Dope

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2015, Seiten: 256, Übersetzt: Eva Bonné
  • New York: Berkley Books, 2006, Titel: 'Dope', Originalsprache

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Jörg Kijanski
Kurzweiliger Noir mit einem Ex-Junkie als Heldin

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2015

New York, 1950. Josephine Flannigan, genannt Joe, war ganz unten angekommen, lebte jahrelang von Drogen und verdiente ihr Geld auf jede erdenkliche Art. Seit zwei Jahren ist sie clean, bestreitet ihren Lebensunterhalt vor allem durch Diebstahl. Ausgerechnet sie wird von dem Anwalt Nathaniel Nelson und dessen Frau beauftragt, ihre verschwundene Tochter Nadine wiederzufinden. Nadine ging auf's College, geriet dann an falsche Freunde, kam mit Drogen in Kontakt und störte derart den Collegebetrieb, dass man sie exmatrikulierte. Am Abend bevor ihre Eltern sie abholen wollten, verschwand sie spurlos. Dies ist gut drei Monate her und während die Polizei nicht wirklich bemüht war sie zu suchen, gelang einem Privatdetektiv immerhin ein Foto, welches Nadine mit dem Zuhälter und Drogendealer Jerry McFall zeigt. Beide scheinen abgetaucht und so hoffen Nadines Eltern, dass Joe in ihr altes Milieu nochmals eintauchen kann und dort mit Menschen redet, die den Kontakt zur restlichen Welt abgebrochen haben.

 

"Ich soll dir glauben, dass sie sich aus allen Einwohnern von New York ausgerechnet eine Junkie-Hure wie dich aussuchen, um ihre Tochter wiederzufinden?"
Wenn man es so formulierte, hatte selbst ich Probleme, es zu glauben.

 

Angesichts einer Barzahlung von tausend Dollar muss Joe nicht lange überlegen, zumal im Erfolgsfall weitere tausend Dollar winken. Joe durchkämmt unter anderem die zwielichtigsten Nachtclubs der Stadt, doch als sie zumindest McFall entdeckt, leugnet er seine Identität. Am nächsten Tag wird Joe festgenommen, da sie verdächtigt wird, McFall erschossen zu haben. Spät muss Joe erkennen, dass sie ausgenutzt wurde und nichts mehr so ist, wie es zu sein schien ...

Alles andere als Resteverwertung

Die Rahmenbedingungen stimmen nachdenklich. Sara Gran erzielte jüngst mit Die Stadt der Toten (Deutscher Krimi-Preis 2013) und Das Ende der Welt große Erfolge. Damals hieß ihre Protagonistin noch Claire DeWitt. Nun erscheint mit Dope ein Roman, der in Amerika bereits 2006 veröffentlicht wurde und so könnte man vermuten, dass es sich um einen weiteren Fall von Resteverwertung handelt. Neuer Stoff liegt nicht vor, also schnell den alten Krempel auf den Markt werfen und noch ein bisschen Geld kassieren. Im Innenteil des Buches wird dann direkt in Zeile eins die Protagonistin als Josephine "Finnigan" bezeichnet, im Roman heißt sie dann "Flannigan". Fängt also schlecht an, doch das waren auch schon die negativen Punkte, denn Dope, von der Kritik erneut in den Himmel gelobt (u. a. KrimiZEIT-Bestenliste - Platz 3 im Juni 2015), ist große Klasse. Sara Gran schafft es spielend, dem Genre Noir weitere interessante Facetten abzugewinnen.

 

"Jeder Junkie war ein Investor, der eine Meinung darüber hatte, ob drei Dollar besser für drei großzügig befüllte Briefchen von Mary oder zwei reine Fertigspritzen von Joseph angelegt waren; er war ein Politiker, der wusste, welche Auswirkungen die Vorgänge in Europa und Asien auf den Vertrieb und die Preisgestaltung in New York hatten; ein Anwalt, der die Drogengesetze sämtlicher Bundesstaaten im Wortlaut kannte, ein Psychologe, der wusste, wie man einen Dealer dazu überredet, Kredit zu gewähren."

 

Die neue Protagonistin Joe ist trotz ihres Lebenswandels sympathisch. Aus einfachsten Verhältnissen stammend (die Mutter verdiente ihr Geld als Prostituierte, der Vater ist unbekannt) kommt sie schnell in Kontakt zu Drogen. Zunächst gibt ihr die Fürsorge für ihre jüngere Schwester Shelley noch ein wenig Halt, doch der Absturz ist vorprogrammiert. Joe landet ganz unten, muss mehrfach einsitzen und ist zu Beginn der Handlung immerhin schon seit zwei Jahren clean. Nun also die große Chance: Ein offenbar schwerreicher Rechtsanwalt bietet tausend Dollar, wenn sie die ebenfalls in die Drogenszene abgerutschte Tochter zurückbringt. Statt sich Gedanken über ihr eigenes Schicksal als Kleinkriminelle zu machen, nimmt Joe kurzerhand das Geld des reichen Schnösels und ermittelt in ihrer alten Umgebung. Hier stößt sie auf alte Bekannte, den menschlichen Bodensatz New Yorks. Dabei erfährt man in schnoddrigen Tonfall der Ich-Erzählerin Joe einiges über die Unterwelt, das harte Leben der Junkies und das noch härtere Leben der Mädchen und Frauen, die für den nächsten Schuss alles tun (müssen). Das ist hart und bitter und wird in einem brutal-klaren Blick auf die Dealer und Huren erzählt. Der Illusion vieler Junkies, man käme aus eigener Kraft schon raus aus dem ganzen Sumpf, reißt Joe erbarmungslos die Maske ab; schließlich weis sie was Sache ist, sie gehörte ja einst dazu.

Der an anderer Stelle bereits getroffene Vergleich zu Dashiell Hammett oder Raymond Chandler mag sich aufdrängen. Gran schreibt hart, direkt, stets mit leichtem lakonisch-bitterem Tonfall und liefert dabei einen Plot, der nicht nur die Heldin wider Willen ein ums andere Mal überrascht. Das Finale ist (vielleicht) überraschend, wenngleich konsequent. Wer kurze, knackige Noir-Plots mag, der kann hier bedenkenlos zugreifen und einen Blick in die Abgründe der Gesellschaft im New York des Jahres 1950 werfen. Dass – gefühlt – jeder Straßenname der Stadt mindestens einmal auftaucht, geht dabei in der allgemeinen Begeisterung glatt unter.

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