Mord auf der Leviathan

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • -: ?, 2000, Titel: 'Leviafan', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2002, Seiten: 280, Übersetzt: Renate & Thomas Reschke
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2005, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck

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Wolfgang Weninger
Ein nettes Buch für das Lesevergnügen vor dem Einschlafen

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Mai 2003

1913 läuft am 14. März in der Hamburger Werft von Blohm und Voss das damals größte Schiff der Welt von Stapel, die "Vaterland". Eigentlich hätte sie ja Europa heißen sollen, aber angesichts des bevorstehenden Ersten Weltkrieges sollte der Name doch etwas patriotischer sein. Die Jungfernfahrt begann am 14. Mai 1914 und führte von Cuxhaven nach New York. 1917 von den Amerikanern beschlagnahmt, wurde sie schließlich auf den Namen "Leviathan" umgetauft. Ihre 54.282 Bruttoregistertonnen wurden zunächst als Truppentransporter verwendet und 1923 wieder dem Passagierverkehr zugeordnet, wo die Leviathan als zweitschnellster Schiff galt, das auf der Transatlantikroute zwischen New York und Southampton verkehrte.

Aber Boris Akunin hält sich in seinem Roman "Mord auf der Leviathan" nicht an die historischen Fakten, sondern siedelt seine Jungfernfahrt des Luxusliners in das Jahr 1878 und lädt die Passagiere auf eine Reise von Paris nach Kalkutta. Eine Zweiklassengesellschaft bemächtigt sich der Decks, wobei die Unterdecks dem gemeinen Volk vorbehalten sind, während am Oberdeck in der "Ersten Klasse" nur wenige Auserwählte mitreisen dürfen. Alle Erstklassler erhielten anlässlich dieser Reise einen goldenen Wal zum Anstecken und dieser ist auch der Grund, warum sich Kommissar Coche an Bord begeben hat.

Der alte Lord Littleby, seines Zeichens Sammler fernöstlicher Kostbarkeiten, wurde in seiner Pariser Villa brutal ermordet. Und mit ihm ging auch die gesamte Dienerschaft in die ewigen Jagdgründe ein, ermordet mit einer Giftspritze. Das einzige Indiz am Tatort war einer dieser besagte goldenen Ansteckknöpfe, den der Täter, offensichtlich Erster-Klasse-Passagier, verloren hatte. Kommissar Coche braucht also nur nach dem- oder derjenigen zu suchen, die ohne das Abzeichen an Bord gegangen ist. Alle jene, darunter auch der Detektiv Fandorin, werden in einem Salon vergattert und treten die Reise unter Aufsicht des Kriminalisten an.

Jeder ist verdächtig, jeder hat Dreck am Stecken und einiges zu verbergen. Fandorin, den man als "James Bond des 19. Jahrhunderts" bezeichnet, gibt sich jedoch nicht zu erkennen und ermittelt auf eigene Faust, wobei es nicht aus bleibt, dass auch er unter dem gestrengen Auge des Kommissars als potentieller Killer da steht. Aber wie immer kommt es anders als man denkt, bis die überraschende Lösung des Falles nach 304 Seiten fest steht.

Boris Akunin, (Jahrgang 1956) der eigentlich Grigori Tschchartischwili heißt, hat diesen Kriminalroman in sehr altertümlicher Schreibweise erstellt, die in zahlreichen Sequenzen an Agatha Christie erinnert. Jedes Kapitel des Romanes wird aus der Sichtweise eines der Passagiere geschildert, wobei man unzweifelhaft erkennt, warum und wieso jeder einzelne von Ihnen diese Reise unternimmt und weshalb sich die Wege der handelnden Personen kreuzen. Im Gegensatz zum humanistisch gebildeten Fandorin wird der Kommissar als ziemlich engstirniger Patron gezeichnet und auch die anderen Reisenden haben mindestens einen gravierenden Tick, wenn nicht sogar mehrere.

Durch die etwas gezierte und verworrene Erzählart Akunins wird zwar ein konzentrierter Spannungsaufbau verhindert, dennoch wird mit Fortdauer die Neugierde gesteigert und die Entwirrung des Knotens im Handlungsfaden erfolgt reichlich überraschend. Trotzdem muss man feststellen, dass die Fabulierkunst des Russen nicht unbedingt dazu geeignet ist, ein ständiges Lesevergnügen zu sein. Der Ablauf plätschert gemütlich dahin und das Lesevergnügen hält sich in mäßigen Grenzen. Die verschrobenen Charaktere und der ständige Sprung von einem Spinner zum nächsten lassen die Story ziemlich unglaubhaft werden und der Einsatz von Fandorin erreicht nur selten die Klasse eines großen Detektivs.

Auf Grund der Vorschußlorbeeren habe ich mir eindeutig mehr von diesem Roman erwartet. Ein nettes Buch für das Lesevergnügen vor dem Einschlafen ist daraus geworden, aber so fesselnd, dass man das Licht nicht abdrehen möchte und bis zum Morgengrauen durchliest, ist es beileibe nicht. Der Schmöker ist guter Durchschnitt, der vor allem auf Grund des originellen Schauplatzes einen etwas anderen Lesecharakter bekommt.

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