Fandorin

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Moskau: Zacharov, 1998, Titel: 'Azazel´', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2001, Seiten: 289, Übersetzt: Andreas Tretner
  • München: Süddeutsche Zeitung, 2006, Bemerkung: SZ-Kriminalbibliothek; Bd. 19
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2004, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck, Bemerkung: Musik: Michael Ernst
  • Berlin: Aufbau, 2005, Seiten: 289

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Lars Schafft
Eine feingeistige, exotische Erzählung aus einer anderen Welt

Buch-Rezension von Lars Schafft Mai 2003

Mitten im Alexanderpark in Moskau bringt sich ein gutgekleideter Student um. Vor den Augen zweier Damen erschießt er sich, ohne einen wirklich verzweifelten Eindruck zu machen. Eigenartig, findet der junge Schriftführer in einer Moskauer Polizeistube Erast Petrowitsch Fandorin. Noch abstruser wird die Situation, als Zeugen berichten, am gleichen Tag den Mann mehrmals dabei beobachtet zu haben, wie er sich erschießen wollte. Nein, das kann kein Selbstmörder sein, dessen Fall man am besten direkt zu den Akten legt, folgert Fandorin und beginnt zu recherchieren.

Dabei stellt sich heraus, dass bei weitem mehr dahinter steckt als ein ungewöhnlicher Suizidversuch: Es war nicht nur ein Mann, der beobachtet wurde - sondern zwei. Und beide hielten an unterschiedlichen Orten sich eine Pistole an den Kopf und drückten ab. Jedoch befand sich nur eine Patrone im Magazin. Amerikanisches Roulette oder wie es bei uns bekannter ist: russisches Roulette. Fandorin heftet sich an die Versen des Überlebenden, findet heraus, dass es sich dabei um ein diabolisches Spiel gehandelt hatte, um einer Frau die Liebe zu beweisen. Auch die macht Fandorin ausfindig, doch gerade als ihm der überlebende sehr wohlhabende Student bei einer Zechtour das Herz ausschüttet und er kurz davor steht, den Fall aufzulösen, wird sein Gesprächspartner erstochen. Fandorin, ein eitler Mensch, überlebt nur dank seines Korsetts.

Damit wird der Fall neu aufgerollt, der junge Detektiv bekommt einen neuen Vorgesetzten, der ihn in die Kunst der Kriminologie einführt und wilde Theorien werden gesponnen: eine antisemitische Organisation? Oder eine Gruppe von Nihilisten, die koste es was es wolle die Revolution herbeiführen möchte? Welche Rolle spielt dabei der gefallene Engel Asasel? Und ist es Zufall, dass das nicht unerhebliche Erbe der beiden verstorbenen Studenten zugunsten der Asterate (Internate für Waisenkinde, benannt nach der Britin Aster) geht?

Erast Fandoris Nachforschungen führen in über London, wo er nur mit Glück ein weiteres Mal dem Tod entkommt, zurück nach Russland, nach St. Petersburg. Dort erwartet ihn eine böse Überraschung, mit der der junge Detektiv nun wirklich nicht gerettet hatte - nichts ist so, wie gedacht. Und sollte sich trotz seiner Abwegigkeit mal wieder der erste Gedanke als der richtige erwiesen haben?

Boris Akunin ist in seiner Heimat ein Star unter den Schriftstellern. Nicht unberechtigt, das Lesen des ersten Fandorin-Romans macht durchaus Spaß. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings Akunins Sprache, die sich nahtlos dem gewählten Zeitraum anpasst. Der Russe schöpft dabei aus einem Wortschatz, den man als Leser erst reaktivieren muss, um sich im Russland des 19. Jahrhunderts zurechtzufinden. Ist dies gelungen, folgt man dem leicht tölpelhaften, dauernd errötenden, naiv wie ehrgeizigen Erast Fandorin gern auf seiner Fährte quer durch Europa.

Dabei erzählt Boris Akunin aus einer fast väterlichen, liebevollen Perspektive. Immer etwas verschmitzt, weit genug vom Geschehen, um sich als Leser ein eigenes Bild zu machen, nah genug, um den jungen Russen bei seinen Abenteuern lieb zu gewinnen. Dass Akunin seinen Protagonisten mag, schlägt sich auch in der Handlung nieder: Einer Katze mit neun Leben gleich, schafft es Fandorin immer wieder, den Kopf im wahrsten Sinne des Wortes aus der Schlinge zu ziehen. Messerattacke, russisches Roulette, verschnürt in die Themse geworfen, Bombenexplosionen. Der Detektiv ist ein Steh-auf-Männchen.

Somit gibt Akunin seiner Story durchaus einen Hauch von Action. Jedoch: Akunins Erstling um Erast Fandorin ist kein Krimi, der einem die Haare zu Berge stehen lässt. Auch ein Vergleich mit dem britischen Meisterdetektiv Sherlock Holmes, wie ihn so manche Kritiker gezogen haben, hinkt. Fandorin fehlt die Genialität seines Kollegen von der Insel. Er ist sicherlich bemüht, beeindruckt jedoch nicht durch brilliante Gedankengänge. Auch sucht der Leser das Schaurige, das Mysteriöse, das Unvorhersehbare vergebens.

Dafür bekommt er allerdings eine nette, temporeiche Geschichte erzählt - das kann Boris Akunin zweifellos! - und wird behutsam ins Russland der Zarenzeit eingeführt. Eine feingeistige, exotische Erzählung aus einer anderen Welt.

Anmerkung:

Der Aufbau-Verlag sollte sich dringends Gedanken über seine Cover-Gestaltung machen. Da alle Fandorin-Romane die gleiche männliche Person auf dem Titelbild zeigen, liegt der Schluss nahe, dass es sich dabei um den Protagonisten handelt. Das Cover zeigt einen kräftigen, dunkelhaarigen- wie äugigen Mann mit Kinnbart, schätzungsweise an die 30 Jahre alt. Auf Seite 127 ist allerdings nachzulesen:

"Alter: kaum über zwanzig. Porträt in Worten: zwei Arschin, acht Werschok groß; magerer Körperbau; Haare glatt, schwarz; Bart: keiner, wohl noch vor der ersten Rasur; Augen hellblau, engstehend, zu den Winkeln hin etwas geschlitzt; Haut reinweiß"

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