Das Ende der Welt

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: audio media, 2013, Seiten: 6, Übersetzt: Ulla Wagner

Couch-Wertung:

88°
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Jochen König
Shooting Rubberbands At Stars

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2013

Claire DeWitt ist zurück. In – fast – eigener Sache. Der Musiker Paul Casablancas liegt erschossen in seiner Wohnung. Es sieht nach Raubmord aus, doch Claire ist von Beginn an stutzig. Zu viele Indizien sprechen gegen diese Version. Sie vermutet eine Beziehungstat und beginnt auf ihre ganz eigene Art zu ermitteln. Und wird prompt zurückgeworfen in die eigene Vergangenheit. Denn sie kannte Paul, war ein halbes Jahr mit ihm zusammen - ein Rekord? -, bevor sie wegen eines Falls nach Peru verschwand und einen ratlosen Geliebten kommentarlos zurückließ.

Einige Zeit nach Claires Rückkehr heiratet Paul die Gitarristin Lydia, aufstrebender Stern am Rockhimmel, und ist zum Zeitpunkt seines Todes auch noch mit ihr zusammen. Claire darf trösten, mit zwiespältigen Gefühlen, hat Paul Lydia doch durch sie kennengelernt.

San Francisco in der Gegenwart, Brooklyn Jahre vorher. Claire und ihre beste Freundin Tracy, die kurze Zeit später spurlos verschwindet, versuchen als Teenager-Detektivinnen im Silette-Fieber die vermisste Chloe zu finden. Es gelingt, doch bis Chloe auch gefunden werden will, muss darum gekämpft werden, mit Taten und Worten, um den Fall ins Bodenlose zu bremsen und vielleicht sogar umzukehren. Claire findet die Worte im Traum oder war es doch Tracy? Zeiten und Fälle verschwimmen, und wie sollte es anders sein, birgt die Vergangenheit den Schlüssel, zumindest ein Rätsel der Gegenwart zu lösen.

Das Ende der Welt ist (wieder) ein Buch über Verlust und Einsamkeit. Die Einsamkeit der Suchenden, wie Claire, und die Einsamkeit der Verlorenen, wie Chloe, Tracy, Paul und vielleicht auch Lydia. Irgendwo dazwischen changieren die Überlebenden aus New Orleans (s. Die Stadt der Toten, dessen Kenntnis nicht zwingend notwendig, aber sehr nützlich ist) mit denen Claire bestenfalls am Telefon Kontakt hält, obwohl die Sorge um Andray, Mick und die anderen sie ständig begleitet. Wobei ihre größte Sorge der ganzen Welt und dem anstrengenden, undankbaren Kampf um die Wahrheit gilt. Bei dem sie selbst das ein ums andere Mal scheitert, sich in Drogen, halsbrecherischen Aktionen und der tiefsitzenden Sehnsucht nach Rettung, wenn schon keine Erlösung möglich ist, verliert.

 

Wir leben im Zeitalter des Kali Yuga", konstatiert die verzweifelte Detektivin wiederholt. In der hinduistischen Kosmologie der Zeitabschnitt [Dauer bis zu einer Million Jahre] des Verfalls und Verderbens. "Jeder heiratet die falsche Person, und keiner ist zufrieden mit dem, was er hat. Die Weisen verkaufen ihr Wissen und die Sadhus [asketische Mönche] leben in Palästen. Der Dämon Kali liebt das Gold und die Schlachthöfe. Er liebt das Glücksspiel und zerstört mit Genuss. […] Wir taumeln blind durch die Wirklichkeit, mit trüben Augen und tauben Ohren.

 

Claire hingegen sieht und hört hin, und so sehr sie postuliert, dem Monstrum Wahrheit verpflichtet zu sein, flüchtet sie in massiven Drogenmissbrauch und verzweifelten Aktionismus. Ein so simpler wie raffinierter Kniff: Natürlich gelten die Regeln, die Jaques Silette in seinen Détection aufstellt, und die Claire so stur wie integer verfolgt, auch für sie selbst. Und das schmerzt. Schmerzt, zu erfahren, dass sie die Richtige für den toten Paul Casablancas (Nur ein Namens-Joke? "Uns bleibt immerhin die Zeit vor Peru"!) gewesen wäre und nicht Lydia, was ihr mehrfach von Menschen aus Pauls Umfeld zugetragen wird. Kali Yuga regiert.

