Misterioso

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Höganäs: Bra böcker, 1999, Titel: 'Misterioso', Seiten: 333, Originalsprache
  • München, Zürich: Piper, 2002, Seiten: 345, Übersetzt: Maike Dörries
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 344
  • München; Zürich: Piper, 2006, Seiten: 344
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2005, Seiten: 6, Übersetzt: Till Hagen
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Till Hagen

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Peter Kümmel
Von hinten durch die Brust ins Auge

Buch-Rezension von Peter Kümmel Nov 2003

Ein gemütliches Holzhaus an der Küste auf dem Titelbild des Buches versetzt einen schon mal gedanklich nach Schweden. Und nachdem mich der Klappentext darüber informierte, dass sich der Titel des Werkes auf ein Jazzstück von Thelonious Monk bezieht, welches in diesem Roman eine große Rolle spielt, habe ich mich zunächst mal damit inspiriert, mir das Stück anzuhören. Es beginnt mit recht melodischen Klavierklängen und ich werde so allmählich in die Stimmung versetzt, mit dem Lesen des Buches zu beginnen...

Typisch schwedisch beginnt dieser Krimi nicht nur mit dem ersten Satz: "Etwas lag in der Winterluft" sowie dem im nächsten Absatz erwähnten "gleichmäßig grauen Himmel", sondern vor allem mit dem Vorfall, durch den der Autor seinen Protagonisten, den Polizeibeamten Paul Hjelm einführt.

Misterioso ist der erste von bisher fünf Fällen des Seriendarstellers Paul Hjelm und der einzige bisher in Deutschland erschienene Roman des Autors Arne Dahl, den es laut Information seines Verlages überhaupt nicht gibt. Der Name ist das Pseudonym eines 35-jährigen schwedischen Autors, der in den letzten Jahren mit seinen Kriminalromanen Publikum und Kritiker auf sich aufmerksam gemacht hat und in den schwedischen Bestsellerlisten sofort ganz nach oben gesprungen ist.

Alleingang gegen Amok laufenden Albaner

Hjelm ist zu Beginn des Buches Polizist in Botkyrka, einer Gemeinde am Rande von Stockholm. Zusammen mit seinem Kollegen wird er zur Ausländerbehörde gerufen, wo ein Kosovo-Albaner, dem die Abschiebung droht, mit einer Schrotflinte drei Geiseln gefangen hält, um sich selber zu opfern, damit seine Familie in Schweden bleiben darf. Obwohl man auf die Spezialeinheit wartet, wagt Hjelm einen Alleingang. Geschickt verwickelt er den Geiselnehmer in ein Gespräch, zieht dann seine Waffe und macht ihn durch einen Schuß in die Schulter unschädlich.

Von den Zeitungen zwar als Held gefeiert, wartet jedoch ein Ermittlungsverfahren auf ihn. Ausländerhass wird ihm vorgeworfen, offiziell hat er sich unkorrekt verhalten, indem er die Sache in die eigene Hand nahm und die Geiseln damit gefährdete. Durch seine Aussage, er habe durch seine Tat nur das Leben des Täters retten wollen und die Spezialeinheit hätte nur die Aufgabe, diesen zu eliminieren, reitet er sich nur noch tiefer rein.

Dazu aufgefordert, sein Entlassungsgesuch einzureichen, betritt er ein letztes Mal seine Dienststelle, wo ihn jedoch eine Überraschung erwartet. Statt entlassen zu werden, wird er in eine neu gebildete Spezialeinheit befördert. In den vergangenen drei Tagen wurden zwei bekannte Geschäftsleute jeweils durch zwei Kopfschüsse in ihren Wohnungen getötet. Nun ist schnelles Handeln gefragt, denn man befürchtet weitere Verbrechen. Zu ermitteln gibt es genug, denn die beiden Opfer wiesen viele Verbindungen und Gemeinsamkeiten auf.

