Die Akte Vaterland

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2012, Übersetzt: David Nathan

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Matthias Kühn
Moonshiner & Indianer in Berlin & Masuren

Buch-Rezension von Matthias Kühn Mai 2012

Ich kam durch einen Kollegen, mit dem ich gelegentlich nach Feierabend Laufen ging, auf Volker Kutscher. Der war kein sehr großer Leser, aber er hatte den Anspruch, nur erstklassige, ernsthafte Sachen zu lesen: "Wenn ich mich unterhalten lassen will, gehe ich ins Kino." Als er von einem guten Freund einen Krimi geschenkt bekam, und dann noch einen deutschen, wunderte er sich: Kennt der mich doch nicht so gut?

Und dann erzählte er mir beim Joggen von diesem unglaublich guten Krimi, der zwar vordergründig tatsächlich ein Krimi sei, sich aber lese wie ein vergessener Roman aus den Zwanzigern, der einfach nur zu modern ist. Dieser Volker Kutscher, sagte er sinngemäß, schafft es, ein Zeitgemälde hinzupinseln, das so dicht und klar ist wie bei Döblin. Mit dem Unterschied eben: Volker Kutscher ist Jahrgang 1962.

Natürlich war die Skepsis meines Kollegen alles andere als unbegründet: Gerade deutschsprachige Krimis sind meistens ähnlich empfehlenswert wie französisches Bier. Er überwand seine Skepsis – und machte mich zum Kutscher-Leser.

Volker Kutscher ist sicher nicht die einzige Ausnahme im zeitgenössischen deutschen Krimi, aber er ist ein ganz besonderer Autor – und das beweist er mit dem vierten Fall um Gereon Rath sehr beindruckend: Die Akte Vaterland ist wieder ein akribisch ausgearbeitetes Mammutwerk mit zum guten Teil altbekannten Figuren aus Kriminalsekretären, Kommissaranwärtern und anderen Gestalten rund um die Burg – wie das Polizeipräsidium am Alexanderplatz genannt wird. Da sind wieder die liebgewonnenen gefürchteten Unterweltfiguren; und da ist die Berliner Polizeilegende Ernst Gennat, der "Buddha", der in der Metropole moderne Ermittlungsmethoden hat und Edgar Wallace und Charlie Chaplin beraten hat. Das berichtet Volker Kutscher auf der Website gereonrath.de, auf der ganz nebenbei auch zeitgenössische Fotos zu sehen sind. Um Ernst Gennat hat übrigens auch Regina Stürickow ihren Roman Habgier gewickelt.

Die Story möchte ich nur anreißen, denn Kutscher erzählt langsam und ausführlich und kommt mit der vielschichtigen Handlung entsprechend behutsam in die Gänge. Volker Kutscher lesen heißt: sich Zeit nehmen und sich wirklich entführen lassen in eine untergegangene Welt – die von ihrem Untergang noch nichts ahnt. Hier und da tauchen Nazis auf, die im Laufe des Buches immer mächtiger werden und uns zeigen, dass es dem Ende einer Epoche entgegengeht. Uns – nicht den Figuren, ob erfunden oder historisch; denn natürlich unterschätzen die Leute fast durch die Bank die Entwicklung.

Das behutsame Erzählen schafft großes Vertrauen, und das wird zu keiner Zeit enttäuscht. Mit seinen Perspektivenwechseln, die nie mit einer trivial erzeugten Spannung kokettieren, baut der Autor in exakt hundert Kapiteln ein rundum gelungenes Kunstwerk auf. So entsteht ein raffinierter Sog, und ich ertappte mich mehrmals dabei, dass ich die nächste Seite schon mal im Voraus überflog. Denn spannend ist der Roman trotz seiner Langsamkeit.

Dieser Roman hier spielt im Sommer 1932, Kutscher erreicht also schon bald die Zeit der Nazidiktatur. Obwohl – bei dieser Vorgehensweise passen ins nun fehlende Halbjahr locker noch zwei Krimis. Charly kommt aus Paris zurück, und Rath ignoriert seine Pflicht zur Bereitschaft und holt sie vom Bahnhof ab. Mit mehrschichtigen Folgen: Sein Fehlen am Tatort kommt nicht gut an, sein gut vorbereiteter, dennoch überhastetes Heiratsantrag ebenfalls nicht.

