Sara Gran

04.2019  „Das Ende der Lügen“ („The Infinite Blacktop“), der dritte Roman um die eigenwillige Privatermittlerin Claire DeWitt ist gerade erschienen. Nicht mehr bei Droemer-Knaur wie die vorigen Bücher sondern bei Heyne-Hardcore. Autorin Sara Gran ist derzeit auf Lesereise durch Deutschland. Der passende Zeitpunkt für ein Interview. In dem es um Literatur, Familie und ein wenig Donald Trump geht. Zu dem die aufgeräumte und gutgelaunte Sara Gran eine sehr markante Meinung hat.

Krimi-Couch:
Hallo Sara, toll, dass es geklappt hat und wir uns sprechen. Ich hoffe, Sie haben eine gute Zeit in Deutschland.

Sara Gran:
Ja, es ist wieder toll. Alle kümmern sich rührend um mich, der Ablauf der Lesungen (u.a. Müchen, Berlin und Hamburg) ist problemlos, alles ist super organisiert, Lesung, Business-Dinner, dann kommt dies, dann etwas anderes. Daran muss ich mich immer wieder erst gewöhnen, diese durchgeplanten Zeitabläufe. Aber es ist sehr schön, und ich muss mich um kaum etwas selbst kümmern. Die Menschen von meinem Verlag sind sehr rege.

Krimi-Couch:
Sie haben den Verlag gewechselt. Gab es besondere Gründe?

Sara Gran:
Nein, ich fühle mich bei beiden Verlagen wohl. Mein Agent hat es ausgehandelt, und es läuft gut mit Heyne, sowohl inhaltlich wie finanziell.

Krimi-Couch:
Zum Glück ist ihre Übersetzerin geblieben. Ich finde, Eva Bonné leistet hervorragende Arbeit.

Sara Gran:
Darüber bin ich auch sehr glücklich. Es war mir sehr wichtig, dass Eva meine Übersetzerin bleibt, ich mag sie sehr gerne. Mit ihr hat man viel Spaß. Das habe ich dem Verlag aber vorher nicht gesagt. Es passt einfach, und sie macht einen sehr guten Job.  

Krimi-Couch:
Das finde ich auch. Schade, dass wir uns diesmal nicht persönlich getroffen haben. Das letzte Mal, in Köln, ist immerhin sechs Jahre her. Passend zum Erscheinen des zweiten Claire DeWitt-Romans „Das Ende der Welt“ (Claire DeWitt And The Bohemian Highway“). Jetzt ist Band 3 erschienen, „Das Ende der Lügen“ („The Infinite Blacktop“). Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

Sara Gran:
Wow, sechs Jahre ist das schon her, eine lange Zeit! Nun, ich habe viel in Hollywood und für das Fernsehen gearbeitet [u.a. Drehbücher für die Cop-Serie „Southland“], habe dieses Buch verfasst und noch ein anderes – das bis jetzt noch nicht veröffentlicht wurde und bin nach L.A. umgezogen.

Krimi-Couch:
Eine Zeitlang wurde verkündet, dass sie an einem Projekt mit Guillermo Del Toro arbeiten, den sogenannten „Nutshell Studies“ [eine ehemalige Polizistin löst Fälle, indem sie Tatorte in Puppengröße nachbaut und damit Verbrechen rekonstruiert. Basiert auf realen Vorkommnissen und hat auch Einzug in die Welt von C.S.I. gefunden]? Ist das noch in der Entwicklung oder gestorben?

Sara Gran:
Nein, da passiert bedauerlicherweise nichts mehr. Es wurde viel geplant, vorbereitet und umgeschmissen, doch dann hob es nie ab.

Krimi-Couch:
Schade, die Geschichte hörte sich sehr interessant an.

Sara Gran:
Das finde ich auch, es hätte viel Spaß gemacht. Doch so ist Hollywood, man plant und entwickelt etwas, dann stockt das Projekt und wird schließlich gestoppt. Es waren sehr merkwürdige Gegebenheiten. Also gilt es, weiterzumachen mit etwas anderem.

Krimi-Couch:
Das dürfte dann „Das Ende der Lügen gewesen sein“, das ja eher als eine Art Kaleidoskop als ein straighter Kriminalroman ist.

Sara Gran:
Oh ja, das gefällt mir!  Werde ich mir borgen, Kaleidoskop klingt wirklich cool. Man kann „Das Ende der Lügen“ tatsächlich so betrachten, mit seinen unterschiedlichen Zeitebenen und Erzählsträngen.

