Der stumme Tod

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Reiner Schöne
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010, Seiten: 541, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
Vom Gehen auf dem Eis

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2008

Die Oscars sind vergeben, die Branche hat sich gefeiert und hinter den Kulissen ist hart, um jedes Stück Edelmetall gerungen worden. Allerdings soll kein Schauspieler dabei zu Schaden gekommen sein. Allerhöchstens der Stolz mancher Egomanen. Volker Kutscher wirft in seinem Roman einen Blick zurück zu den Anfängen der Filmindustrie, beschreibt die Schwierigkeiten beim revolutionären Wandel von Stumm- auf den Tonfilm, lässt Scheinwerfer von der Decke fallen, und Stimmbänder durchtrennen. Die eigentlichen Stars seines Kriminalromans sind die 30er Jahre in Berlin und ein um sein eigenes Glück ringender Kommissar.

Manchmal drängt sich Kommissar Rath in Der stumme Tod das Gefühl auf, nicht recht zu wissen, gegen wen er da alles kämpft. Da ist natürlich die Berliner Unterwelt mit ihren Ganoven, auf der anderen Seite die Oberschicht mit ihrem Mord im Filmmilieu, vor allem jedoch kämpft er an der Heimatfront gegen Kollegen, die ihm nicht wohl gesonnen sind, so dass Rath nicht selten nach unten schaut, um zu überprüfen, ob das Eis, auf dem er sich vorwärts bewegt, nicht längst gebrochen ist.

Berlin da war doch was? Die goldenen Jahre, der aufkeimende Faschismus, die Winkelzüge der Parteien in der Weimarer Republik, da denkt der Leser natürlich an Döblin und seinen Alexanderplatz, an Fassbinder und dessen berühmten Unterbelichtung, die bei der Verfilmung die Szenerie beherrschte. In der stumme Tod Kutscher wirkt Berlin betulich, trotz allem Glamour provinziell.

Ein Rheinländer unter Preußen


Volker Kutscher gehört zu den Romanciers unter den Krimiautoren. Anhänger der kurzen Form, der komprimierender Schnitte, mögen ihn womöglich für ausschweifend halten, doch Kutscher versteht sich darauf, sein Umfeld abzugrasen, Atmosphäre freizulegen. Kriminalistisch wirkt da die Spannung nicht gerade gerafft.

Es geht um ein Polizistenleben in Berlin. Im Mittelpunkt Kommissar Gereon Rath, Kriminaldirektor Engelberth Raths Sohn, der aus der Rheinprovinz nach Berlin entsandte Ermittler, den sein Vater nach einigen unschönen Vorfällen in Düsseldorf, aus der Schusslinie genommen hat. Sein Liebesleben als glücklich zu bezeichnen, wäre übertrieben, seinen Spürsinn als genial zu beschreiben, wohlwollend. Er erarbeitet sich seine Erkenntnisse, sie fallen ihm nicht zu.

Wir haben es mit einer Geschichte zu tun, die gemächlich fortschreitet, indem sich die Fakten allmählich auftun, Zusammenhänge sich in Gesprächen eröffnen und die kleinen und großen Katastrophen im Privatleben, den Tagesrhythmus vorgeben. Kutschers Bilder kommen leise daher. Das zeichnete bereits Den nassen Fisch aus. Durch ein grelles Ambiente, umstürzlerischer Zeiten, wenn gerade mal Horst Wessel zu Grabe getragen wird, bewegt sich ein rheinisches Gemüt, das daran leidet, dass seine Kölner ihn noch nicht besucht haben.

"Berlin hatte er als Chance gesehen, hier hatte er neu anfangen wollen, auch mit den Frauen."

Nicht ganz entgeht der Autor dabei die Typisierung seiner Figuren, vor allem Diven, wie Produzenten, wie Vorgesetzte, wie das ganze Filmgeschäft erscheinen so, wie man sie sich halt so vorstellt. Am Rande des Abgrund wird Esprit vorgetäuscht.

Die Affäre Adenauer zwischen Overstolz und Rohrpost

Und dann tritt auch noch Konrad Adenauer auf, leibhaftig, mit einem ganz persönlichen Problem, das ihn die Karriere kosten könnte, wenn seine Gegner es gegen ihn einsetzen. Ein Klüngel erfahrener Rheinländer wie der spätere Bundeskanzler bittet um Amtshilfe, nur weil er als Kölner Oberbürgermeister die Fordwerke von der Spree an den Rhein holen will und mit seinem Plan in Berlin verständlicherweise nicht auf viel Gegenliebe stößt.

Kutschers Roman kommt unspektakulär daher, auch wenn die Idee den Siegeszug des Tonfilms aufzuhalten, indem man ihm die Stimmbänder nimmt, ein schönes Bild ist. Seine Filmindustrie wird sich der Bedeutung des Oscars noch bewusst werden, doch Kutschers Roman besitzt genügend Stimmvolumen, um uns das Berlin der 30er Jahre mit seinen großen und kleinen Hoffnungen nahezubringen.

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