Schritte des Todes

Erschienen: Januar 1967

Bibliographische Angaben

  • London: Collins, 1939, Titel: 'Footsteps of Death', Seiten: 284, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1967, Seiten: 173, Übersetzt: Tony Westermayr
  • München: Goldmann, 1981, Seiten: 159
  • Morsbach/Sieg: Tholenaar, 1983, Seiten: 264, Bemerkung: Großdruck
  • München: Goldmann, 1988, Seiten: 159

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Michael Drewniok
Gar hochkomplizierte Wege die Rache oft nimmt...

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2005

18 Jahre liegt der Mord an Sir John Merriman aus Netherton in Mittelengland nun schon zurück. Tochter Mary fand damals ihren Gatten Duncan Wayne, der den ungeliebten Schwiegervater um ein Darlehen hatte angehen wollen, über die Leiche des reichen Industriemagnaten gebeugt. In Panik war Wayne entflohen, Mary und die zweijährige Tochter Pamela zurücklassend. Dabei war er unschuldig und kannte schon damals den wahren Täter: Nigel Stacey, Sir Johns Privatsekretär, war es, der sich den Streit zwischen Schwiegervater und -sohn zu Nutze machte, seinen Arbeitgeber erst beraubte und dann erschlug. Während Wayne England heimlich gen Südamerika verließ, baute der Mörder mit dem gestohlenen Geld eine lukrative Chemiefabrik auf. Sein Vermögen weiß er zu mehren, indem er unter die Ladung alter Frachtschiffe, die seine gut versicherten Chemikalien über die Meere tragen, eine Bombe mit einer von seinem habgierigen Chefwissenschaftler Ballard neu entwickelten, Metall zerfressenden Säure schmuggelt. Schon dreimal gingen solche Schiffe auf den Meeresgrund, ohne dass die Untersuchungsbehörden Verdacht geschöpft hätten.

Nun will Stacey häuslich werden. Zum Objekt seiner Begierde hat er ausgerechnet die inzwischen zur jungen Frau herangereifte Pamela Wayne erkoren. Dass diese an ihrem bevorstehenden 21. Geburtstag das Vermögen ihres Großvaters erben wird, spielt natürlich auch eine Rolle. Pamela und ihre Mutter sind dem Schurken hilflos ausgeliefert: Er erpresst sie mit gefälschten Fotos, die angeblich den geflohenen Vater und Ehemann in Südamerika zeigen. Stacey droht ihn den Behörden anzuzeigen, wenn ihm Pamela nicht zu Willen ist.

Tatsächlich hält sich Duncan Wayne inzwischen in den USA auf, wo er unter seinem neuen Namen Floyd Trenton einen gut gehenden Automobil-Konzern aufgebaut hat. Über das, was in der alten Heimat vor sich geht, halten ihn Zeitungen auf dem Laufenden. Als er nun lesen muss, dass der alte Todfeind sich an der Tochter vergreifen will, kehrt er heimlich nach Netherton zurück. Glücklicherweise ist seit seiner Flucht so viel Zeit verstrichen, dass ihn dort niemand mehr erkennt. Nur der alte Gärtner Jock Withers durchschaut seine Maske. Da er ihn jedoch immer für unschuldig hielt, wird er Duncan zum wertvollen Verbündeten.

Gefährlich wird diesem allerdings der scharfsinnige Chefinspektor William Cromwell, genannt Ironsides oder Old Iron. Normalerweise findet man ihn im Scotland Yard in London, aber nun macht er Urlaub in Netherton, wo er einst als Sergeant den Mordfall Merriman untersuchte. Dass der Hauptverdächtige ihm damals entkam, ärgert Cromwell noch heute. Trotzdem schöpft er zunächst keinen Verdacht, dass dieser zurückgekehrt sein könnte. So kann Trenton/Duncan ungestört seinem Racheplan nachgehen. Der verhasste Stacey hat bald keine ruhige Minute mehr. Als unsichtbarer "Mr. Nemesis" terrorisiert Duncan ihn und will ihn zwingen, die Finger von Pamela zu lassen. Als er ahnungslos einen der Giftsäure-Kanister aus Ballards Hexenküche zur Explosion bringt, wird die Polizei aufmerksam. Inspektor Cromwell, der sich in seinem Urlaub längst heftig langweilt, schaltet sich in die Ermittlungen ein, und nun wird es für den selbst ernannten Rächer rasch eng...

Der Herr der Worte trifft einen Lesernerv

Victor Gunn (1889-1965), dessen richtiger Name Edwy Searles Brooks lautete, war als Unterhaltungs-Schriftsteller ein Vollprofi. Er verfasste über 800 (!) Romane und unzählige Kurzgeschichten (sicher wird man sich wohl nie sein) unterschiedlichster Genres, wobei er sich diverser Pseudonyme bediente. Der nome de plume "Victor Gunn" blieb jenen 43 Romanen und Storysammlungen vorbehalten, die Brooks zwischen 1939 und 1965 um den knurrig-genialen Inspektor William Cromwell und seinen unbekümmerten Assistenten Johnny Lister verfasste.