Ein buntes Trüppchen Polizeibeamter

Der Protagonist wird schon zu Beginn des Buches sehr gut charakterisiert, so daß sich der Leser gut in ihn hineinversetzen kann. Mit der Beschreibung der übrigen Mitglieder der Spezialeinheit lässt sich der Autor dagegen reichlich Zeit, was einen zu Beginn des Geschehens beim Lesen gelegentlich ins Stolpern kommen lässt, da man die Namen nicht so recht zuordnen kann. Bis zum Ende des Romans jedoch kennt man die Gruppe sehr gut, wobei einem auch die einzelnen Mitglieder zunehmend sympathisch werden, so daß man sich selber als Mitglied der Gruppe sieht. Dies ist nicht als Kritik zu verstehen, denn eine gehäufte Darstellung der Personen gleich zu Beginn würde wohl auch zu Verwirrung führen. Misterioso ist ein guter Einführungsband für eine Serie um diese bunt zusammengewürfelte Gruppe von Kriminalbeamten, wobei ich es begrüßen würde, wenn in den weiteren Bänden jeweils andere Mitglieder des Teams mehr in den Vordergrund gerückt werden würden. Wobei man natürlich trotzdem auch wissen möchte, wie es mit Paul Hjelm weitergeht, dessen Ehe durch die zunehmende Arbeit in eine ernste Krise geraten ist.

Zu den gewohnten Themen aktueller schwedischer Kriminalromane wie allgemein zunehmende Kriminalität, Rassenhass, Wirtschaftsverbrechen, Alkoholabhängigkeit und Unterwanderung der Gesellschaft durch kriminelle Gruppierungen, diesmal vor allem vertreten durch die russische Mafia, kommt hier als neues Thema das Geschäftsgebaren der schwedischen Banken hinzu, von dem ich bisher noch nichts gehört habe. Der Autor kritisiert hierbei die allzu leichtfertige Vergabe von Krediten Ende der Achtziger sowie Anfang der neunziger Jahre, die viele Kreditnehmer in den finanziellen Ruin gestürzt haben.

Oft sehr störend beim Lesen wirken die sehr gehäuft gebrauchten schwedischen Namen von Personen sowie von Orten, was vermutlich für einheimische Leser, die mit den Namen vertraut sind, gar nicht so besonders auffällt.

Ein Beispiel:

 

"Die drei Autos fuhren in gleicher Formation bis Humlegården weiter. Kurz vor der Kreuzung Sturegatan-Karlavägen meldete Hultin, dass Kerstin Holm jetzt bei Lena Lundberg sei.

´Sie meldet sich so schnell wie möglich wieder. Kein Kontakt zu Jorge. Viggo guckt sich in Ösmo eine Wohnung an. Kein Kommentar. Er kommt, so schnell er kann.´

Söderstedt und Hjelm bogen nach links auf den Karlavägen ab, während Hultin noch ein Stück weiter auf der Sturegatan bleib. Ein paar Häuserblocks weiter bog Hjelm in die Artillerigatan ein, während Söderstedt weiter zum Karlaplan und Narvavägen fuhr."

 

Die Ermittlungen der Polizisten werden minutiös beschrieben, an jedem Erfolg, an jedem Fehlschlag ist man mit beteiligt. Die Recherchearbeit wirkt zwar dann, wenn sie für die Ermittler langweilig ist, auch für den Leser etwas langweilig, doch gehört auch diese Beschreibung mit dazu, um die komplexen Zusammenhänge aufzuzeigen und das Geschehen sehr realistisch erscheinen zu lassen. Auch das gegenseitige Kennenlernen der einzelnen Mitglieder und wie aus Antipathie Sympathie wird, ist schön zu beobachten.

Spannende Momente rar gesät

Durch diese genaue Darstellung der einzelnen Abläufe ist der Roman zwar kein superspannender Thriller, den man nicht aus der Hand legen kann, was aber nicht heißen soll, dass keine Spannung aufkommt; nur sind diese Momente doch recht rar gesät. Der Aufbau des Buches mit kurzen eingeflochtenen Kapiteln aus Sicht des Täters wirkt schon aus anderen schwedischen Krimis vertraut. Zwar begleitet der Leser überwiegend Paul Hjelm, doch gibt es dazwischen auch längere Kapitel, die andere Teammitglieder im Mittelpunkt sehen.

Der Fall wirkt reichlich konstruiert, aber aufgrund dessen dennoch logisch durchdacht. Die Lösung erfolgt dabei auf riesengroßen Umwegen, sozusagen "von hinten durch die Brust ins Auge", wobei das mit dem Auge sogar als gutes Wortspiel dient, das man allerdings nur verstehen kann, wenn man den Roman gelesen hat.

Arne Dahl ist mit einem soliden Werk auf den Schwedenkrimi-Zug aufgesprungen. Bleibt nur zu befürchten, dass dieser Zug wegen Überfüllung irgendwann zu entgleisen droht.

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