlosen, den alle nur den verrückten Rajid nennen, zu finden…

Der einzige Binnenstaat in Südostasien bildet die Kulisse der Dr.-Siri-Paiboun-Reihe, die inzwischen neun Romane umfasst. Der sechste Teil, Der fröhliche Frauenhasser, ist soeben erschienen und setzt die preisgekrönte Serie hervorragend fort. Dies liegt naturgemäß in erster Linie an Autor Colin Cotterill, der selbst mehrere Jahre in Laos gelebt hat. Das seit 1975 als Einparteienstaat geführte Land ist für Ausländer nur schwer passierbar. In der vorliegenden Geschichte kommt erschwerend hinzu, dass 1978 - in diesem Jahr spielt der Roman - neben Lebensmittelengpässen auch die Infrastruktur weit zu wünschen übrig lässt. Ob sich hieran bis heute irgendetwas geändert hat, sei mal dahingestellt. Jedenfalls ist die Stimmungslage der desolaten Versorgungslage angepasst, nur wenige Menschen und Institutionen verfügen über ein funktionstüchtiges Telefon, eine Zusammenarbeit der Polizei über deren jeweilige Bezirksgrenzen hinaus ist kaum möglich. Für Reisen aus der Hauptstadt Vientiane benötigt man einen Passierschein, den nur wenige Menschen erhalten, doch über genau so ein Papier, genauer gesagt sogar mehrere, muss der Mörder verfügen, denn seine Mordtaten führen ihn in unterschiedliche Gegenden.

 

"Da es in Pakxe nicht allzu viele Fremde gibt, die nicht dem Militär angehören, brauchten die Kollegen von der örtlichen Polizei nur noch eins und eins zusammenzuzählen."
"Genial", meinte Siri. "Und was haben sie unternommen?"
"Nichts", gestand Phosy. Er verrührte den Kaffee mit der Kondensmilch in seinem Glas. Das Ergebnis ließ sich schwerlich als Flüssigkeit bezeichnen. "Sie vermuteten eine schnöde Liebesgeschichte hinter der ganzen Sache und nahmen an, dass der Bursche die Reiseerlaubnis nur gefälscht hatte, damit er seine Verlobte heiraten konnte. Sie maßen dem keine große Bedeutung bei."
"Das klingt schon eher nach der Polizei, die wir kennen und lieben", befand Siri.

 

Der Plot gliedert sich in vier Erzählstränge, die nahtlos ineinander greifen. Da ist zunächst Siris Privatleben, welches geprägt ist von Schwierigkeiten mit dem renitenten Wohnungsbeamten Koomki sowie seiner Liebe zu Madame Daeng. Dann die beiden Ermittlungen in den Fällen des vermissten Rajid sowie des Serienmörders und als vierter Strang gibt es Einblicke in das Leben und die Vorgehensweise eben jenes Serientäters Phan, dessen Name auf Seite 22 erstmals genannt wird. Nicht, dass Sie dem Rezensenten einen Spoiler vorwerfen.

 

"Das weibliche Gehirn besteht aus zwei Hälften. Eine für die Liebe. Eine für den Hass. Bisweilen ergänzen sie sich trefflich."

 

Wie bei Serien üblich begegnen einem bereits vertraute Figuren. Siris bester Freund Civilai, sein Gehilfe Dr. Jeung und seine Assistentin Dtui, die übrigens ein Kind von Inspektor Phosy erwartet, sind wie gewohnt an seiner Seite. Doch keine Frage, der unerreichte Star der Serie ist Siri, inzwischen 73 Jahre alt und der einzige Leichenbeschauer seines Landes. Eigentlich wollte er mit Madame Daeng seinen Ruhestand genießen, da jedoch aufgrund des politischen Umsturzes im Jahr 1975 viele Ärzte das Land verließen, wurde er zwangsverpflichtet. Mit viel Sarkasmus und schwarzem Humor trotzt Siri den Widrigkeiten der kommunistischen Bürokratie und löst gelegentlich für seinen Freund Phosy Kriminalfälle. Sehr viel Wortwitz bietet eine kurzweilige Unterhaltung und die Beschreibung zahlreicher Orte und Sehenswürdigkeiten sorgen für Authentizität, ohne dass man dabei das Gefühl bekommt, einen Reiseführer zu lesen.

"Bo ben nyang" ist übrigens eine laotische Redensart, die zahlreiche Bedeutungen hat, beispielsweise könnte man sie übersetzen mit "Nicht der Rede wert." Mit diesem Fazit würde man dem vorliegenden Roman allerdings grobes Unrecht antun. Da passt schon eher die landestypische Begrüßung: "Wohlsein!"

Der fröhliche Frauenhasser

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