Wer Wind sät

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Julia Nachtmann, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

66°
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Jürgen Priester
Ein laues Lüftchen

Buch-Rezension von Jürgen Priester Dez 2010

Nele Neuhaus hat es geschafft. Das letztjährige Schneewittchen muss sterben brachte den sicherlich langersehnten Durchbruch. War Unter Haien, ihr Krimidebüt, damals nur als Book on Demand zu erwerben, so liegt der aktuelle Roman aus der Bodenstein-Kirchhoff-Reihe Wer Wind sät erstmalig als überteuertes Softcover vor, das trotzdem schon vor dem Veröffentlichungstermin allein aufgrund der Vorbestellungen zum Bestseller avancierte. Der vorliegende Roman ist der fünfte Band aus der genannten Reihe und unterscheidet sich im wesentlichen nicht von seinen vier Vorgängern. Nele Neuhaus´ Erfolgsrezept ist die Mischung aus melodramatischen Liebesbeziehungen, überstrapazierten, teilweise traumatisierten Charakteren, einem hochkomplizierten Krimiplot, sympathischen Ermittlern und verschwindendem Lokalkolorit. Manchmal fließen auch große Themen ein, wie das Holocaust-Thema in Tiefe Wunden oder wie hier in Wer Wind sät die Energiepolitik. Das Schlagwort "Regenerative Energien" ist ja in aller Munde und es macht sich gut, es in einen Plot zu integrieren. Es zeigt doch, dass man am Puls der Zeit ist.

Jedoch sollte man nicht seine Geschichte mit einem Lapsus beginnen. Die fiktive Firma WindPro konzipiert und errichtet Wind-Parks, betreibt sie aber nicht. Mit einem getürkten Windgutachten will sie nun den künftigen Betreiber düpieren. Es liegen zwar anderslautende Gegengutachten vor, aber Frau Neuhaus möchte uns weismachen, dass solch offensichtlichen Betrügereien von Erfolg gekrönt sein könnten, denn daraus resultiert ein Großteil ihrer Geschichte. Ohne Wind - kein Wind-Park – der Haupthandlungsstrang bräche in sich zusammen.

Die Geschichte beginnt nämlich im Bürogebäude der WindPro. Der Nachtwächter stürzt zu Tode. Unfall oder Fremdeinwirkung? - diese Frage beschäftigt die beiden Serienermittler Kirchhoff und Bodenstein. Als wenig später der Bauer Ludwig Hirtreiter, ein erbitterter Gegner des Windparks und einer der Vorsitzenden der Bürgerinitiative gegen den Windpark, ermordet aufgefunden wird, kommt die WindPro wieder ins Spiel, da Hirtreiter zudem Besitzer eines Grundstückes ist, das die WindPro dringend als Zufahrt braucht und das der Bauer selbst für 2 Millionen Euro nicht ergeben will. Doch Hirtreiter ist auch eins der bei Nele Neuhaus so beliebten Ekelpakete, der sich anscheinend jeden zum Feind gemacht hat. Angefangen bei seinen drei Kindern, die ihn nicht nur wegen der ausgeschlagenen Millionen hassen, dem halben Dorf, wie man so hört, und auch in der Bürgerinitiative ist er nicht wohlgelitten. Es gibt folglich eine Unzahl an Verdächtigen, die es alle nicht waren, bis auf einen, dessen Motive so obskur sind, dass man ihn nicht auf der Rechnung haben kann. Diese klassische Konstellation des Whodunits ist Nele Neuhaus natürlich zu simpel, deshalb baut sie zahlreiche Nebenschicksale auf, die ihre Individualität leider in der Masse verlieren.