Sara Gran treibt ihre Heldin wieder durch eine Welt, in der nicht klar ist, ob ihre Bewohner auf der Suche sind oder auf der Flucht. Claire DeWitt geht von einem unitären Rätsel aus, einem speziellen Fall (Der Fall des/der…) und landet immer bei den globalen Fragen: Was macht die Welt aus, was bestimmt unser Leben; als Individuen wie in gruppendynamischen Prozessen. Sara Gran gelingt es, all die schweren philosophischen Fragen in einem scheinbar leichten und spannenden Kriminalroman unterzubringen. Wobei ihr (und Claire) Jack Kerouac, William S. Burroughs, Hunter S. Thompson und alle Autoren und Autorinnen, die den Zustand des ewigen "Unterwegs-Seins", und sei es nur mit den bewusstseinserweiterten Möglichkeiten eines Gefahren trotzenden, bohrenden Geistes, so nahe sind wie die Hardboiled-Kollegen James Crumley, Carol O’Connell oder Freundin Megan Abbott.

Im Verlauf des Romans ergeben sich Deutungsmöglichkeiten, nicht nur was den aktuellen Fall angeht, sondern auch das Verschwinden Tracys, der besten Freundin, Jahrzehnte zuvor, die alle involvierten Personen auf sich selbst zurückwerfen würden. In einen kalten, klaren Moment der (Selbst)erkenntnis. Doch diesen Blick wagt nicht einmal Claire De Witt zu werfen. Vielleicht später.

Wer den verschlungenen Pfaden zwischen David Lynch und Raymond Chandler on dope zu folgen vermag, Spaß daran findet und bereit ist, das geschriebene Wort und sich selbst in Frage zu stellen, der wird auch beim zweiten Claire DeWitt Auftritt eine reichhaltige Fundgrube antreffen. Das Überraschungsmoment des Debüts fehlt logischerweise, doch Sara Gran erweitert ihr literarisches Universum auf eindrückliche Weise.

Kaum ein Roman polarisierte letztes Jahr so sehr wie Sara Grans Die Stadt der Toten. Von "der" Kritik nahezu einhellig geliebt, mit dem Deutschen Krimi Preis bedacht (völlig zu Recht!) und in den Leserkommentaren auf der Krimi Couch wie den Amazon-Kundenbewertungen ausgeglichen mit Höchstwertungen wie Niedrigtemperaturen/Ein-Stern-Beurteilungen versehen.

Daran wird Das Ende der Welt nichts ändern. Die Liebhaber des gepflegten Gänsehäutens, stringenten Suspense-Ermittelns und Hardcore-Metzelns werden bei Sara Gran keine Erfüllung finden. Wer über den maroden Tellerrand schauen möchte und Literatur sucht, die einen über das momentane Lesen hinaus beschäftigt, der findet am "Ende der Welt" ein inhaltsreiches Betätigungsfeld.

Ich selbst würde Gerechtigkeit als Ziel über die Wahrheit stellen. Doch Claire DeWitts so radikaler wie verzweifelter Lebensentwurf hat eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann. Und wenn wir am Ende in einer Schneekugel sitzen, die Beine am Rand der zerborstenen Welt baumeln lassend - dann wissen wir, dass Gran/DeWitt Michele Soavis "Dellamorte Dellamore" kennen. Wer den eigenwilligen, poetischen Zombie-Liebesfilm noch nicht gesehen hat: Unbedingt nachholen.

Claire DeWitt ist zurück. Und wird wieder polarisieren. Das ist auch gut so. Konsequent und nachhaltig, keine dieser mehrfach aufgekochten, schalen Blutsuppen. Love it or leave it.

 

Der Erzähler ist nicht verantwortlich dafür, den Zuhörer von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Ein jeder Zuhörer muss sich die Worte selbst aneignen. Keiner kann das für einen anderen tun.

 

PS.: Vergessen: Den "Fall der verschwundenen Miniaturpferde". Das Ende der Welt passiert mit viel Humor. Obwohl der Originaltitel Claire DeWitt And The Bohemian Highway eigentlich der Passendere ist.

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