Der Tatort ist das Haus Vaterland, laut Wikipedia "von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann." Dort gibt es einen Toten im Fahrstuhl, der komischerweise ertrunken zu sein scheint. Es bleibt bei weitem nicht die einzige Leiche in diesem Buch. Dazu kommen organisierte Schnapsbrenner, ein in die Wälder gegangener Ostpreuße, der sich Tokala nennt, was in der Sprache der Lakota "Kleiner Fuchs" bedeutet – und sonst noch so manche Figuren, die Die Akte Vaterland bereichern.

Was schon oft über Kutschers Bücher gesagt wurde, stimmt auch hier: Berlin kann zumindest für deutsche Leser durch das direkte Angehen sogar spannender als Los Angeles oder New York sein. Der Autor bringt es auf seiner Homepage selbst auf den Punkt:

 

Ich mag die amerikanischen Gangstergeschichten aus den 20er und 30er Jahren, Hammett und Chandler beispielsweise. Und das Berlin dieser Zeit ist eine ebenso spannende Kulisse für solche Geschichten wie die amerikanischen Städte – spannender noch, weil in Berlin die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit hinzukommen, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis zum Beispiel und der – leider vergebliche – Kampf der Demokratie gegen die drohende Diktatur. Und in diese Welt schicke ich Kommissar Rath.

 

Nicht nur die Schnitttechnik in diesem Buch ist raffiniert; souverän legt Volker Kutscher bereits im Prolog Fährten, auf die man immer wieder stößt. Und auch sprachlich geht Kutscher sehr clever vor: Es ist zu keiner Zeit eine abgeschmackte, abgestandene Prosa, die so tut, als wäre sie zur erzählten Zeit entstanden. Aber Kutscher benutzt einerseits Wörter, die sich heute nur noch im Vokabular drittklassiger Journalisten und von Autoren hingeworfener Regiokrimis finden: Drahtesel, Katzensprung, Schnapsidee – das würde ich keinem anderen Schriftsteller so einfach durchgehen lassen. Hier passt es. Dazu kommen Wörter, die nahezu vergessen sind oder einfach nicht mehr gebräuchlich: Sommerfrische, Backfisch, großjährig – und: Neger.

Der "Neger" in Die Akte Vaterland ist eine besonders interessante historische Gestalt: Bayume Mohamed Husen arbeitete tatsächlich in der beschriebenen Funktion im Haus Vaterland. Leider lässt sich nicht allzu viel Biographisches über ihn im Internet finden; aber Nachlesen empfehle ich ausdrücklich. Nachschauen lohnt sich auch in anderen Belangen, beispielsweise was die geographischen Gegebenheiten dieser Zeit angeht. Der Roman spielt in Berlin und der Gegend um Treuburg, jenseits des preußischen Korridors: Ein historischer Atlas auf dem Tisch kann beim Lesen nie schaden, dazu der alte Berliner Stadtplan auf dem Bildschirm, zu dem Kutscher unter der genannten Adresse verlinkt – viel Vergnügen.

Ach, das muss noch sein: Der Roman ist nicht zu Ende, wenn die letzte Seite gelesen ist. Die Akte Vaterland ist zwar geschlossen; andere Akten aber warten noch auf Bearbeitung. Ein paar Fährten fürs nächste Buch sind schon gelegt. Das ist kein billiger Trick, um Leser für den nächsten Band zu generieren. Es ist, so könnte man sagen, die rundum gelungene Sopranisierung des deutschen Kriminalromans.

