Im Wald

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2016, Übersetzt: Julia Nachtmann, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Andreas Kurth
Wenn alte Wunden brutal wieder aufgerissen werden

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2016

Hauptkommissar Oliver von Bodenstein freut sich auf die bald beginnende Auszeit, die er bei seiner Vorgesetzten, Kriminalrätin Engel, durchgesetzt hat. Die schwierigen Fälle der jüngeren Vergangenheit sind ihm schwer an die Nerven gegangen. Kurz vor dem Termin seines Ausscheidens aus dem Dienst wird in der Nähe seines Heimatortes Ruppertshain ein Campingwagen in Brand gesteckt - in der Asche werden Überreste eines Mannes gefunden. Der Tote ist Clemens Herold, Bruder eines Schulkameraden von Oliver. Als auch noch eine todkranke Frau ermordet wird, ebenfalls ein Mitglied dieser Familie, stößt Oliver mit seinem Team immer öfter auf alte Bekannte aus seiner Schulzeit. Er muss die Leitung der Ermittlungen daraufhin an Pia Sander abgeben, bleibt aber im Team. Vor über 42 Jahren hat sich Oliver von einer Gruppe Kinder gelöst, da er in Artur und Wieland neue Freunde fand. Artur und der zahme Fuchs Maxi verschwanden dann spurlos - und Oliver will wissen, was die aktuellen Morde mit dem Verschwinden seines Freundes zu tun haben.

Nele Neuhaus setzt ihre Serie auf einem hohen Level fort

Nele Neuhaus hat sich mit ihrem achten Roman um die Kriminalpolizisten Oliver von Bodenstein und Pia Sander reichlich Zeit gelassen - und das ist auch gut. Nach dem Spitzentitel Schneewittchen muss sterben ging es mit neuen Büchern, Lesereisen und anderen Dingen etwas drunter und drüber. In der Rezension zu Die Lebenden und die Toten habe ich schon angemerkt, und möchte das hier wiederholen, dass Nele Neuhaus jetzt offenbar einen Weg gefunden hat, die Serie auf einem guten Level fortzusetzen.

Nun werden wieder Scharen von Trollen aus den Tiefen des Internets kommen und ihre Kritik - ist es wirklich ernsthafte Kritik? - auskippen. Zu langatmig, zu viele Personen, Mainstream, zu durchsichtig, und was da sonst so abgesondert wird. Natürlich kann man eine vom Verlag dermaßen gepuste Autorin mit so hohen Verkaufszahlen als "Mainstream" brandmarken. Diese Einstufung ist sicher nicht falsch. Aber dann soll man doch seine Finger von den Büchern von Nele Neuhaus lassen, und sich auf Nischen-Autoren und hoch gehandelte Geheimtipps konzentrieren.

Spannende und angenehm kurzweilige Lektüre

Im Wald ist wie sein unmittelbarer Vorgänger-Band flüssig erzählt, komplex aufgebaut und wirklich spannend zu lesen. Beide Bücher reichen nicht an Schneewittchen muss sterben heran, sind aber deutlich besser als alles was dazwischen lag. Komplexität habe ich in meiner Rezension zu Die Lebenden und die Toten als Erfolgsrezept bezeichnet, und das zeigt sich auch in diesem neuen Roman. Die vielen Wendungen und neuen Spuren, nicht zuletzt die zahlreichen Personen und eine ganze Reihe möglicher Verdächtiger machen die spannende Lektüre in meinen Augen angenehm kurzweilig.

Es ist im Grunde immer gut, wenn gesellschaftliche Problemfelder in Kriminalromanen aufgearbeitet werden. Noch besser ist, wenn das eher unterschwellig passiert - wie in diesem Roman. Bodensteins Freunde Artur und seine Familie, deutschstämmige Spätaussiedler aus Russland, waren im kleinen Ruppertshain quasi Parias, wurden von den Einheimischen nicht beachtet. Deshalb war es auch nur ein kurzer Aufreger, als der Junge 1972 unter ungeklärten Umständen verschwand. Die mangelhafte Integration von neu Zugezogenen, egal ob sie aus Osteuropa, vom Balkan oder aus Afrika stammen, ist schon damals ein gesellschaftliches Thema gewesen, und ist es heute noch. Wie gesagt, das klingt in dem Roman nur unterschwellig an - für mich dadurch aber umso nachhaltiger.

Sander und von Bodenstein sind die unbestrittenen Stars

Pia Sander und Oliver von Bodenstein sind die gleichberechtigten Stars dieser Roman-Reihe. Sander steht in diesem Buch etwas mehr als Ermittlerin im Vordergrund, was sich aus der Struktur der Geschichte ergibt. Als von Bodenstein aufgrund seiner Betroffenheit die Leitung der Ermittlungen abgeben muss, zeigt sich Pia Sander wieder als energische und temperamentvolle Polizistin, die aber auch einen tiefgründigen Charakter hat. Es dürfte spannend werden zu sehen, ob Nele Neuhaus von Bodenstein für mehrere Bücher aus dem Spiel nimmt. Bei den Fans der Serie, das ist in vielen Kommentaren zu lesen, sind die beiden nämlich gleichermaßen beliebt.

Oliver von Bodenstein ist ein gänzlicher anderer Typ als seine jüngere Kollegin. In diesem Buch wird er von einer ganz anderen Seite gezeigt, weil es aufgrund der besonderen Umstände sein bislang persönlichster Fall ist. Sein hohes berufliches Engagement ist ihm zu einem Verhängnis geworden, er fühlt sich ausgebrannt, daher die angestrebte Pause. Die Lügen guter Bekannter und einer alten Freundin machen ihm den Abschied aus dem Dienst scheinbar deutlich leichter. Da die Reihe aber auf dieses Ermittler-Paar fixiert ist, vermag ich mir noch nicht so recht vorzustellen, dass es tatsächlich dauerhaft ohne den männlichen Teil weitergehen soll.

Nele Neuhaus hat interessanten Mikro-Kosmos gezeichnet

Den Spannungsbogen baut die Autorin sehr geschickt auf und hält ihn durch hohes Tempo und viele falsche Fährten ständig auf hohem Niveau. Das Buch hatte mich schon nach wenigen Seiten gepackt, und trotz des Umfangs war die gut erzählte Geschichte unterhaltsam und kurzweilig. Die vielen Orts- und Perspektiv-Wechsel sowie das große Personal-Tableau sind durch die Übersichtskarten im Buch und die Namensliste gut zu verfolgen. Ich bin ein Freund solcher Orientierungshilfen, und bei einem Buch von diesem Umfang und mit einer derart komplexen Geschichte ist das ein echtes Plus.

Nele Neuhaus hat mit dieser Dorfbevölkerung einen interessanten Mikro-Kosmos gezeichnet, wie er für viele Orte vergleichbarer Größe typisch sein dürfte. Neben der Haupthandlung hat die Autorin noch spannende Neben-Geschichten eingebaut. Insgesamt also ein überaus facettenreiches Buch - von einer Autorin in Bestform.

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