Kinderkorn

Erschienen: Januar 1991

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Galgenberg, 1991, Seiten: 212, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1994, Seiten: 186, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 186, Originalsprache
  • Hamburg: Hamburger Abendblatt, 2010, Seiten: 83, Originalsprache

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Gerckes Worte scharf und bitter, ihre Sätze ein einziges resigniertes Abwinken

Buch-Rezension von Hyby Hyby Mai 2003

Was machen manche überarbeitete, ausgelaugte alleinziehende Mütter, wen ihre Kinder nicht einschlafen wollen? Sie verabreichen ihnen als Schlaftrunk einen Kinderkorn - ein Glas gelben Sprudels mit einem Schuß Korn. Und das hilft todsicher - erstmal jedenfalls.

Aber ebenso brutal-direkt wie diese Methode ist das Milieu, in dem sie Anwendung findet: eine jener komprimiert hochgezogenen Wohnsiedlungen mit hohen Häusern und niedrigen Hemmschwellen.

In dieser Siedlung namens Hoffnungsberg (unschwer als Hamburger Siedlung Mümmelmannsberg zu erkennen und eine etwas seeehr sarkastische Namensgebung, Frau Gercke!) sind bereits zum wiederholten Male junge Mädchen aus hohen Fenstern gefallen. Bei den Ermittlungen stößt die Polizei auf eine Mauer des Schweigens, des Desinteresses und einer kaum mehr zurückgehaltenden Aggressivität. Doch auch innerhalb der Polizei scheint man die Aufklärung der Todesfälle nur mit recht gebremster Energie zu verfolgen.

Mit ihren Zweifeln wendet sich eine junge Polizistin an Bella Block. Die wohnt nicht nur mit Elbblick in deutlich besserer Lage, sondern sie hat zudem zwischenzeitlich so üppig geerbt, dass sie ihren Job als Privatdetektivin eigentlich an den Nagel gehängt hat. Aber eben nur eigentlich, denn die Dame ist extrem neugierig - und als Ex-Polizistin ahnt sie Böses.

In dieser Angelegenheit begnügt sie sich nicht mit halben Sachen, sondern geht aufs Ganze: sie nimmt einen Job als Warenstaplerin in einem Supermarkt am Hoffnungsberg an und knüpft ein paar lose Kontakte. Und schon bald erhält Bella einige kurze Einblicke in eine Welt, deren verborgene brutale Gesetze auch die Schwächsten nicht verschonen.

Die Welt der Kinder dort ist für ihre im tagtäglichen Existenzkampf rackernden Eltern nicht mehr sichtbar. Es ist eine Schattenwelt jenseits sonniger Sandkisten mit bunten Klettergerüsten. Es ist eine Welt in halbdunklen Kellern, in denen Knirpse nach ihren erpreßten Diebestouren ihre Beute an halbstarke Schläger abzuliefern haben. Und spurt einer nicht, wird er gemobbt und bedroht - bis der Sturz vom Balkon eine Erlösung ist.

Junge bis jüngste Mädchen haben noch andere Möglichkeiten: sie warten in einzelnen, karg eingerichteten Wohnungen auf verstohlene Kunden.

Angesichts der bisweilen auftauchenden finsteren Figuren machen die Nachbarn lieber die Augen zu. In dieser Welt haben haben viele Kindermünder schon ganz anderes geschluckt als den Kinderkorn ihrer überforderten Eltern. Und bald bestätigt sich auch Bella Blocks Ahnung und ihr wird klar, warum das Interesse der Polizei an der Aufklärung so merkwürdig verhalten ist...

Formal ist das ein Krimi, keine Frage: es gibt Leichen, es gibt Polizisten und es gibt Ermittlungen. Aber eigentlich ist das ungeschminkter, häßlicher Sozialrealismus. Doris Gercke zeichnet eine Welt der real existierenden Hoffnungslosigkeit, einer menschlichen Existenz unterhalb jeden Minimums.

Hilfe durch die Hohe Politik ? Da werden Gerckes Worte scharf und bitter und ihre Sätze sind ein einziges resigniertes Abwinken. Die Mißstände sind so offenkundig wie zementiert - und angesichts ihrer Unverrückbarkeit sind auch die Findigkeit und Courage einer Bella Block machtlos.

Der Fall der toten Kinder versickert im Versiegeln dieser und jener Bordellwohnung und in einem halbherzig auf den Weg gebrachten amtsinternen Ermittlungsverfahren - das war’s.

Und für die Bewohner des Hoffnungsberges kommt ein neuer Tag, der genauso stumpf werden wird, wie der gestrige war.

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