Die Akte Vaterland

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Letzte Kommentare:
09.02.2019 14:57:32
Mabel

Der Ausflug in die Masuren ist eine gute Abwechslung für jemanden wie mich, der alle Geroen-Rath-Teile am Stück durchgelesen hat. Kutscher gibt einen guten Einblick im die Umstände der Zeit, ohne zu klischeehaft zu wirken. Eine unbedingte Leseempfehlung: 90°

15.04.2017 18:05:23
Walter Frowein

Ich habe gerade "Die Akte Haus Vaterland" angefangen zu lesen. Mein Eindruck: Zeitumstände hervorragend recherchiert. Allerdings fährt auf Seite 17 die Mordkommission in einem Maybach vor. Angesichts des Preisniveaus dieser Marke völlig unrealistisch. Bei einer Neuauflage des Buches würde ich ein anderes Fabrikat vorschlagen. Ich kann die politischen Kriminalromane von Volker Kutscher nur wärmstens empfehlen.

19.10.2016 09:43:07
Hanspeter Völlmi

Deutsche scheinen aktuell einfach alles zu lesen, was irgendwie mit dem Dritten Reich zu tun hat.
Manche, wie Cay Rademacher schreiben mit Verantwortungsbewusstsein und eingedenk deutscher Erbschuld gute Bücher. Autor Kutscher springt einfach auf den kommerziellen Zug "3. Reich" auf, indem er seine Geschichtchen in die Jahre 1933- 45 einpflanzt. Das ist nicht nur dumm, sondern auch unverantwortlich: Ein Kommissar, eine Liebesgeschichte, verwirrt mit dem Grenzkonflikt in Masuren, innerpolizeiliche Intrigen, dahinter ein Serienmörder, der ab und zu dann wieder zuschlägt, wenn man schon wieder halb den eigentlichen Krimiplot vor lauter anderen Schauplätzen vergessen hat.

Das alles spielt zudem wie erwähnt 1932, kurz vor der so genannten Machtergreifung. Doch gerade dieser historische Hintergrund ist erschreckend verharmlosend und nebensächlich thematisiert - Kutscher ist immerhin deutscher Historiker! Wen das alles kalt lässt: Spannung komm raus! Aber wann? Bis auf die Stelle, wo der Herr Kommissar im Masurischen Sumpf beinahe erfriert, hatte ich durchgehend Ruhepuls..

18.09.2016 18:05:14
R.Schewietzek

Ich habe die Bücher gelesen und kann sie nur jedem empfehlen. Neben einer spannenden Krimihandlung wird ein Zeit- und Sittengemälde der damaligen Zeit geliefert, was mindestens ebenso fesselnd ist wie die Suche nach dem Verbrecher.
Schon allein deshalb sind die Bücher fesselnd - man kann sich Berlin in der Weimarer Republik mit seinen Höhepunkten, aber auch den Abgründen vor Augen führen.

30.09.2014 10:32:06
Frank Jander

Auch ich habe als "Quereinsteiger" mit dem vierten Fall des Gereon Rath begonnen - und mir dann die ersten drei Bände zusammen gekauft. Gerade als Berliner, Jahrgang 1963 und damit praktisch mit dem Autor gleichaltrig, bin ich begeistert über die Zeitreise in die jüngere und doch sehr fernliegende Geschichte meiner Heimatstadt. Beinahe noch interessanter war für mich der in Ostpreußen angesiedelte Teil der Geschichte. Ob es nur purer Zufall war, dass ich meinen diesjährigen Sommerurlaub ebendort verbracht habe? Wobei der Besuch in Olecko (Treuburg) dann doch eher enttäuschend war, obgleich die eine oder andere im Roman geschilderte Stätte dort tatsächlich noch existiert.
Meinem Empfinden nach ist es dem Autor hervorragend gelungen, eine spannende, aber fiktive Kriminalgeschichte in eine historisch perfekt recherchierte reale Umgebung einzubauen. Gerade diese Kombination macht die Gereon-Rath-Serie so besonders lesenswert und man darf sich auf den nächsten Titel schon jetzt freuen.

23.07.2014 23:21:39
DaBaer

Ein tolles und lesenswertes Buch. Einzig das ich den Aufbau der Figuren von hinten aufgezäumt habe, denn es ist mein erstes Buch aus dieser Reihe. Aber ich bin ja selbst Schuld! Es steht groß und breit auf dem Umschlag "Gereon Raths vierter Fall" Wer lesen kann. Werde mir auf jeden Fall die drei Vorgänger auch noch zulegen, und dann fange ich mit dem ersten Fall an.

