Der erste Verdacht

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Alfabeta / Anamma, 2004, Titel: 'Guldkalven', Seiten: 284, Originalsprache
  • München: btb, 2005, Seiten: 320, Übersetzt: Lotta Rüegger & Holger Wolandt
  • München: btb, 2007, Seiten: 381, Übersetzt: Lotta Rüegger & Holger Wolandt
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Seiten: 383
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Andrea Sawatzki, Bemerkung: gekürzt

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Sabine Reiß
Die dot-com-Blase platzt

Buch-Rezension von Sabine Reiß Nov 2004

Die Krimis von Helene Tursten sind dafür bekannt, dass mit Details nicht gegeizt wird. Wortreich lässt sie den Leser an den Abendessen, den Besprechungen und den Ermittlungen sowieso teilhaben. Was manches Mal ein wenig übertrieben wirkt, findet man auch in diesem Fall der Kriminalinspektorin Irene Huss vor, doch das Thema gibt es zur Abwechslung tatsächlich her. Sie schildert die Hintergründe der dot-com-Euphorie, die sich in den Neunziger Jahren in der westlichen Welt breit machte und Leute in großem Stil dazu verführte, ihr mühsam verdientes Geld in windige Geschäftsideen zu stecken, um am Ende den großen Reibach zu machen. Doch wie wir wissen, gab es mehr Verlierer als Gewinner bei diesem Spiel.

Augenscheinlich auf der Gewinner-Seite standen jedenfalls Sanna Kaegler-Ceder sowie ihre Kompagnons Philip Bermann und Thomas Bonetti. Bonetti ist allerdings gemeinsam mit einem Berg von Geld schon seit ein paar Jahren verschwunden, doch auch Sanna und Philip hatten zumindest ein paar Schäfchen im Trockenen. Die Glückssträhne ist definitiv zu Ende, als Sannas Ehemann Kjell Bengtsson-Ceder ermordet in seiner Luxusvilla aufgefunden wird - getötet durch zwei Kugeln aus einer kleinkalibrigen Waffe aus nächster Nähe. Ist es Zufall, dass unmittelbar danach auch Philip Berman und sein neuer Geschäftspartner Joachim Rothstaal ermordet werden, ebenfalls erschossen mit einer kleinkalibrigen Waffe? Die Spur führt nach Paris, wo Kriminalinspektorin Irene Huss und ihre Kollegin nur knapp mit dem Leben davonkommen.

Der Thymian in der Suppe

Helene Tursten hat sich mit diesem Buch an ein komplexes Thema herangewagt und diese Herausforderung gut gemeistert. Sie schildert die verzwickten Zusammenhänge von Internet-Investments sehr verständlich und hat diese mit der eigentlichen Handlung so verwoben, dass auch wirtschaftlich nicht vorgebildete Leser diese nachvollziehen können. Irene Huss wirft hier zudem einen Blick hinter die Kulissen der fiktiven High Society Göteborgs und muss erkennen, dass in der Welt der Reichen Freundschaft anscheinend nichts zählt und dass diese Leute eigentlich ein sehr armseliges Leben führen.

Natürlich bleibt Frau Tursten ihrem Stil treu und teilt ihren Lesern auch dieses Mal mit, dass z.B. die übliche Donnerstags-Kartoffelsuppe mit etwas zu wenig oder zuviel Thymian gewürzt war - ist das nicht egal? - und weitere kleinkarierte Dinge, die mir entfallen sind. Wer auch immer ein Buch von ihr gelesen hat, wird verstehen, was mit "detailreich" gemeint ist. Es ist nicht damit zu vergleichen, dass ein Autor seinen Figuren durch die Beschreibung ihres Umfelds Leben einhaucht, es geht wirklich darüber hinaus. Doch erstmalig nehmen die Details in der Geschichte nicht überhand bzw. verblassen ein wenig und das Privatleben der Ermittler wird nicht überbetont. Da kann man Dinge wie den Thymian in der Suppe leichter verzeihen. Insgesamt haben die Personen ihre Eigenheiten beibehalten und treten recht sympathisch an den Leser heran.

Nicht herausragend, aber gut

An Spannung lässt die Handlung nicht zu wünschen übrig und der Plot entwickelt sich gut. Die Autorin legt verschiedene Spuren und man ist ehrlich gespannt auf die Auflösung, auf die konsequent hingearbeitet wird. Diese ist zwar interessant, aber es irritierte mich die Tatsache, dass sie quasi von außen herbeigeführt wird. Die armen Inspektoren mühen sich ab und am Ende kommt das FBI in Person einer stattlichen Agentin, die auf Wirtschaftsdelikte spezialisiert ist, und sagt ihnen, wo es langgeht. Na gut, das Ganze allein zu lösen wäre vielleicht doch eine Nummer zu groß gewesen und es ist wahrscheinlich ein Zeichen von Realismus, dass nun mal Göteborger Polizisten nicht auf dem Klavier der großen weiten Welt spielen können und gegebenenfalls auch Hilfe anfordern müssen.

Die Übersetzung wirkt gegenüber "Die Tätowierung" etwas gefälliger, obwohl sie aus der gleichen Feder wie bei den anderen Büchern stammt, allerdings dieses Mal in Zusammenarbeit mit einer zweiten Person.

Helene Tursten hat mit "Der erste Verdacht" vielleicht die komplexeste Geschichte bisher aufgegriffen. Resultat war bzw. ist zwar kein herausragender, aber ein guter Krimi, der sich von ihren anderen Büchern abhebt. Ich möchte fast sagen, es ist der beste Krimi aus der Huss-Reihe.

Der erste Verdacht

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