Schmerz

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2015
  • New York: Dutton, 2014, Titel: 'Fear Nothing', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2015, Seiten: 480, Übersetzt: Michael Windgassen
Schmerz
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Sabine Bongenberg
70°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2014

Hat doch gar nicht weh getan

Wer sich jemals in seiner Schulzeit mit Erziehungswissenschaften - auch "liebevoll" "Pädda" genannt - beschäftigen durfte, erinnert sich vermutlich noch daran, dass sich ein alter Streit mit der Problematik der menschlichen Entwicklung befasste. Wird der Werdegang durch die Erziehung - also das Umfeld - geprägt oder ist doch alles auf den "Genpool" zurückzuführen? Kurz gefasst: Fällt der Apfel tatsächlich nicht weit vom Stamm? Bezogen auf den neuen Roman von Lisa Gardner formuliert sich die Frage so: Wenn Papa ein Serienmörder war, dem es ein Vergnügen bereitete, seinen Opfern die Haut vom Körper zu ziehen, eifern ihm seine Kinder dann zwangsläufig nach?

Grundsätzlich ist in Lisa Gardners Thriller die Frage der dominanten Vererbung erst einmal zu bejahen, denn von zwei Töchtern des Serienmörders Harry Day, verbüßt eine wegen mehrfacher Morde eine langjährige Haftstrafe. Die andere scheint sich der Regel zu widersetzen - wäre da nicht die ungewöhnliche "Unsitte" gelegentlich "Andenken" ihrer Liebhaber abzutrennen und aufzubewahren. Dennoch bejaht sich auch die Frage hinsichtlich der alles prägenden Erziehung, denn die Mörderin Shana durchlebte wesentlich längere Passagen ihres mörderischen und verrückten Elternhauses und durchlief anschließend verschiedene Pflegefamilien, wogegen die kleine Schwester Adeline wegen einer körperlichen Besonderheit von einem Wissenschaftler aufgezogen wurde. Die Ältere beging folgerichtig ihren ersten Mord mit rund vierzehn Jahren, die Kleine wuchs mehr oder weniger behütet auf und wurde Akademikerin. Dennoch sieht sie sich auch durch das elterliche Erbe nicht unbelastet: Da ist zum Einen natürlich die Familiengeschichte, zum Anderen trug sie die genetische Besonderheit davon, keine Schmerzen empfinden zu können.

Grundsätzlich könnte man sich jetzt auf den Standpunkt zurückziehen: Jede Familie hat ihre kleinen Geheimnisse, doch werden diese Geheimnisse plötzlich interessant, als neue Morde ganz nach dem alten Muster von Harry Day begangen werden. Nur - Harry Day ist seit Jahren tot und da sich die Theorie der "Wiedergänger" nicht durchsetzen konnte, gewinnt die ermittelnde Polizei den Eindruck, dass der lange Arm der einsitzenden Shana aus der Haft hinaus zuschlagen konnte.

Wer sich jetzt an diverse Thriller erinnert sieht, in denen der Plot der aus dem Gefängnis tätigen Mörder oder ihrer Verbündetet ein weiteres Mal wieder aufgekocht wurde, sieht sich jetzt hier mit einer langen und zum Schluss ermüdenden Jagd nach den möglichen Methoden dieser neuen Morde konfrontiert. Eingangs mögen diese Untersuchungen noch einen gewissen Unterhaltungswert haben, zu denen insbesondere auch der Werdegang der jüngeren Schwester Adelines beiträgt. Diese beschritt nämlich die Laufbahn der Schmerztherapeutin und allein hier mag sich schon mancher Leser die Frage stellen, ob es sinnhaft ist, wenn ein Blinder die Phänomene der Farben zu seinem Berufsbild macht. Dennoch sind die Erzählungen Adelines über ihre Entwicklung und ihr Leben spannend zu lesen, entbehren sie doch nicht eines witzigen Zynismus. Leider kann diese Besonderheit nicht den ganzen Roman tragen. Nach mehrfachen Wiederholungen ist der Leser über Adelines Mutation bestens informiert, ähnlich verhält es sich mit dem berechnenden Charakter ihrer Schwester. Dennoch drehen sich die wichtigen Achsen des Romans immer und immer wieder um diese Fragen und Ermittlungen, die grundsätzlich zur Spannung beitragen sollten, rufen lediglich genervte Irritationen hervor. Dazu trägt auch die Angewohnheit der Autorin bei, Sachverhalte auf verschiedenen Ebenen mehrfach zu schildern. Wenn die ermittelnde Polizistin D.D. Warren gemeinsam mit dem Leser besondere Umstände in einer Befragung erfahren hat, dann ist es eine mehr als langweilige Wiederholung, wenn diese Fakten bei einem gemütlichen Abendessen der Eheleute Warren wieder ausgiebig diskutiert werden.

Zu diesen Irritationen trägt auch bei, dass die beiden als Ich-Erzählerin agierenden Heldinnen - nämlich Ermittlerin D.D. und Adeline - beide intensiv an der Handlung beteiligt sind, die Entwicklungen aber aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgen und schildern. Durch diese Konstruktion ergeben sich erneute ermüdende Wiederholungen. Unglaubwürdig ist ebenfalls der Berührungspunkt der beiden Ich-Erzählerinnen, der auf der notwendig gewordenen Schmerztherapie der Ermittlerin beruht. Rein zufällig gerät sie an Adeline und natürlich wurden die Schmerzen durch einen Mordversuch aus der Serie des "Häuters" hervorgerufen. Hier soll jetzt auch sicherlich nicht über medizinische Qualifikationen gelästert werden, aber ob es tatsächlich allein ausreicht, dem Schmerz einen Namen zu geben und ansonsten seine biologische Notwendigkeit anzuerkennen sei dahingestellt. Daran mögen auch die gebetmühlenartigen Wiederholungen der Autorin nichts ändern.

Nachdem sich der Mittelteil dazu eignet, den Leser in ein gnädiges Koma fallen zu lassen, nimmt der Thriller immerhin in den letzten Kapiteln noch einmal Fahrt auf. Die Auflösung des Falles birgt zwar keine sonderlich großen Überraschungen, dennoch bewegt der Abschluss der schwesterlichen Familiengeschichte. Hier sind Gardner einige wenige anrührende Momente gelungen, die einmal mehr beweisen, dass sie es vermutlich besser kann. Wer sich abschließend noch die Arbeit macht, die Danksagungen der Autorin zu studieren stellt fest, dass Lisa Gardner offensichtlich mittlerweile Namensgebungen in ihren Büchern verlost. Wer also einem Freund, eine besondere Überraschung bereiten will, kann ihm also die Rolle eines Mordopfers im Buch verschaffen. Wie diese Idee zu bewerten ist, das soll jeder Leser für sich selber entscheiden, dennoch sei zukünftigen Gewinnern dieser eigenartigen Ehre gewünscht, dass sie einen tragende Rolle in einem Thriller finden, der diesen Namen auch tatsächlich verdient.

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