Krimi-Couch:
Mit denen einige Leser*innen scheinbar immer noch Probleme haben. Das verfolgt Sie ja seit ihrem ersten Buch, dass sich manch eine*r überfordert fühlt, wenn man die Kommentare und Befindlichkeitsbekundungen auf diversen Seiten liest. – Der jüngste Part spielt 2011 (neben 1986 und 1999). Gab es einen besonderen Grund dafür, dieses Jahr zu wählen?

Sara Gran:
Ich hing mit meinem Zeitplan hing etwas hinterher, und „Das Ende der Lügen“ sollte unmittelbar an den Vorgänger „Bohemian Highway“ oder „The End Of The World“ wie er hier heißt, anschließen. Mit einem Crash, also dem Autounfall in den Claire DeWitt verwickelt ist. Es hat mit den immanenten Abläufen zu tun und keine spezielle Bedeutung. Im nächsten Roman wird es einen großen Zeitsprung geben.

Krimi-Couch:
Das heißt, die Reihe wird fortgesetzt und bleibt keine Trilogie?

Sara Gran:
Ja, in ein paar Jahren wird es mit Claire DeWitt weitergehen.

Krimi-Couch:
Das freut uns natürlich! – Doch zurück zum aktuellen Werk. Ich fand auffällig, dass der Familienbegriff im traditionellen Sinn kaum eine Rolle spielt, obwohl knapp ein Drittel des Romans in Claires Jugend angesiedelt ist, also zu einer Zeit, als sie noch bei ihren Eltern lebte.  

Sara Gran:
Warum ich nicht über Familien schreibe, da muss ich ein bisschen zurückgehen. Meine Eltern waren verrückt, ein wenig wie Claires Eltern: Sie waren verrückt, aber unheimlich liebenswert und freundlich, ich habe sie wirklich geliebt. Beide sind vor kurzem gestorben. Ich stecke zu tief drin, in all dieser Konfusion, den inneren Konflikten, der Konfrontation mit dem Tod. Ich habe meinen Mann als Familie, aber die anderen sind gestorben. Deshalb kann ich schlecht über das Thema Familie schreiben, denn ich habe keine mehr. Ich habe Freunde, die ich besuchen kann, eine selbst gewählte Gemeinschaft, aber keine  Familie im herkömmlichen Sinne.

Krimi-Couch:
Das tut mir leid. - Im Roman dreht sich viel um die Art Familie, die man sich selber wählt. Wie Claires beste Freundinnen Kelly und Tracy. Wobei Tracy, der Zwilling im Geiste, die in ihrer Jugend verschwand noch bedeutsamer für Claire ist. Sie war eine treibende Kraft auf dem Weg Claire De Witts zur „besten Detektivin der Welt“, und ihr Vermisstenfall – der wichtigste in Claires Karriere – wurde (bislang) nicht aufgeklärt. Es erscheint einem fast so, als wäre sie so etwas wie Schrödingers Katze, gleichzeitig tot und doch sehr lebendig?

Sara Gran:
Das ist witzig, denn das haben mich schon einige Menschen gefragt. Und ja, man kann es fast so nennen. Denn trotz Tracys Abwesenheit, bereits in der Vergangenheit, hat sie immensen Einfluss auf die Ereignisse der Gegenwart.

Krimi-Couch:
Das ist eh ein Kennzeichen der Claire DeWitt Romane, dass nicht alles offengelegt, jedes Mysterium geklärt wird. Ob große oder kleine. Wie diese einprägsame Sequenz, in der eine Maus die MiniaturauSara Granabe von Jaques Sillettes „Détections“ liest. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Sara Gran:
Das ist eine sehr literaturbewanderte Maus. Es ist eine Fantasie von Claire DeWitt, unter dem Einfluss von Schmerzmitteln, eine Idee von mehreren. Die es dann ins Buch geschafft hat. – Vielleicht gibt es im nächsten Buch noch mehr Maus, nur Maus – und ein bisschen Claire DeWitt.

Krimi-Couch:
Nicht nur derartige, surrealistische Szenen erinnern an Jonathan Lethems Roman „Der wilde Detektiv“ („The Feral Detective“), der vor kurzem hierzulande herauskam. Auch die Hauptfigur Phoebe Siegler, eine Quereinsteigerin ins Detektivfach, mit einer Vorliebe für die Nancy Drew-Mysteries erinnert dezent an Claire. Kennen Sie das Buch?

