Grenzgänger

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2012
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  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012, Seiten: 256, Originalsprache
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Matthias Kühn
45°1001

Krimi-Couch Rezension vonJan 2012

Da kriegt man echt Lust auf ’ne Verfolgungsjagd, wa?

Schon wieder Tote am Niederrhein: Grenzgänger ist nun schon der – nein! Halt! Alles falsch! Grenzgänger war der zweite Roman des Autorentrios Leenders/Bay/Leenders. Bisher unveröffentlicht.

Lavendel gegen Ameisen war der erste, und auch der wurde erst letztes Jahr nachgeliefert; wenn alles stimmt, war’s das dann mit Schubladenwerken. Dass Rowohlt aus einem bisher unveröffentlichten Buch eine Art pseudoaktueller Mogelpackung macht, dafür können die Autoren wahrscheinlich wenig, aber sie zahlen die Zeche: Wenigstens etwas besser in die heutige Zeit hätte man den Roman bringen können – der wirkt, als 2012-Neuerscheinung gelesen, denn doch ordentlich altbacken und abgeschmackt.

Lasst mal stecken, Leute!

Auch wenn sich die niederrheinische Mentalität sicher auch in den nächsten Jahren kaum verändern wird, die Sprache tut es, die Welt sowieso. Und hier liegt schon eher die Verantwortung der Autoren. Die hätten auch, mit der durchaus vorhandenen Dialogkraft ihrer Bücher, sagen können: Lasst mal stecken, Leute!

Um es mit der Paraphrase eines alten jüdischen Witzes zu sagen: Leenders/Bay/Leenders sind das erfolgreichste deutsche Autorentrio und das einzige. Eine Autorin, ein Chirurg und ein forensischer Psychologe werfen ihre Kenntnisse und Talente zusammen und entwerfen Geschichten, die im Alltäglichen verhaftet bleiben sollen. Nichts Aufsehenerregendes, das Große im Kleinen, genauer: in und um Kleve.

Und so haben sich die drei gerade im Großraum Kleve eine große Lesergemeinschaft erarbeitet. Einen Süddeutschen wie mich juckt das allerdings wenig; Ostwestfalen und Berliner ebenso. Und trotzdem: Das hier ist kein auf den lokalen Markt hingeschriebener Regiokrimi, das nicht. Es ist ein zweiter Versuch, nachdem der erste bereits in der Schublade verschwunden war. Das zeigt eine gute Portion Trotz und das Wissen: Wir werden das schon schaukeln. Der dritte Band, nachdem alles in Fahrt gekommen war, erschien dann ja auch: 1992, Königsschießen.

Mord getarnt als Selbstmord

Ehrlich, bodenständig und bescheiden sind die Menschen in dieser Gegend angeblich; anders gesagt: sehr kleinbürgerlich, oder, wie Markus Lanz sagen würde, sehr, sehr, sehr kleinbürgerlich. Morde gibt es auch hier, sogar solche, die als Selbstmorde getarnt werden. Und schon haben wir, hoppla, einen echten Serienkiller! In einer Zeit, zu der es noch keine echten Profiler und praktisch keine Computer gab, ist die Polizeiarbeit dann etwas mühselig.

Vorausgesetzt, man weiß, dass dieses Buch bei Erschienen schon mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel hat, lässt sich das ertragen. Noch einmal: Keine Ahnung, was sich der Verlag dabei dachte, das unter den Tisch fallen zu lassen.

Nur für Stammleser interessant

Stammleser der Romane dürfen sich natürlich freuen: Gleich zu Beginn versammeln sich nahezu alle seit 1992 eingeführten Leistungsträger der L/B/L-Romane bei Helmut und Gabi Toppe zur Einweihungsfeier. Die haben nämlich grad gebaut und tischen auf. Und mitten in die nicht ganz so romantische Feier kommt der erste Fall, der einen Teil des Personals zum Aufbruch zwingt. Später machen alle mit, um die Fälle mit Fleisch zu versorgen und miteinander zu verbinden; den Anfang macht Klaus van Gemmern mit Praxistests an einem Stuhl, um zu beweisen, dass die holländische Tote sich nicht selbst umgebracht haben kann. Das soll witzig sein, allein, es ist es nicht.

Es poltert also von Anfang an, später weniger freiwillig. Denn wie in alten Fernsehkrimis wird auch hier ständig der Stand der Ermittlung rekapituliert; zu einer Zeit, als Manfred Krug Tatort-Kommissar war, mochte das angehen – heute eben nicht mehr. Heute fehlt einfach der Schwung. Und sehr wahrscheinlich waren die vielen zähen Verhöre und eher langwierigen Befragungen auch damals ein Grund dafür, dass dieses Ding nicht um 1990 erschien.

Sollen die Leute, die sich in den beschriebenen Straßen auskennen, Grenzgänger genießen, wenn sie es denn können; ich kann es nicht. Wie gesagt, Stammleser des Trios erfahren einige Hintergründe, was beispielsweise Toppes Verhältnis zu Astrid angeht oder die Überlegungen zum Erziehungsurlaub des Kollegen van Appeldorn.

Immerhin sind die Dialoge, in späteren Romanen ein absolutes Plus, schon hier ganz ordentlich – sie zeigen, wenn auch nicht knapp genug, die Charaktere und die Mentalität recht gut. Aber Dialoge als Stärke reichen eben nicht. Die Schwäche bei L/B/L war schließlich auch später, aus plausiblen Fällen mit durchaus kenntnisreichen Grundlagen spannende Krimis zu machen.

Grenzgänger

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