Die Stadt der Toten

  • Droemer Knaur
  • Erschienen: Januar 2012
  • Boston: Houghton Mifflin, 2011, Titel: 'City of the dead', Seiten: 273, Originalsprache
  • München: Droemer Knaur, 2012, Seiten: 360, Übersetzt: Eva Bonné
Die Stadt der Toten
Die Stadt der Toten
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Jochen König
92°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2012

Keine Dankeskarten, keine Blumen, keine Musiktelegramme...

Es waren einmal drei Freundinnen in Brooklyn. Claire, Kelly und Tracy. Die wollten gerne Detektivinnen sein. Sie teilten sich ihr Leben und ein Buch. Jacques Silettes Détection. Das Kompendium für Detektive aus Berufung, das Necronomicon der Suchenden, welches in entscheidenden Momenten alles in Frage stellt oder die Antwort auf diese Frage gibt. Eine der Freundinnen verschwand eines Tages spurlos, die andere ermittelte in ihrem Andenken, Namen und erträumtem Angesicht weiter. Claire DeWitt verließ die Stadt ihrer Kindheit und Jugend und wurde – in eigenen Worten – die beste Detektivin der Welt.

I know I know I know I know I know I know I knowI know

"Ain’t no sunshine when she’s gone”. Eines der Rätsel, das nicht gelöst wird, während Claires Suche nach dem verschwundenen Staatsanwalt Vic Willing. Al Green, wie Claire vermutet, wird oft damit in Verbindung gebracht, aber der wahre Interpret und Autor wird nicht genannt. Aaron Neville ist es auch nicht. Dabei wäre es ein Leichtes für Claire die Antwort herauszufinden, doch sie überlässt die kleine Ungewissheit sich selbst. Irgendwann wird sie zurückkehren und sich (er)klären.*

So funktioniert Die Stadt der Toten. Nicht der Ermittler löst den Fall. Der Fall bietet seine Entschlüsselung an. Er ist das Rätsel, das Geheimnis an dem Claires Existenz hängt und doch immer nur ein Bruchstück davon. Zwischen I Ging, Träumen, Drogen und Straßenarbeit geht Claire DeWitt ihren Weg konsequent Schritt für Schritt.

Eine der eigenwilligsten Protagonist(inn)en der jüngeren Literaturgeschichte. Die beste Detektivin der Welt oder gerne "die irre Lady mit der man besser nicht spricht". Verziert mit Tattoos ("zehn bis zwanzig"), ohne Skrupel auch mit Jugendlichen an ihrer Seite bis zum Umfallen Drogen zu konsumieren – was den Sittenwächtern unter den Amazon-Kommentatoren natürlich nicht gefällt -, die ihre Mitmenschen rechtschaffen hasst, aber voller Liebe und Hilfsbereitschaft ist. Was sie natürlich nie zugeben würde. Ein modernes Pendant zu Sherlock Holmes, mit diversen Watsons an ihrer Seite. Mit einem großen Unterschied: Jack Kerouacs Traumtagebücher sind ihr näher als Holmes deduktive Logik, die konstatiert: "Wenn alle Möglichkeiten ausgeschlossen wurden, dann muss das Verbleibende die Lösung sein, auch wenn es noch so unwahrscheinlich ist."

Claire DeWitt schließt keine Möglichkeit aus. Sie lässt sie wirken. Alle. Denn ihr Umkehrschluss aller Detektivarbeit lautet: "Eigentlich ist niemand daran interessiert, dass Geheimnisse offen gelegt, Rätsel gelöst und (unangenehme) Wahrheiten ans Tageslicht gebracht werden." Denn die Dunkelheit davor schützt die Involvierten. Und so wird auch der Fall des verschwundenen und vermutlich ermordeten Staatsanwalts Willing zu einem Geschoss, dem der Auftraggeber, Neffe Leon, nur allzu gerne ausweicht. Doch Claire ermittelt natürlich weiter. Frisst sich hinein in die Stadt New Orleans, in der der Hurrikan Katrina längst keine Naturkatastrophe mehr ist, sondern ein Zustand, der alle Bewohner prägt.