Die "Schritte des Todes" markieren das Debüt des Duos. Brooks griff hier auf eine seiner vielen Geschichten - "Mr. Nemesis" erschien 1937 in "Detective Weekly" - zurück, mit denen er, der Mann mit den tausend Namen, die "Penny Dreadfuls" und "Pulps" - auf billiges Papier gedruckte, den vordergründigen Geschmack des Publikums mit spekulativem Thrill bedienende Magazine - ganze Ausgaben im Alleingang füllte. Hier liegt der Schlüssel zum Werk des Victor Gunn, dessen Erfolg heute Rätsel aufgibt, da die Elemente, die diesen ursprünglich begründeten und garantierten, inzwischen völlig veraltet sind und kaum mehr funktionieren. Schon 1939 dürften die Handlung ein wenig altmodisch gewirkt haben: eine Reminiszenz an die Groschenromane der viktorianischen Ära, die nach 1918 allmählich ihren Niedergang erfuhren und den II. Weltkrieg nicht überleben sollten. Aber hier hatte Brooks 1907 debütiert, und die Gesetze der Ex-und-hopp-Literatur sollten sein Werk auf ewig prägen. Dabei war er ein guter Geschichtenerzähler, der seinen Stoff nicht nur im Griff hatte, sondern durchaus witzig und der Selbstironie fähig war: In "Schritte des Todes" macht er sich z. B. über das Geisterbahn-Ambiente lieber gleich selbst lustig als dies der Kritik zu überlassen, und ihm entgeht auch nicht, dass sich "Mr. Nemesis" recht ungebildet ausgerechnet den Namen einer Göttin geliehen hat.

Dennoch fordert die ständige Hast des Vielschreibens ihren Tribut: Der Plot von "Schritte des Todes" ist nicht nur schlicht, sondern regelrecht ärmlich, auch wenn er irgendwie funktioniert. Brooks bemüht alte und oft bemühte Situationen und Muster, die er mit dem Geschick des krisenerprobten Zirkusdirektors zu einer halbwegs unterhaltsamen Vorstellung zusammenstellt oder -stoppelt.

Panoptikum der Pappkameraden

In Deutschland ist Brooks oder Gunn so gut wie vergessen. Dabei ließ sich sein Erfolg einmal durchaus mit dem seines Schriftsteller-Kollegen Edgar Wallace (1875-1932) messen. Eine stolze Auflage von 1,6 Millionen meldete der Goldmann-Verlag, der Brooks als Victor Gunn hierzulande exklusiv verlegte, schon 1964 - eine Zahl, die sich in den folgenden Jahren noch beträchtlich erhöht haben dürfte. Die Erklärung fällt leicht, markiert doch schon "Schritte des Todes" die auffälligen Parallelen zum erwähnten Edgar Wallace. Sinistre Schurken und autoritäre Helden liefern sich aufregend-infantile Katz-und-Maus-Spielchen um vergrabene Schätze, romantische Racheschwüre oder bizarre Geheimwaffen. Stets muss mindestens eine schöne, aber notorisch hilflose Frau aus den Klauen des Bösen befreit und im Finale mit einem der Guten verheiratet werden.

Das alles spielt in den Kulissen eines romantischen Fantasie-Englands, das es so ganz gewiss nie gegeben hat. In "Schritte des Todes" finden wir neben vielen anderen einschlägigen Klischees die verfallene Schlossruine des Schauerromans ebenso wieder wie den treuherzig-drolligen Dorfbewohner als Repräsentanten einer mit sich und dem Schicksal in Einklang befindlichen Unterschicht. Die Welt von Edgar Wallace und Victor Gunn ist in Ordnung; ihre Bewohner wissen, wohin sie gehören, und sind es zufrieden damit. Stets obsiegt das Gute, und die Unerfreulichkeiten der Realität bleiben ausgespart. Das gefiel (und gefällt) durchaus auch in England, aber noch besser im Deutschland der ersten Jahrzehnte nach dem II. Weltkrieg, dessen historisches Erbe systematisch verdrängt wurde. Politische Neuordnung und soziale Umwälzungen sorgten für Unbehagen, dem der brave Bürger gern des Feierabends in die sichere Behaglichkeit entfloh, die ihm "sein" Wallace oder Gunn bot. "Old Iron" Cromwell und Johnny Lister blieben stets dieselben, lieferten sich Episode für Episode dieselben pubertären Wortgefechte und erstarrten nach dem Willen ihres geistigen Vaters und seines Publikums bis 1965 in ihrem Thriller-Panoptikum, während sich die reale Welt rasend schnell veränderte.

Als eine neue Generation heranwuchs, die dem Vertrauten, "von oben" Geregelten die Freiheit des Denkens und Handelns vorzog, musste die Popularität von Romanen dieses Schlages zwangsläufig abnehmen. Auch heute werden zwar sporadisch Inspektor Cromwell-Romane neu veröffentlicht, doch die Zeit der Rekordauflagen ist endgültig vorüber. Nun setzt der Goldmann-Verlag auf den Nostalgie-Faktor: Knarrende Türen und Schwarze Äbte in der Nacht jagen niemandem mehr Angst ein, sondern sind witziger "Kult" - und erinnern wehmütig an eine Zeit, da die Welt scheinbar einfacheren Regeln gehorchte und leichter zu meistern war; hier schließt sich dann der Kreis.

(Ach ja: Welche Fußspuren der Tod denn nun in dieser Geschichte hinterlässt, wird leider auch im Finale nicht deutlich - bereits vor sechzig Jahren war die Kunst, eine Allerweltsgeschichte durch einen schmissigen Titel aufzupeppen, sichtlich bereits bekannt.)

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