In diesem Wust sollten sich jetzt eigentlich die beiden Kommissare tummeln, aber das tut nur Eine: Pia Kirchhoff. Oliver von Bodenstein scheint sich allmählich von der Bühne zu verabschieden. Kümmerte er sich in "Schneewittchen" schon fast ausschließlich um den Seitensprung seiner Frau, erleben wir ihn jetzt auf Freiers Füßen, was seinen Einsatzwillen arg schmälert. Möglicherweise gibt es für ihn schon einen Nachfolger. Ganz im Sinne von Multikulti hat der türkischstämmige Kommissar Cemalettin Altunay seinen ersten Auftritt. Ob der sich nun etablieren wird oder Oliver von Bodenstein eine Renaissance erfährt, wird abzuwarten sein. Bis dahin macht Pia Kirchhoff ihre "One-Woman-Show". Das steht ihr recht gut, auch wenn sie darüber ihr Privatleben vernachlässigen muss und ihr Lebensgefährte schon an zu meckern fängt. Doch wer fleißig ist, wird am Ende auch belohnt.

"Manchmal wäre ein Weniger mehr" so hat schon Kollege Wolfgang Weninger seine Rezension zu Mordsfreunde überschrieben. Diese Feststellung trifft alle Folgen dieser Reihe zu. Manche mögen dieses "Viel" als Markenzeichen von Nele Neuhaus hervorheben, aber hinter einem "Viel" kann man auch viel verstecken.

Klimapolitik ist per se schon ein komplexes Thema, das in einer krimikompatiblen Verkürzung nur zur Verwirrung beitragen kann. Reizworte wie Klimalüge oder Klimaskeptiker bedürfen einer genauen Betrachtung. Fakt ist das es die Klimaerwärmung gibt, deren Genese vielfältig ist, zum Teil auch anthropogenen Ursprungs, und wenn es nur die Millionen pupsender Rinder sind, die tagtäglich in Form von Hamburgern verspeist werden. Das ist kein Witz.

Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort, das sie keine wirklich existierende Institutionen diskreditieren oder diffamieren möchte, und dennoch zeiht sie Ortsgruppen des BUND, des NABU und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald der Bestechlichkeit (S. 105/106) . Das ist nicht die feine hessische Art.

"Wer Wind sät, wird Sturm ernten" - dieser alttestamentarische Spruch lässt sich mit gutem Willen auf einige Personen der Geschichte beziehen, hat mit dem Windenergie-Thema nichts zu tun, denn das entpuppt sich schnell als Flaute. Dem übrigen vertrackten Plot ist ein guter Unterhaltungswert nicht abzusprechen, doch besonders stürmisch geht es da auch nicht, daran ändern auch Showeinlagen wie die Massenpanik auf der Bürgerversammlung nichts.

Nele Neuhaus bietet das, was von ihr erwartet wird und auf das sich ihr Erfolg begründet. Fans werden wieder Zustimmung nicken. Serienliebhaber wollen das Bewährte, das Vertraute und das wird ihnen geboten. Vielleicht ist es ja die Über-Dramatisierung des Alltäglichen, die von selbigem ablenkt. Wenn ein Jüngling beim Anblick eines sündigen BH-Trägers schon in eruptive Verzückung gerät, kann man nur staunen, aber wahrscheinlich sind die Taunusier eine besondere Spezies.

Ein Wort noch zum großformatigen Klappenbroschur, weil es in vielen Leserkommentaren anklingt. Diese aufgemotzten Taschenbücher, die der Leser mit einem Aufpreis von fünf Euro bezahlen muss, bieten selten einen Mehrwert. Manchmal sind sie tatsächlich liebevoller und aufwendiger gestaltet. Im Falle von Wer Wind sät hört man nur die Kasse im Verlagshaus klingeln. Der Aufpreis ist durch nichts gerechtfertigt. Gerade mal 100 Gramm mehr Papier und Pappe und einem Lesebändchen, das ganz verschämt hinten eingeklebt ist. Da Nele Neuhaus eine sehr leserorientierte Autorin ist, kann man sich kaum vorstellen, dass sie über diese Maßnahme begeistert ist. Da hat der Verlag ihr wohl möglich einen Bärendienst erwiesen.

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