Selig sind die Dürstenden

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 1994, Titel: 'Salige er de som tørster...', Originalsprache
  • Hamburg: Rasch und Röhring, 1996, Seiten: 219, Übersetzt: Gabriele Haefs, Bemerkung: Edition Galgenberg
  • München: btb, 1998, Seiten: 219
  • München: Piper, 2002, Seiten: 219

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Lars Schafft
Zusammengeschustert - ein Flickwerk aus Sozio-Kritik, Geschlechterkonflikten und Brutalität

Buch-Rezension von Lars Schafft Sep 2003

Die Atmosphäre in Norwegens Hauptstadt Oslos ist erhitzt. Sowohl meteorologisch als auch aus krimineller Sicht. Mittendrin ermittelt Kommissarin Hanne Wilhelmsen, weibliches Gegenstück zu Kurt Wallander, Erik Winter oder Martin Beck. Eines Samstags wird sie mit ihren Kollegen in einen alten Schuppen gerufen und findet sich an einem gar grauenvollen Schauplatz wieder: Blut. Überall Blut. Literweise. An Wänden, auf dem Boden. Für einen Menschen zuviel Blut. Viel zuviel.

Außerdem findet die Kommissarin noch eine achtstellige Zahl ins Blut geschmiert. Diese Massaker wiederholen sich, immer samstags. Doch: keine Leiche, kein Verbrechen. Schließlich hat die Osloer Polizei ja genug zu tun, was Autorin Anne Holt gerne und oftmals - fast schon wie eine Rechtfertigung für das Handeln ihrer Figuren - betont.

Tage darauf wird eine norwegische Medizin-Studentin brutal vergewaltigt. In einem großen Mehrfamilienhaus, in ihrer Wohnung. Auch hier muss Kommissarin Wilhelmsen ermitteln und - wie kann es anders in einem Krimi aus dem hohen Norden sein - wird auch nicht eine Figur in "Selig sind die Dürstenden" müde, immer und immer wieder herauszustellen, wie schlimm eine Vergewaltigung ist und dass man sich trotz der 42. in diesem Jahr "nie daran gewöhnen" werde. Ach. Erwartet der Leser dies von jahrelangen Ordnungshütern? Dass sie abstumpfen? Dass sie nur noch die Sache sehen und nicht mehr die Opfer?

Moral ohne Ende also, Gesellschaftskritik en masse und damit verlässt Autorin Anne Holt erstmal den eingeschlagenen Weg der beiden Verbrechen und damit auch den roten Faden. Bis Seite 100 (das Buch hat gerade mal knapp 220) passiert gar nichts. Sie widmet sich voll und ganz der Psyche des Opfers und seines Vaters, der nicht minder leidet und Rachepläne schmiedet. Zwischendrin gibt es mehr oder weniger amüsante Episoden aus dem Leben der Protagonistin. Hanne Wilhelmsen ist Lesbe, wohnt mit ihrer Freundin Cecilie zusammen, verschweigt dies nur allzu gerne und fährt eine Harley. Eine rosane wohlgemerkt.

Plötzlich geht alles ruck-zuck. Die Osloer Polizei erfährt von den Laboranten, dass es sich bei dem Blut der Samstagsmassaker nicht nur um welches von Tieren handelt. Wo sind also die Leichen? Die erste taucht auf, wird von einem 3-jährigen geradezu ausgebuddelt. Die Leiche bringt die Kommissarin auf die richtige Spur: Bei den achstelligen Nummern handelt es sich um interne Nummern der Asylanten in Norwegen. Klare Sache: Der Mörder ist nicht nur ein Insider, sondern hat es auf Ausländerinnen abgesehen. Und noch etwas ist für Wilhelmsen eindeutig. Der Vergewaltiger ist der selbe wie der Ausländer-Mörder. Dass der einzige Anhaltspunkt für Wilhelmsens These die Tatsache ist, dass unter der Medizin-Studentin eine Ausländerin wohnt und diese am Tatzeitpunkt nicht in der Wohnung war, soll den aufmerksamen Leser nicht verwundern. Denn nicht alles, was nun an Erklärungen folgt, ist logisch oder gehorcht einer gewissen Ordnung.

Es erscheint nun doch recht abwegig, dass der Vater der Vergewaltigten bei einem Nachbarn seiner Tochter fündig wird. Dieser sammelt - ausgerechnet - Autokennzeichen und hat natürlich genau jenes Nummernschild des Wagens aufgeschrieben, der an besagtem Abend vor der Tür der Tochter stand und vorher noch nie aufgetaucht ist. Dass der Vater mit diesem Kennzeichen bei der Polizei auch noch Auskunft über den Besitzer bekommt - naja. Seine Tochter erkennt ihren Peiniger ja auch recht zufällig auf einem Bahnhof wieder und sinnt ebenfalls auf Rache.

Frau Holt, all dies ist schon so zusammengestrickt, dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Was sie dem Leser dann aber als Motiv des Mörders präsentieren ist lächerlich und eines Krimis, der in Tradition zu Sjöwall/Wahlöö oder Mankell stehen will, völlig unwürdig. Auf gerade einmal einer Seite legen Sie ein Motiv dar, wie es simpler nicht sein kann. Die Kindheit des Täters ist schuld. Ja, er wurde so oft gehänselt und seine Mutter war Alkoholikerin. Natürlich macht dies eine labile Persönlichkeit zum Mörder, der es auf junge, alleinstehende Ausländerinnen abgesehen hat. Nein, Frau Holt - das ist nun wirklich zuwenig!

Beim Finale geht es dem Täter selbstverständlich an den Kragen. Brutalst möglich, die Opfer sollen ihre Rachegelüste ja stillen dürfen. Und da springt einem der Titel in den Kopf: "Selig sind die Dürstenden" hat auf den ersten Blick mit der Handlung nichts tun. Aber: Wer dürstet? Klar, die Opfer nach Rache. Und deswegen sind sie selig? Soll der Leser den gleichen Eindruck wie Kommissarin Wilhelmsen bekommen, dass Vergeltung sein muss? Dass sie die Opfer befriedigt? Unter diesem Gesichtspunkt scheint der ganze Krimi nämlich genau auf ein Zitat aus der Bibel hinauszulaufen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nein, das habe ich von einer ehemaligen Justiz-Ministerin nicht erwartet.

Auch wenn Autorin Anne Holt für ihre Hanne Wilhelmsen Reihe hoch gelobt wird - für mich ist der gesamte Roman zusammengeschustert, ein Flickwerk aus Sozio-Kritik, Geschlechterkonflikten und Brutalität. Schade.

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