Der Novembermörder

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Göteborg: Anamma, 1998, Titel: 'Den krossade Tanghästen', Seiten: 381, Originalsprache
  • München: btb, 2000, Seiten: 543, Übersetzt: Christel Hildebrandt
  • München: Goldmann, 2001, Seiten: 543
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 543
  • München: btb, 2004, Seiten: 543

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Sabine Reiß
Zwei stadtbekannte Kriminelle und die Hell´s Angels

Buch-Rezension von Sabine Reiß Sep 2003

Schauplatz ist Göteborg. Gerade als seine Frau und sein einziger Sohn vor dem Haus dem Auto steigen wollen, stürzt Richard von Knecht vom Balkon seiner Wohnung im obersten Stock auf den Bürgersteig in den Tod. Das wäre sozusagen die Kurzbeschreibung der Geschichte, doch das wäre doch zu banal. Er ist kein Unbekannter in der Göteborger Gesellschaft, denn er ist reich, so daß sich die Medien auf den Fall stürzen werden. Da unklar ist, ob es sich um einen Unfall oder einen Mord handelt, wird das Team von Kriminalinspektor Sven Andersson zum Tatort gerufen. Bald ist sicher, es war kein Unfall, denn die Tür zum Balkon ist von innen verriegelt, die ganze Wohnung ist blitzblank geputzt, so daß keinerlei Fingerabdrücke zu finden sind. Außerdem stellt sich heraus, dass von Knechts Leiche eine Wunde aufweist, die gut zu einem der Küchengeräte in der Wohnung paßt. Der Leser begleitet die Inspektorin Irene Huss, die im Team von Andersson arbeitet, bei ihren Ermittlungen. Sylvia von Knecht, die Ehefrau des Verstorbenen reagiert zwar verständlicherweise hysterisch auf den Vorfall, aber das Ableben ihres Mannes kommt ihr sicherlich nicht ungelegen, auch wegen der hohen Versicherungssumme, die sie erhalten wird. Die Ehe war schon lange nicht mehr in Ordnung, denn von Anfang an hat Richard seine Frau betrogen, was im Pressearchiv in zahlreichen bebilderten Artikeln dokumentiert ist. Doch sie kann ihn nicht gestoßen haben, denn sie war ja unten auf der Straße zum Zeitpunkt des Mordes. Gleiches gilt für Henrik von Knecht, Richards Sohn. Aber auch sein Verhältnis zu seinem Vater war nicht das Beste.

Die Suche nach der finnischen Putzfrau wird aufgenommen, da man sich von ihr die Aufklärung erhofft, wann die Wohnung das letzte Mal geputzt wurde. Oder hat der Mörder seine Spuren verwischt? Richard von Knecht wollte noch Sandwiches kaufen, die er und seine Frau abends essen wollten, wo sind diese geblieben? Ich verrate wohl nicht zuviel, wenn ich sage: der Mörder hat sie gegessen. Die Polizei führt nicht nur zahlreiche Verhöre, sie stochert auf der Suche nach einem Motiv auch in der Vergangenheit herum. Es stellt sich heraus, dass Richard von Knecht einen unehelichen Sohn hatte, der einen nicht unerheblichen Teil des Vermögens erben wird. Ein Vorwärtskommen ist nicht zu erkennen, da passiert etwas Merkwürdiges. Das Haus, in dem sich das Büro des Toten befindet, fliegt in die Luft und eine Person kommt dabei ums Leben. Der vermißte Schlüsselbund von Richard von Knecht steckt in der Tür. Wem galt dieser Anschlag? Haben hier zwei Mörder einen Wettlauf absolviert oder wollte einer nur auf Nummer Sicher gehen?

Der Mordfall ist zunächst eigentlich wenig komplex und die Zahl der Verdächtigen hält sich meines Erachtens in Grenzen, geht aber über Ehefrau und Sohn hinaus, denn Richard von Knecht hat einen illustren Bekanntenkreis und hat sich auch mit seinen Affären und Geschäften nicht immer Freunde gemacht. Daß Helene Tursten dennoch 544 Seiten benötigt, um die Lösung zu präsentieren, ist der Tatsache zu verdanken, dass sie sehr detailorientiert schreibt. Wer sich in Göteborg auskennt, wird hoffentlich die geschilderten Orte erkennen. Zu Beginn war ich total begeistert, denn so manches Mal sind die handelnden Personen einfach zu flach charakterisiert, was hier nicht der Fall ist. Es ist begrüßenswert, wenn man am Leben des Protagonisten teilnehmen kann, jede Reaktion wird geschildert, so daß man gut folgen kann. Irene Huss ist nicht nur Polizistin, sie hat auch eine Familie. Ihr Mann arbeitet Teilzeit als Koch und sie hat zwei Töchter, Zwillinge. Vor Jahren war sie Europameisterin in Jiu-Jitsu. Als sich eine ihrer Töchter mit einem Skinhead einläßt und sich ebenfalls den Kopf rasiert, gerät ihr Privatleben ein wenig aus den Fugen.

Aber ehrlich gesagt gingen mir die vielen Details nach der Hälfte des Buches auf den Keks. Interessiert es jemanden, dass Irene Huss einen schönen IKEA-Teppich zu Hause hat, der nicht mit dem wertvollen Stück aus der Wohnung der von Knechts mithalten kann? Wie geht die Pizzabestellung bei der Kriminalpolizei vor sich? Wer trinkt wieviele Tassen Kaffee? Diese Reihe ließe sich noch beliebig fortsetzen. Auf der anderen Seite führt dies natürlich auch dazu, dass sich der Leser wirklich mittendrin fühlt, denn auch die Polizei muß schließlich mal essen ;-) An realistischer Beschreibung mangelt es demnach nicht, soweit ich als Laie dies beurteilen kann, und die Phantasie wird trotzdem nicht eingeschränkt. Auch Ironie kommt nicht zu kurz: "Wenn Du auf Reisen gehst, merkst Du, dass Du bald vierzig wirst. Mit Zwanzig hat man nur ein kleines Necessaire in die Außentasche des Rucksacks gestopft. Mit Vierzig ist der ganze Rucksack ein Necessaire."

Das Milieu, in dem der Mord passiert, ist nicht gerade alltäglich. So lernt man wahrlich detailliert das Leben der Upper-Class Göteborgs kennen: doch auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt, was uns sicherlich keine Überraschung bietet. Insgesamt liest sich das alles flüssig und leicht und trotz des kleinen Kreises von Verdächtigen wird die Spannung gut aufgebaut. Helene Tursten bringt durch zwei stadtbekannte Kriminelle und die Hell´ s Angels noch einen Gegenpol zur High-Society ins Spiel, damit uns die Bodenhaftung nicht verloren geht. Die in schwedischen Kriminalromanen fast obligatorische Gesellschaftskritik klingt durch die Skinhead-Problematik und die Diskussion um die Existenz der Konzentrationslager an, ist jedoch nicht originär mit dem Mordfall verknüpft. Alles in allem ist "Der Novembermörder" dennoch leichte Kost und für einen Urlaub ganz gut geeignet.

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