Eine hohe Mord- und niedrige Aufklärungsrate, willen- und tatenlose Polizei, latente Bedrohungen an fast jeder Straßenecke – Sara Grans New-Orleans-Bilder haben mit der romantisierenden und faszinierenden Naturmystik eines James Lee Burke auf den ersten Blick wenig gemein. Doch wenn man genau hinschaut, beschreibt Gran nur die Schatten, die Burkes in Herbstfarben getauchtes vielschichtiges Blattwerk wirft. Die Gewalt auf den Straßen ist ein gesellschaftliches Problem, Hautfarbe und finanzieller Status zeichnen den Weg vor, den man nimmt, nehmen kann. Chancenlos, angewiesen auf individuelle Freundlichkeit, versagt das System naturgemäß bereits dort, wo hinter der hilfsbereit dargereichten Hand eine Obsession lauert, deren düstere Bestimmung erfüllt werden will. Wenn dann noch Paranoia nach Nine Eleven und der Naturkatastrophe eines flächenzerstörenden Sturms kommt, treffen sich Lebensretter mit schlechtem Gewissen und voller Angst. Miese Aussichten.

New Orleans ist keine Stadt für ein Happy End

Und doch wird es am Ende so etwas geben. Zumindest in bescheidenem Rahmen. Claire DeWitt sorgt sich um Opfer und Täter. Eine höchst schillernde, faszinierende Hauptfigur. Nicht ganz so misanthropisch und aggressiv wie Carol O’Connells Mallory, aber ziemlich dicht dran. Sie bezweifelt dass ihre Auftraggeber wirklich an, oft unerfreulichen Ermittlungsergebnissen interessiert sind. Denn sie weiß genau, nicht nur dank ihrer Lehrer und Ratgeber: es lebt sich leichter mit einer bequemen Lüge als mit einer unangenehmen Wahrheit.

Die Stadt der Toten ist ein außergewöhnlicher Kriminalroman. Er erfordert von seinen Lesern die Fähigkeit loslassen zu können. Von erlernten Regeln, Vorgaben, Verhaltensweisen abzusehen. Er führt hinein in eine Welt drogengeschwängerter Träume, in ein New Orleans, in dem Mardi Grass ein fröhlicher Trauerzug ist, eine Veranstaltung im Schatten einer Katastrophe, bei der sich Sehnsucht und Verlangen treffen und Trauer herrscht angesichts des Verlusts. Sara Gran schweift ab, die Vergangenheit Claires ist immer im Zentrum ihrer Gegenwart, füllt Leerräume aus und schafft so die Möglichkeit dem Ungefähren auf die Spur zu kommen. Wie einem verschwundenen und vermutlich ermordeten Staatsanwalt.

Der Fall der grünen Papageien

In einer Welt, in der nichts eindeutig ist und in der jede beantwortete Frage eine neue aufwirft, ist Jacques Silettes Détection der Fixpunkt, an dem sich Claire und ihre Freunde orientieren. Doch ein Anker in stürmischer See ist das Buch nicht. Eher ein Leuchtfeuer, das sich auch als Irrlicht entpuppen kann. Sara Gran unterstützt ihn gekonnt dabei. Kaum eines der im Buch erwähnten Bücher existiert wirklich, keiner der Autor(inn)en hat je gelebt. Es sind erträumte Werke, voller Sätze, die einem I Ging-Orakel entstammen könnten. Nicht nur Zen-Freund Dale B. Cooper hätte seine Freude an Claire DeWitt. Manchmal wirkt New Orleans so, als hätte es Twin Peaks nach Louisiana verweht.

So schafft Die Stadt der Toten eigene Strukturen und mäandert zwischen all den großen und kleinen Fragen, Rätseln und Geheimnissen hin und her. Und erlaubt sich keine konsequente Auflösung anzustreben. Was die Vorfreude auf weitere Abenteuer, mit der besten Detektivin der Welt, erhöht.

Der Lama schwieg.

 

"Sie werden alle auf den Kopf stellen, Verbrechen aufklären und Geheimnisse ans Licht zerren, und dafür wird man sie hassen. Sollten Sie dumm genug sein zu heiraten, wird Ihr Mann Ihnen nie ganz vertrauen. Ihre Freunde werden sich in ihrer Gegenwart nie entspannen. Ihre Familie wird sich von Ihnen abwenden. Die Polizei wird sie natürlich verachten. Ihre Klienten werden Ihnen die Wahrheit nie verzeihen. Alle tun so, als wollten sie die Wahrheit wissen, aber tatsächlich stimmt das nicht. […] Niemand außer uns will die Wahrheit wirklich wissen." […]

Denn die Wahrheit liegt, ob es uns gefällt oder nicht, genau dort, wo sich das Verdrängte und das Vernachlässigte begegnen, in Nachbarschaft zu all dem, was wir vergessen machen wollten." (Jacques Sillette, Détection)

 

Die Stadt der Toten und Claire DeWitt wird man nicht vergessen.

*: Bill Withers

Die Stadt der Toten

, Droemer Knaur

Die Stadt der Toten

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