Goldstein

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: David Nathan
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2011, Seiten: 573, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
In der roten Burg

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jul 2010

Nachdem wir durch das Stahlbad Hollywood gegangen, mit transatlantischen Mythen aufgewachsen, uns Namen wie Capone und Dutch Schultz, Moe Green oder Vito Corleone zum Inbegriff des Verbrechens geworden sind, ist der Blick auf unsere eigene Tradition verkümmert. Zwar hat Alfred Döblin im Alexanderplatz, den Bodensatz der Weimarer Republik ein Gesicht verliehen, doch wenn wir an die Zwanziger, Dreißiger denken, fällt uns als Erstes Liza Minelli und Cabaret ein. Allemal noch Brecht und seine Dreigroschenoper, Erich Kästner und Emil und die Detektive.

Berlin, Weimarer Republik, eine einzige Revue, oder?

Der Rest gehört der Geschichtsschreibung und den Memoiren an, die die Anfänge des Dritten Reiches immer wieder beleuchten und das Unvermögen einer Gesellschaft, sich als Demokratie zu verstehen, nachzeichnen.

Auch Volker Kutschers dritter Roman um seinen Kommissar Gereon Rath besticht durch die dichte Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich nicht bewusst ist, dass sie sich im Auflösen befindet. Kutscher ist ein Chronist im Stile Gore Vidals, eher an einem Sittengemälde als an der bis zum Exzess austarierten Spannung interessiert. Seine Fälle sind episch angelegt, nehmen sich Zeit fürs Detail, den Seitenblick, dem Versuch, die Zeit weniger mit Spannung zu überladen, als sie zu verstehen.

Zwar bevölkern Antisemiten, wie braunes Gesocks das Bild, werden auch hier unlautere Geschäfte durch Morde abgesichert, lässt das Leben am Rand nur den Diebstahl im KaDeWe zu, sind Korruption, Machtgehabe bei der Polizei wie der Politik Triebfedern einer ziellos dahin driftenden Society, aber sie münden nicht im Schwarz-weiß Klischee. Eher nähert sich Kutschers Stil den wunderbar nüchternen Romanen eines William Kennedys an. Auch wenn Kutscher sich diesmal dem Blick über den großen Teich öffnet, indem er in der Gestalt von Abraham Goldstein den American Style of Crime in sein Berliner Geschehen eingreifen lässt.

Das birgt allzu leicht die Gefahr, mit den großen Vorbildern verglichen zu werden. Goldstein ist ein Killer. Einer von Fat Moes Männern. Nach einer unglücklichen Kindheit hat er sich auf den Straßen New Yorks durch kaltblütiges Morden einen Namen und Respekt verschafft. In seiner Ausstattung erinnert er an die Gangster in Billy Bathgate von E.L. Doctorow.: Es gibt nur ein Überleben, wenn man sich vom Leben das nimmt, was es einem eigentlich nicht zusteht.

Ausgerechnet auf Abe Goldstein soll Kommissar Gereon Rath ein Auge werfen, damit der Amerikaner nicht neues Unheil anrichtet. Wie wir aus den beiden Vorgänger Der nasse Fisch und Der stumme Tod wissen, ist Rath nicht unbefleckt und steht in einem merkwürdigen Verhältnis zu dem halbseidenen John Marlow, der sich gelegentlich der Berolina bedient, deren Chef der rote Hugo nun verschwunden ist. Marlow beauftragt Rath damit, die Umstände zu klären, während sich zwischen den Banden der Nordpiraten und der Berolina ein Verteilungskampf entspinnt.

Kutscher kennt seine Amerikaner. Auch wenn er nicht Hard Boiled a lá Hammett oder Chandler daher kommt, versteht er sich darauf, den Sumpf zu bewässern, in dem selbst das Gute auf Abwege gerät. Egal ob die ehrgeizige und geliebte Charly Ritter, der Buddha Gennat, die Bulldogge Böhm, der Hund Kiries – es menschelt bei Kutscher, das macht den Roman zu einem Schmöker, in den man gerne versinkt, ohne sich der Unsicherheit, der Zuspitzung, der Überzeichnung aussetzen zu müssen. Die Sympathien sind klar verteilt.

Kutscher bemüht sich, ein geschichtliches Mosaik mittels des Kriminalromans hervorzuzaubern. Wenn ein alter Jude die U-Bahn nehmen will und von der SA daran gehindert wird, indem die Braunen Sprüche wie "Sprich Deutsch, wenn du Deutscher bist" in die Welt hinausposaunen, um den alten Mann anschließend in einem Park aufmischen zu wollen, gehört dies zum Erscheinungsbild einer Republik, die vor allem eins kann: mit sich selbst beschäftigt sein, und die nur allzu gerne beiseite schaut.

Dass ausgerechnet Abe Goldstein den alten Juden retten wird, mag der augenzwinkernden Ironie des Autors geschuldet sein, der sich mit journalistischer Akribie dem Geschichtenerzählen verschreibt, um uns von den Wurzeln zu berichten, die in unsere Zeit hineinreichen.

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