Sara Gran:
Nein, leider nicht. Aber ich hörte bereits von den Ähnlichkeiten. Das schmeichelt mir, denn Lethem ist ein großartiger Autor. Wir stammen zwar aus derselben Gegend, Brooklyn, aber ich habe ihn nie persönlich getroffen.

Krimi-Couch:
Ein geschätzter Kritikerkollege schrieb, Jonathan Lethems „Wilder Detektiv“ sein ein bisschen wie ihr Roman, plus eine gehörige Dosis Donald Trump-Kritik. Trump war ja 2011 noch kein Präsident, aber wird er mal eine Rolle in ihren Büchern spielen?

Sara Gran:
Ich denke nicht. Donald Trump ist die uninteressanteste Person dieses Planeten. Wäre er nicht Präsident geworden, würde sich keiner um ihn scheren. Bemerkenswert ist nur sein aufgeblasenes Ego. Über seine dumme, eklige Persönlichkeit könnte ich wenig schreiben. Aber das hat ja anscheinend Jonathan Lethem bereits gekonnt erledigt.  

Krimi-Couch:
Stimmt, er war sehr überzeugend. Aber Lethems Roman ist in mehrerer Hinsicht grenzüberschreitend. Und auch darin ihrem Buch ähnlich.

Sara Gran:
Interessant, in den USA würde Lethem nicht als Krimiautor bezeichnet und kaum in Crime-Stores und Krimiabteilungen einsortiert.  Ähnlich wie Michael Chabon, James Sallis, Walter Mosley oder auch ich. Wobei ich mich nicht mit den Genannten vergleichen würde, aber wir haben ähnliche Herangehensweisen. [Sara Gran lacht – was sie gern und viel tut]

Krimi-Couch:
Ihr Werk weist viele Querverweise aus, ich denke etliche unbewusst. So erinnert mich ihr Figur, der Künstler Merrit Underwood  an den Schweizer Maler und Fotografen Martin Disler. Ich habe zufällig vor ein paar Tagen ein Radiofeature über ihn gehört. Ein künstlerischer Workaholic. So schuf er in weniger als einer Woche mit seiner Partnerin das 140 mal 4,5 Meter große Gemälde „Die Umgebung der Liebe“. Außerdem wollte er in kurzer Zeit ein Set von Zeichnungen fertigstellen, die schlicht 1 – 999 betitelt waren. Leider starb er überraschend. Nummer 388 war sein letztes Bild. Gerade diese Aktion hat Ähnlichkeit mit Underwoods Aktionen. Kennen Sie Disler?

Sara Gran:
Er war auch Fotograf? Ich habe zumindest von ihm gehört. Aber diese möglichen Verbindungen hat Norman Mailer sehr treffend in seinem Essay „The Spooky Art“ beschrieben. Man schreibt etwas auf, denkt sich Figuren aus und stellt fest: Der- oder diejenige existiert wirklich. Oder  jemand kommt und sagt: „Das erinnert mich an meinen Freund so und so“. Es ist wirklich unglaublich, aber das passiert recht oft.   

Krimi-Couch:
Eine letzte Frage - stehen Sie noch in Kontakt mit Megan Abbott? Deren „Das Ende der Unschuld“ („The End Of Everyrthing“) ich sehr schätze. Leider sind keine weiteren Bücher von ihr auf Deutsch erschienen, soweit ich weiß.  Aber die Grundvoraussetzung von „The End Of Everything“ erinnert mich sehr an die Geschichte Claire De Witts.

Sara Gran:
Ja, wir haben viel gemeinsam. In den letzten Jahren, auch bedingt durch meinen Umzug nach Los Angeles, während Megan noch in New York ist, ist der Kontakt eingebrochen.

Krimi-Couch:
Schade, aber so ist das wohl im Leben. Ich danke Ihnen herzlich für das nette Interview, und ich hoffe, wir sehen und sprechen uns bald wieder!

Sara Gran:
Danke, das wäre schön, und ich hoffe, bei Ihnen läuft auch alles gut?

Krimi-Couch:
Ja, ich bin immer noch viel mit Literatur, Musik, Film und TV-Serien beschäftigt. In jedem Bereich passiert nicht immer Erfreuliches, aber viel Spannendes. Es macht immer noch Spaß.

Sara Gran:
Das ist fein.

Zum Abschluss folgt noch ein kleiner Austausch über „Donnie Darko“, dem zur Veröffentlichung eine Kinoauswertung verwehrt blieb. Sara Gran und ich schätzen diesen Film ungemein. War doch zu erwarten, nicht wahr?

Das Interview führte Jochen König im April 2019.
Foto: © Heyne Verlag