29.04.2014 09:54:25
OmaInge

Mein erstes Buch von Volker Kutscher und es war dann so gut, dass ich mir das Nächste gleich im Anschluss gekauft habe.

Ein spannender Krimi mit mehreren Handlungssträngen.Wie der Prolog in's Bild passt, das wird erst später Stück für Stück erkennbar.

Die politische Situation in dieser Zeit wird geschickt mit eingebunden.

Meine Bewertung: 92 Grad

02.11.2013 11:33:52
Annette Traks

Dieser Krimi spielt im Sommer des Jahres 1932 vor dem Hintergrund der historisch belegten politischen Ereignisse: Ein Jahr
vor Hitlers Machtergreifung steht die Weimarer Republik vor ihrem Ende, Nazis und Kommunisten liefern sich heftige Straßenschlachten und Reichskanzler von Papen putscht die demokratische preußische Regierung incl. Berliner Polizeispitze aus dem Amt.
Im Prolog erfährt der Leser zunächst von dem Mord an einer jungen Frau, der bereits 1920 stattgefunden hat. Der Epilog aus dem Jahr 1945 greift dieses Geschehen noch einmal auf. Schauplätze des 3-teiligen Hauptteils sind Berlin, Masuren und Preußen. Die Handlung beginnt im „Haus Vaterland“, einem zu damaliger Zeit weltbekannten, riesigen Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin unter Leitung der Firma Kempinski. Hier wird der Chef einer Spirituosen-Handlung während einer Lieferung ermordet – man findet seine Leiche im Lastenaufzug. Kurioserweise sprechen alle Anzeichen dafür, dass er dort ertrunken ist. Zusätzlich weist sein Körper eine Einstichstelle auf, und die pathologische Untersuchung ergibt, dass das Opfer zunächst mit dem indianischen Pfeilgift Tubocurarin außer Gefecht gesetzt wurde. Da es mehrere auf die gleiche seltsame Weise ermordete Tote gibt, suchen die Ermittler – unter ihnen Kommissar Gereon Rath und seine Verlobte, Kommissar-Anwärterin Charlotte „Charly“ Ritter – nach einem Serientäter. Dabei geht es nicht nur um die Frage, warum und von wem die betreffenden Personen ermordet wurden, sondern auch darum, weshalb der Täter diese sehr spezielle Methode wählte.
Während Charly undercover als Küchenhilfe im „Haus Vaterland“ versucht, an Informationen zu gelangen, begibt sich Rath zwecks Nachforschungen nach Masuren. Dort stößt er jedoch auf zahlreiche Widerstände und gerät in Lebensgefahr, als er vertuschten Verbrechen, Machenschaften und bislang gut gehüteten Geheimnissen auf die Spur kommt.
Der Beziehung zwischen dem eigensinnigen Gereon Rath und der emanzipierten Charly Ritter tut dieser Fall nicht unbedingt gut. Sie versuchen zwar, ihren jeweiligen dienstlichen Belangen und privaten Interessen gerecht zu werden, was jedoch oft nur mehr schlecht als recht gelingt.

Resümee:
Der historische Hintergrund des Sommers 1932 bildet die Kulisse der fiktiven Handlung; anerkennenswert ist dabei die große politische Fakten- und Detailkenntnis des Autors. Gefreut habe ich mich auch, dass er Schreib- und Redestil sowie Wortwahl der damaligen Zeit angeglichen hat. Ermittelt wird natürlich ohne die heute üblichen Möglichkeiten und technischen Mittel, dafür tauchen etliche „alte“ Accessoires auf: Zigaretten der Marken „Overstolz“ und „Juno“; die „Sinalco“-Limonade; Stenotypistinnen mit ihren ständig klappernden Schreibmaschinen; Polizisten, die an belebten Kreuzungen von einem Verkehrsturm aus den Verkehr regeln usw.
Das alles macht die Handlung authentisch.
Schade, dass sie so viele (Über-) Längen enthält, an denen das Geschehen nicht voran- und die Spannung abhanden kommt. Das gilt nicht nur, aber ganz besonders für die Stellen, an denen Gereon Rath allabendlich „versackt“ und für jene, an denen man sich schwer beherrschen muss, um nicht mitzuzählen, wie viele „Overstolz“ er sich auf einer Seite anzündet. Das avancierte mit zunehmender Lesedauer zum Nervfaktor, vor allem, wenn Charly sich parallel dazu eine „Juno“ ansteckt!
Und für meinen Geschmack bezeichnet seine Verlobte ihn ein paarmal zu oft als „Scheißkerl“ - leicht variiert durch „Mistkerl“ - es muss ja nicht zig-mal auf einer Seite erwähnt werden.
Für mich war dies der erste Roman der Serie um Gereon Rath, und ich bin mir nicht sicher, ob ich weitere folgen lassen werde.

