Totenacker

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2011
  • 5
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011, Seiten: 296, Originalsprache
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Tim König
49°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2011

Kleve, Tatort Lindenstraße

Die Lindenstraße des Kriminalromans – das Klever Kriminalkommissariat 11 ist eigentlich eine Familie und wie genanntes Fernseh-Urgestein ist auch die KK11-Serie recht beständig. Totenacker ist immerhin das 14. Buch der Reihe.

In der heutigen Folge fehlt Helmut Toppe, der Leites des Teams, und vorest muss auch Josef Ackermann, das niederrheinische Original, noch auf seinen großen Einsatz als Stürmer mit Torriecher und bestens informierter Ermittler warten. Dafür treten zwei neue Personen auf, Marie Beauchamp, eine junge und hübsche Pathologin, sowie Fricka, der Onkel des Toppe-Ersatzes Norbert van Appeldorn. Mit wem aus dem Kommissariat wird Marie zusammenkommen? Werden sich Onkel Fricka und van Appeldorn vertragen?

Wem diese Fragen wichtig sind, der sollte das Buch lesen. Denn das Verbrechen bleibt in diesem Krimi vordergründig – nirgendwo scheint es eine dunkle Seite zu geben. Zumindest nicht in den Menschen selbst. Das große Ganze hingegen darf ab und zu dunkle Schatten werfen.

Nicht, dass man sich beim Lesen langweilt oder nur Oberflächliches erfährt; aber meist lösen sich Probleme in wohlgefälligen Dialogen über Rührei, frische Milch oder Bucheckern auf. Wenn sich van Appeldorn und sein Archivar mit deutscher Vergangenheit beschäftigen, wird eben nicht ausgebreitet, wie es zu Euthanasie kommen konnte oder ob man Zeitzeugen kritisch betrachten muss; der Eine bindet seinen Onkel, den er seit zig Jahren nicht mehr gesehen hat, gleich in sein glückliches Familienleben ein (das dadurch nochmals aufgewertet wird), der Andere lernt bei seinen Recherchen einen zuverlässigen und überaus freundlichen Studenten kennen.

Neben der Entwicklung der Personenkonstellationen, auf die viel Wert gelegt wird, bleiben die Charaktere merkwürdig blass. Bei fast jeder Figur wird einmal im Buch gesagt, dass sie vor zwei Jahren noch nicht so gehandelt hätte, ansonsten aber bleibt jeder seiner Rolle in der kleine, heilen Welt verhaftet: Der glückliche Familienvater, der darauf achten muss, nicht zu viel zu arbeiten, der freundliche, etwas biedere Archivar, seine Freundin, die ihn auflockert usw. Keine der Personen hat individuelle Brüche oder ist wirklich vielschichtig.

Wer also für die Toten aus der Grube verantwortlich ist, ist im Prinzip egal. In ein-, zwei Sätzen wird abgehandelt, was aus den Tätern wurde. Die rosige Zukunft zählt: Ein Benefizspiel gegen die holländischen Kollegen wird veranstaltet, um den Toten ein anständiges Begräbnis zu ermöglichen. Wie dieses Spiel ausgehen wird, ist aber von vornherein klar. Weniger wichtig als mögliche Spannungserzeugung ist, dass Ackermann, jener Niederrheiner, der immer im leutseligen Dialekt spricht, das erste Tor erzielt.

Aber nicht nur im Spiel macht Ackermann Meter gut. Er ist es auch, der die durchaus reale Problematik um Konzerne, die patentiertes Saatgut verkaufen, einführt. Sauber recherchiert, durchschnittlich geschrieben, aber dennoch aktuell, wichtig und ein wenig ergreifend kann man doch noch etwas Böses finden. Aber auch hier ist das Ermittlerteam macht- oder interesselos. Diesen Teil der Verbrechen lösen sie höchst notdürftig, beinahe zufällig, dass man als Leser, der lange vor den Ermittlern weiß, wie der Hase läuft, bei der Auflösung frustriert wegschaut.

Im nächsten, letzten Kapitel wird es aber wieder persönlich und so muss man sich keine Gedanken über Plausibilität machen. Man ist so eingelullt, dass man sich gar nicht mehr ärgern kann. Selbst in den letzten 30 Seiten, kurz vor dem "Showdown" wird sich noch Zeit gelassen, über Möhrenkuchen-Rezepte zu plaudern.

Überhaupt kennt man sämtliche Dialoge wenn nicht vom sonntäglichen Frühstück, dann vom Fußballtraining des örtlichen Dorfvereins. Und was die Vorträge über Wissenswertes und Nützliches betrifft: Sie könnten auch von einem Zehntklässler geschrieben worden sein. Auch, wenn der Hintergrund gelegentlich interessant und fesselnd ist.

Großartige Spannung sollte man nicht erwarten, ebenso wenig tiefsinnige Dialoge und komplexe Geschichtsaufarbeitung. Dafür bekommt man ein paar angenehme Stunden mit einer netten Familie spendiert, die mehr aber auch nicht  ist. Nebenbei erfährt man, wenn man es noch nicht weiß, was Euthanasie bedeutet und warum große Saatgut-Konzerne (Stichwort: Genfood) besondere Aufmerksamkeit verdient haben.

Totenacker

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