Die Lebenden und die Toten

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2014, Seiten: 4, Übersetzt: Julia Nachtmann

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Andreas Kurth
Knallhart verpackte Gesellschaftskritik

Buch-Rezension von Andreas Kurth Sep 2014

"Taunus-Sniper" - die Presse hat schnell einen Namen für den Serienmörder gefunden, der scheinbar wahllos Menschen erschießt, und dabei auch keine Rücksicht auf der Weihnachtsfest nimmt. Das erste Opfer ist eine ältere Frau, die beim Gang mit ihrem Hund per Kopfschuss getötet wird. Der zweite Mord ist noch brutaler, das nächste Opfer wird durch das Küchenfenster "hingerichtet" - die daraufhin traumatisierte Enkelin steht in diesem Moment neben ihrer Großmutter. Kommissarin Pia Kirchhoff sagt sogar ihren lange geplanten Urlaub in Südamerika ab, obwohl sie kurz zuvor heimlich geheiratet hat. Gemeinsam mit ihrem Chef Oliver von Bodenstein und weiteren Kollegen nimmt sie das Rennen mit dem Killer auf, der denn tötet noch weitere Menschen. Die Ermittler versuchen fieberhaft, Zusammenhänge zwischen den Mordopfern herzustellen, um ein Muster erkennen zu können. Erst als der Täter ominöse Todesanzeigen veröffentlicht, bekommen die Polizisten eine Ahnung davon, womit sie es zu tun haben. Die Bevölkerung ist durch die Berichterstattung der Medien längst hysterisch geworden, und so nimmt der Druck auf die Ermittler immer weiter zu. Es ist jedoch noch einiges an akribischer Polizeiarbeit nötig, bis die Lösung des Falles nach vielen Irrwegen gelingt.

Rückkehr zu alter Form

Mit Schneewittchen muss sterben ging der Stern von Nele Neuhaus am Autorenhimmel auf. Durch diesen Titel wurden dann auch ihre früheren Bücher auf die Bestsellerlisten hinaufgezogen. Den Hype um ihre Person verdaute die Autorin in meinen Augen allerdings nicht so wirklich gut. Ausgedehnte Lesereisen und der Druck, weitere Bestseller schreiben zu müssen, wirkten sich durchaus auf die Qualität der Bücher aus. Wer Wind sät und Böser Wolf blieben in meinen Augen weit hinter Schneewittchen zurück, was ich persönlich sehr bedauerlich fand. Vom Publikum wurde das allerdings völlig anders gesehen, beide Bücher belegten lange Zeit vordere Plätz der Spiegel-Bestsellerliste. Das ist aber sicher auch dem perfekten Marketing geschuldet. Wie auch immer - mit Die Lebenden und die Toten hat Nele Neuhaus meiner bescheidenen Meinung nach zu alter Form zurück gefunden. Der Roman ist ähnlich kraftvoll, verwinkelt und fesselnd wie "Schneewittchen". Die teilweise dazu geäußerte Kritik, das Buch sei zu lang, enthalte zu viel an persönlichen Befindlichkeiten der Ermittler oder weise Logik-Lücken im Plot auf, kann nun ich überhaupt nicht teilen.

Leser und Ermittler rätseln gleichermaßen

Als Besonderheit sind in diesem Roman Passagen in Kursivschrift eingestreut, die dem Leser die Perspektive des Mörders vermitteln. Diese Wechsel der Sichtweise gelingen nicht allen Autoren gleich gut, zuweilen wird dabei ein wenig über das Ziel hinaus geschossen und die Identität des gesuchten Verbrechers zu sehr enthüllt. Bei Neuhaus ist das überhaupt nicht der Fall, vielmehr nutzt sie dieses Stilmittel, um zusätzlich falsche Fährten zu legen. Leser und Ermittler rätseln gleichermaßen - zuweilen allerdings auf verschiedenen falschen Spuren. Die Autorin hat somit einen konstant hohen Spannungsbogen geschaffen, der die Lektüre kurzweilig macht. Dazu trägt in meinen Augen auch bei, dass die Lebensgeschichten der Ermittler angenehm nebensächlich geschildert werden. Ich kann einigen Kritikern, die hier zu viel Privates verorten, nicht zustimmen. Wenn man sich darauf einlässt, eine Reihe zu lesen, gehört die Entwicklung der Protagonisten dazu. Und damit sind nun mal auch private Dinge verbunden. Wer das überhaupt nicht mag, sollte eben Einzelfälle lesen, auf Neudeutsch: "Stand alone".

Komplexität als Erfolgsgeheimnis

Ob die Autorin ihre Handlung und damit das gesamte Buch etwas straffer hätte gestalten sollen, ist eine Geschmacksfrage. Ein Roman von 560 Seiten kann immer etwas kürzer gestaltet werden. Ganz subjektiv fand ich dieses Buch nicht zu lang – aber natürlich kann man hier zu anderen Beurteilungen kommen. In meinen Augen ist die Länge des Romans durchaus nicht nur der Komplexität des Kriminalfalls, sondern auch dem insgesamt komplizierten Oberthema in seinen Verästelungen geschuldet. Dazu will ich hier nichts weiter verraten, denn der schwierige Weg zur Lösung gehört zur Faszination dieses Buches, und das soll für künftige Leser so bleiben. Diese Komplexität ist es auch, die Neuhaus bei ihren jüngsten Büchern etwas verloren gegangen war - bei Schneewittchen muss sterben war das noch das Erfolgsgeheimnis. Während die Autorin beim Thema Windkraft mit ihrem gesellschaftskritischen Ansatz in meinen Augen ziemlich lax umgegangen ist, wirkt das neue Buch auf mich wieder gründlicher und solider recherchiert. Wer sich nach der Lektüre persönlich weiter mit dem Problemkomplex auseinandersetzt, wird da sicher seine eigenen Schlüsse ziehen. Nele Neuhaus ist eine gute Geschichtenerzählerin - das hat sie mit diesem Roman wieder gezeigt.

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