15.03.2013 20:35:40
wendelin

*Mord verjährt nicht*

Eine Reihe seltsamer Morde, bei der die Opfer scheinbar auf dem Trockenen ertrinken, erschüttert Berlin.
Gerade frisch verlobt muss Kommissar Gereon Rath einer Spur nach Masuren folgen und stößt dort, trotz einer Mauer aus Stillschweigen, auf ein altes Verbrechen …
Seine Verlobte, Kommissaranwärterin Charly Ritter ermittelt derweil undercover als Küchenhilfe im Haus Vaterland in Berlin und muss feststellen, wie schwer es 1932 für eine Frau im Polizeidienst ist.

Die Story ist nicht atemberaubend spannend. Relativ schnell durchschaut man, auch dank des Prologes, wie die Geschichten zusammenhängen. Anschaulich wird die schwierige Ermittlungsarbeit beschrieben und lebendig wirken die Charaktere. Besonders besticht der Roman durch seine dichte Atmosphäre und die hautnahe Schilderung der politischen Geschehnisse in einer brisanten Zeit der deutschen Geschichte.


Fazit: Ein lesenswerter Kriminalroman mit Tiefgang.

16.01.2013 14:21:12
Joachim Mangold

Die Akte Vaterland - Titel eines spannenden Krimis und gleichzeitig ein spanndes Bild wie die Weimarer Republik immer mehr zu den Akten gelegt wird. Dreistigkeit wird nicht begegnet sondern ignoriert und verdrängt. Die Faust bleibt in der Tasche, die eigentlich ins Gesicht gehört.
Nach vier langen Lesenächten kann ich eigentlich gar nicht abwarten, wie es mit den dem Kommisar Rath weitergeht.
Für mich auch interessant, dass Kutscher zeigt, dass eben icht alle Nazis waren oder auf dem Weg dorthin. Nett natürlich die Entwicklungen von Rath und seinem Umfeld mit erleben zu können.

Meine Empfehlung unbedingt alle 4 Bücher lesen. Auch wenn die Fälle 2 und 3 nicht gar so spannend sind.

24.10.2012 17:25:31
andkra67

Immer besser wird die Krimi-Reihe um den eigenwilligen Kommissar Gereon Rath, der sich in der in den letzten Zügen liegenden Weimarer Republik mit der Lösung komplexer Krimalfälle beschäftigt. Die Charakterzeichnungen der Reihe werden immer intensiver, damit vielschichtiger und differenzierter. Dies kommt dem komplexen Stil von Kutscher entgegen und bietet diesem die Möglichkeit mit den Charakteren und deren Eigenheiten zu spielen und damit auch die anspruchsvolle Fallgestaltung nach vorne zu treiben. Das Rath diesmal auf Reisen geht und in Berlin parallel ermittelt wird, macht die Story abwechslungs-und wendungsreich, auch weil die Protagonisten dieses Falles realistisch geschildert sind. Im Hintergrund der Reihe baut Kutscher immer wieder geschickt die politischen Entwicklungen der Endphase der Weimarer Republik ein. Das macht Spaß und Freude auf den nächsten Band.

