Bittere Wunden

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Delacorte, 2012, Titel: 'Criminal', Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2014, Seiten: 6, Übersetzt: Nina Petri

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Almut Oetjen
Formen von Folter in Atlanta

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2014

Eine Studentin wird tot und mit Folterspuren gefunden, die denen von Prostituierten entsprechen, die im Jahr 1974/75 entführt und ermordet wurden. Als das Georgia Bureau of Investigation (GBI) hinzugezogen wird, übernimmt Deputy Director Amanda Wagner den Fall persönlich. Sie lässt nicht zu, dass Agent Will Trent Mitglied ihrer Arbeitsgruppe wird. So kann Will mehr Zeit mit seiner Freundin Dr. Sara Linton verbringen, aber es lässt ihm keine Ruhe, warum seine Chefin ihn ausschließt. Als sich beide in einem leer stehenden Waisenhaus treffen, beginnt Will langsam zu begreifen...

Bittere Wunden ist der sechste Roman Karin Slaughters mit Will Trent (aus der Atlanta-Serie) und der vierte mit Sara Linton (aus der Grant County-Serie). Nachdem Sara nun in Atlanta lebt und arbeitet, scheint Slaughter die Vereinigung beider Serien in Bittere Wunden vollzogen zu haben. Wir erfahren zudem eine Menge über Wills Eltern und seine seltsame Beziehung zu Deputy Director Amanda Wagner. Will ist noch immer mit Angie verheiratet und liebt Sara. Angie belästigt Sara mit bösen Notizen. Der wichtigste Handlungsstrang in Bittere Wunden hat Wills Chefin Amanda Wagner zur Hauptfigur.

Amandas Welt

Amanda Wagner und Evelyn Mitchell, die Mutter von Wills Kollegin Faith, sind gemeinsam in zwei Fälle involviert, die mehr als dreißig Jahre auseinander liegen. Amanda und Evelyn bearbeiten 1975 einen Vergewaltigungsfall und finden heraus, dass mehrere Prostituierte verschwunden sind.

Slaughter gibt Amanda Wagner in Bittere Wunden viel Raum, ihrer Familie, ihrer Anfangszeit bei der Polizei von Atlanta, üblen Erfahrungen im Jahr 1975. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, Brutalität, Sexismus und Rassismus bestimmen den Arbeitsalltag bei der Polizei. Das Aufstellen von Dienstplänen ist eine Kunst für sich, weil Schwarze nicht mit Weißen, Frauen nicht mit Männern, weiße Frauen nicht mit schwarzen Männern und schwarze Frauen nicht mit schwarzen Männern zusammen in einem Dienstwagen unterwegs sein wollen.

Ein erheblicher Teil der ersten Romanhälfte ist befasst mit persönlichen Hintergrundgeschichten, deren Details nicht selten aus früheren Romanen der Reihen bekannt sind (Wills Probleme mit seiner gruseligen Ex Angie und seiner aktuellen Liebe Sara, seine Legasthenie). Weiteren Raum widmet Slaughter bisweilen Ortsbeschreibungen, die für die Krimihandlung selbst weitgehend unerheblich sind. Das Verhalten der beiden Polizistinnen im Einsatz ist nicht immer nachvollziehbar.

Das Gegenwartsverbrechen selbst wird auf den ersten 118 Seiten nur angedeutet. Es dauert recht lange, bis Bewegung in die Krimierzählung kommt. Für Will wird der Fall zum Problem, weil sein Vater nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und wieder junge Frauen verschwinden.

Viel Bewegung im Raum-Zeit-Gefüge

Die Gegenwartshandlung beansprucht ungefähr vier Tage, von Montag bis Mittwoch und "eine Woche später", verteilt auf sechzehn Kapitel, mit einem Umfang zwischen zwei und sechsundvierzig Seiten. Die zurückliegende Handlung beansprucht siebzehn Kapitel mit einem Umfang zwischen zwei und achtundfünfzig Seiten und spielt in der Zeit vom 15. August 1974 bis zum 8. August 1975. Während die Gegenwartserzählung linear organisiert ist, springt Slaughter in der Vergangenheit hin und her. Die Kapitelangaben enthalten - bis auf drei ohne weitere Angaben - Namen oder kalendarische Daten. Kapitel sieben enthält ein falsches Datum oder eine falsche Tagesangabe.

Slaughter wechselt intensiv zwischen den Jahren und Personen. Die Verbrechen werden parallel beschrieben. Die Wirkungen vergangener Handlungen und Entwicklungen auf die heutigen Protagonisten werden bruchstückartig offengelegt. Aus Sicht mancher Leser mag Slaughter die häufigen Perspektivwechsel und Handlungsunterbrechungen in Bittere Wunden vielleicht übertreiben.

Die zeitlichen Wechsel lassen den Eindruck entstehen, sie habe zwei Handlungsbögen für ihre Geschichte entwickelt. Tatsächlich erzählt sie drei: das Mysterium um Will und Amanda, die Leidensgeschichte Lucy Bennetts und die brutale Hintergrundgeschichte Amandas. In Nebenhandlungen erzählt Slaughter von Prostituierten, von Polizisten und vom Leben in den 1970er Jahren. Will Trent ist in diesem Roman als Handlungsträger eher eine Nebenfigur.
Die Auflösung des Mysteriums, welches Amanda und Will umgibt, mögen manche Leser großartig finden, andere hingegen zum Anlass nehmen, laut aufzuheulen.

Slaughter hat eine gewisse notorische Berühmtheit erlangt als Autorin sexistischer und gewalttätiger Kriminalgeschichten. Dies kommt auch in Bittere Wunden nicht zu kurz. Die Handlung weist Mängel auf, nicht zuletzt die vielen Redundanzen, die vermutlich für Leserinnen als Hilfe dienen sollen, die keins der anderen Bücher kennen. Aber besser ist die Autorin in der Gestaltung ihres erzählerischen Skeletts und der Beschreibung der Interaktionen ihrer Charaktere. Sie ist eine gute Architektin, deren Stärken besonders in der formalen Gestaltung ihrer Geschichten liegen.

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