25.09.2012 20:07:17
Elmar Dubber

Von seinem ersten Roman war ich schon begeistert, nun lese ich gerade die "Akte Vaterland".
Die geschichtliche Einbindung ist in diesem Band noch besser gelungen.
Ein tolles Buch, eine spannender Krimi, wie die anderen Bände geschichtsträchtig verpackt. Ich kann diesen Roman uneingeschränkt empfehlen!

19.09.2012 11:54:56
Bettina Schnerr

Gereon Rath legt einen ungünstigen Start hin: Statt seinen Bereitschaftsdienst ernst zu nehmen, holt er lieber seine Freundin Charly vom Bahnhof ab. Sein Mitarbeiter Gräf übernimmt also übellaunig und alleine die ersten Untersuchungen an einer Leiche, die im Vergnügungstempel "Haus Vaterland" gefunden wurde. Ein Todesfall mit Rätseln, denn wie kann man bloß in einem Fahrstuhl ertrinken? Erst ein zweiter Todesfall bringt langsam aber sicher Licht ins Dunkel und leuchtet geradewegs Richtung Masuren. Dort muss es einen Grund für die Morde geben, denn die gemeinsame Herkunft der Opfer ist das einzige Verbindungsstück, dass die Polizei finden kann.

Um einen Kutscher-Krimi genießen zu können, muss man sich ein wenig Zeit lassen. Das war bei den drei vorangegangenen Bänden schon so und auch beim vierten bleibt sich Volker Kutscher treu: Er baut mehrere Handlungsstränge sauber auf, gewährt Einblick in das Leben und Arbeiten in den 1930er Jahren und daher dauert es immer ein paar Kapitel, bis man in der Geschichte drin ist. Bis man ahnt, wo es Zusammenhänge geben könnte und wo nicht. Bis die Geschichte Gas gibt und man an der Stelle angelangt ist, ab der man nicht mehr aufhören kann zu lesen. Es gibt nicht nur Ertrinkende auf dem Trockenen. Es gibt einen Scharfschützen, der schon seit geraumer Zeit Peronen unter Beschuss nimmt. Es gibt Charly, die wieder in der Burg zu arbeiten beginnt und wegen Personalmangel ausgerechnet in der Mordkommission aushelfen wird. Es gibt Machos, die Charly das Leben schwer machen und politische Umwälzungen, die die Polizisten verunsichern.

Alles in allem verpackt das Buch ein sehr breites Spektrum an zeitgenössischem Leben, das neben der eigentlichen Krimihandlung abläuft. Wie vielschichtig alleine bereits der Buchtitel ist, begreift man schon nach wenigen Seiten. Nationalismus ist im Buch nicht nur eine politische Strömung, die aus historischen Gründen eben dabei sein muss, Kutscher bringt uns auch nahe, welche Hintergründe es gibt, wie das Wirkprinzip funktioniert und warum Menschen unterschiedlich empfänglich sind.

Gerade die Komposition über mehrere Ebenen macht das Besondere an den Büchern um Gereon Rath aus. Dessen Ermittlungen werden zu einem der lebendigsten Geschichtsbücher, die über die 1930er Jahre erschienen sind. Das Urteil der SZ, das vor einigen Bänden bereits geschrieben wurde, wird immer deutlicher: "Kutschers Projekt, den Untergang der Weimarer Republik im Medium des Kriminalromans darzustellen, ist ganz und gar schlüssig." Und das auf einem Niveau, das seit vier Bänden unverändert hoch ist.

17.09.2012 21:44:14
PMelittaM

Im bekannten Vergnügungspalast „Haus Vaterland“ wird ein Toter im Aufzug gefunden, nach der ersten Diagnose des Polizeiarztes ist er ertrunken. Die Ermittlungen lassen darauf schließen, dass der Tote nicht der Erste war, der unter diesen merkwürdigen Umständen gestorben ist. Gereon Raths vierter Fall führt den Kommissar bis nach Masuren, wo er tief in die Mentalität der Bewohner eintauchen muss und schließlich in Lebensgefahr gerät. Auch in seinem Privatleben tut sich einiges, seine Freundin Charlie kommt aus Paris zurück und reagiert zunächst sehr zurückhaltend auf seinen Heiratsantrag.

„Akte Vaterland“ ist ein komplexer, vielschichter Kriminalroman. Ich benötigte etwas Zeit, um mich einzulesen, was daran liegen mag, dass es mein erster Roman um Gereon Rath war und ich mich erst in Handlung und Personen hineinfinden musste, doch irgendwann hatte mich das Buch gepackt und es entwickelte sich zu einem echten Pageturner, den ich kaum noch aus der Hand legen mochte.

Was mir besonders gefiel, war die Einbindung der Geschichte in die historischen Gegebenheiten der damaligen Zeit, das ist Volker Kutscher auch sehr gut gelungen und neben der spannenden Lektüre konnte ich sogar noch etwas lernen. Daneben bringt uns Volker Kutscher auch sehr interessante Charaktere nahe, allen voran Gereon Rath, der sich nicht immer unterordnen möchte, seinen eigenen Kopf hat und dadurch auch schon mal in große Probleme gerät, und Charlie Ritter, eine selbstbewusste junge Frau, die einen für die damalige Zeit eher ungewöhnlichen Beruf ergreift, sie wird Kommissaranwärterin.

Der Roman hat mir sehr gut gefallen, die anderen Romane Kutschers werde ich bestimmt noch lesen und bin schon gespannt, wie es mit Gereon und Charlie weitergeht, gerade, wo auch große politische Veränderungen anstehen.

11.09.2012 00:31:02
WUHMR

Nun also habe ich die "Akte Vaterland" beiseite gelegt. Welch zweideutiger Titel - wenn man bedenkt, wieviel "Vaterland" und Nationalstolz in dem Buch thematisiert werden.
Gut - dass ich diesmal für die gebundene Ausgabe das Doppelte zahlen musste, war zunächst ein kleiner Schock. Aber auf der anderen Seite wollte ich das Buch lesen, da ich auch die anderen Gereon-Rath-Krimis mit Lust und Spannung gelesen habe.
Ein Mord führt Rath und den Leser nach Masuren. Schließlich gelingt es Rath, die wahren Zusammenhänge zu erkennen. Gleichzeitig gelingt es Volker Kutscher auch, den LEser auf falsche Fährten zu locken. MEhr soll aber nicht erzählt werden, was den Inhalt betrifft. Das, was Kutschers Krimireihe aber vor allem ausmacht, das ist die Fähigkeit des Autors, Bilder vor den Augen des Lesers zu entwerfen. So kann man sich das kleinbürgerliche Milieu in Masuren vorstellen, der übertriebene Nationalismus sowohl auf deutscher wie auch auf polnischer Seite, die Ablehnung, die der Städter Rath auf dem Land erfährt usw. Und das ist es, was m.E. die Stärke auch dieses Romans ist: mit schockierender Deutlichkeit führt der studierte Historiker das Ende der Weimarer Republik hin zur Machtergreifung Hitlers vor. Das ist das eigentliche Schreckliche: die dumpfen SA-Leute, ein angesehener Bürger Treuburgs, der aus seinem Nationalismus keinen Hehl macht und im Ort auch keinen Widerspruch erfährt. Die Gleichgültigkeit, mit der die Verantwortlichen in der "Burg" den Putsch von Papens und die Verhaftung des Polizeipräsidenten kommentieren ("Wir haben uns nicht um Politik zu kümmern, sondern unsere Arbeit zu tun - und außerdem, vielleicht sind die Neuen gar nicht so schlecht!" Anm. des Rezensenten). Wie mag Kutscher den nächsten Roman konzipieren?
"Die Akte Vaterland" war als Lektüre im Urlaub leider viel zu kurz. Kutscher ist ein Beobachter, er erzählt nie zu schnell, aber bleibt bei einem bestimmten Tempo (das zeigen die meist längeren Kapitel). So wird es nie langweilig, wozu auch beiträgt, dass Kutscher zwischen den Ereignissen in Masuren und denen in Berlin pendelt und dadurch Spannung aufbaut. Ich finde, es handelt sich um eine große Reihe, ein tolles Buch, welches einen Krimi geschichtsträchtig verpackt. Ich empfehle diesen Roman uneingeschränkt.