Die Akte Vaterland

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2012, Übersetzt: David Nathan

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Matthias Kühn
Moonshiner & Indianer in Berlin & Masuren

Buch-Rezension von Matthias Kühn Mai 2012

Ich kam durch einen Kollegen, mit dem ich gelegentlich nach Feierabend Laufen ging, auf Volker Kutscher. Der war kein sehr großer Leser, aber er hatte den Anspruch, nur erstklassige, ernsthafte Sachen zu lesen: "Wenn ich mich unterhalten lassen will, gehe ich ins Kino." Als er von einem guten Freund einen Krimi geschenkt bekam, und dann noch einen deutschen, wunderte er sich: Kennt der mich doch nicht so gut?

Und dann erzählte er mir beim Joggen von diesem unglaublich guten Krimi, der zwar vordergründig tatsächlich ein Krimi sei, sich aber lese wie ein vergessener Roman aus den Zwanzigern, der einfach nur zu modern ist. Dieser Volker Kutscher, sagte er sinngemäß, schafft es, ein Zeitgemälde hinzupinseln, das so dicht und klar ist wie bei Döblin. Mit dem Unterschied eben: Volker Kutscher ist Jahrgang 1962.

Natürlich war die Skepsis meines Kollegen alles andere als unbegründet: Gerade deutschsprachige Krimis sind meistens ähnlich empfehlenswert wie französisches Bier. Er überwand seine Skepsis – und machte mich zum Kutscher-Leser.

Volker Kutscher ist sicher nicht die einzige Ausnahme im zeitgenössischen deutschen Krimi, aber er ist ein ganz besonderer Autor – und das beweist er mit dem vierten Fall um Gereon Rath sehr beindruckend: Die Akte Vaterland ist wieder ein akribisch ausgearbeitetes Mammutwerk mit zum guten Teil altbekannten Figuren aus Kriminalsekretären, Kommissaranwärtern und anderen Gestalten rund um die Burg – wie das Polizeipräsidium am Alexanderplatz genannt wird. Da sind wieder die liebgewonnenen gefürchteten Unterweltfiguren; und da ist die Berliner Polizeilegende Ernst Gennat, der "Buddha", der in der Metropole moderne Ermittlungsmethoden hat und Edgar Wallace und Charlie Chaplin beraten hat. Das berichtet Volker Kutscher auf der Website gereonrath.de, auf der ganz nebenbei auch zeitgenössische Fotos zu sehen sind. Um Ernst Gennat hat übrigens auch Regina Stürickow ihren Roman Habgier gewickelt.

Die Story möchte ich nur anreißen, denn Kutscher erzählt langsam und ausführlich und kommt mit der vielschichtigen Handlung entsprechend behutsam in die Gänge. Volker Kutscher lesen heißt: sich Zeit nehmen und sich wirklich entführen lassen in eine untergegangene Welt – die von ihrem Untergang noch nichts ahnt. Hier und da tauchen Nazis auf, die im Laufe des Buches immer mächtiger werden und uns zeigen, dass es dem Ende einer Epoche entgegengeht. Uns – nicht den Figuren, ob erfunden oder historisch; denn natürlich unterschätzen die Leute fast durch die Bank die Entwicklung.

Das behutsame Erzählen schafft großes Vertrauen, und das wird zu keiner Zeit enttäuscht. Mit seinen Perspektivenwechseln, die nie mit einer trivial erzeugten Spannung kokettieren, baut der Autor in exakt hundert Kapiteln ein rundum gelungenes Kunstwerk auf. So entsteht ein raffinierter Sog, und ich ertappte mich mehrmals dabei, dass ich die nächste Seite schon mal im Voraus überflog. Denn spannend ist der Roman trotz seiner Langsamkeit.

Dieser Roman hier spielt im Sommer 1932, Kutscher erreicht also schon bald die Zeit der Nazidiktatur. Obwohl – bei dieser Vorgehensweise passen ins nun fehlende Halbjahr locker noch zwei Krimis. Charly kommt aus Paris zurück, und Rath ignoriert seine Pflicht zur Bereitschaft und holt sie vom Bahnhof ab. Mit mehrschichtigen Folgen: Sein Fehlen am Tatort kommt nicht gut an, sein gut vorbereiteter, dennoch überhastetes Heiratsantrag ebenfalls nicht.

Der Tatort ist das Haus Vaterland, laut Wikipedia "von 1928 bis 1943 ein großer Gaststättenbetrieb und Vergnügungspalast am Potsdamer Platz in Berlin mit rund einer Million Besuchern im Jahr, der als Vorläufer der heutigen Erlebnisgastronomie angesehen werden kann." Dort gibt es einen Toten im Fahrstuhl, der komischerweise ertrunken zu sein scheint. Es bleibt bei weitem nicht die einzige Leiche in diesem Buch. Dazu kommen organisierte Schnapsbrenner, ein in die Wälder gegangener Ostpreuße, der sich Tokala nennt, was in der Sprache der Lakota "Kleiner Fuchs" bedeutet – und sonst noch so manche Figuren, die Die Akte Vaterland bereichern.

Was schon oft über Kutschers Bücher gesagt wurde, stimmt auch hier: Berlin kann zumindest für deutsche Leser durch das direkte Angehen sogar spannender als Los Angeles oder New York sein. Der Autor bringt es auf seiner Homepage selbst auf den Punkt:

 

Ich mag die amerikanischen Gangstergeschichten aus den 20er und 30er Jahren, Hammett und Chandler beispielsweise. Und das Berlin dieser Zeit ist eine ebenso spannende Kulisse für solche Geschichten wie die amerikanischen Städte – spannender noch, weil in Berlin die gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit hinzukommen, Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nazis zum Beispiel und der – leider vergebliche – Kampf der Demokratie gegen die drohende Diktatur. Und in diese Welt schicke ich Kommissar Rath.

 

Nicht nur die Schnitttechnik in diesem Buch ist raffiniert; souverän legt Volker Kutscher bereits im Prolog Fährten, auf die man immer wieder stößt. Und auch sprachlich geht Kutscher sehr clever vor: Es ist zu keiner Zeit eine abgeschmackte, abgestandene Prosa, die so tut, als wäre sie zur erzählten Zeit entstanden. Aber Kutscher benutzt einerseits Wörter, die sich heute nur noch im Vokabular drittklassiger Journalisten und von Autoren hingeworfener Regiokrimis finden: Drahtesel, Katzensprung, Schnapsidee – das würde ich keinem anderen Schriftsteller so einfach durchgehen lassen. Hier passt es. Dazu kommen Wörter, die nahezu vergessen sind oder einfach nicht mehr gebräuchlich: Sommerfrische, Backfisch, großjährig – und: Neger.

Der "Neger" in Die Akte Vaterland ist eine besonders interessante historische Gestalt: Bayume Mohamed Husen arbeitete tatsächlich in der beschriebenen Funktion im Haus Vaterland. Leider lässt sich nicht allzu viel Biographisches über ihn im Internet finden; aber Nachlesen empfehle ich ausdrücklich. Nachschauen lohnt sich auch in anderen Belangen, beispielsweise was die geographischen Gegebenheiten dieser Zeit angeht. Der Roman spielt in Berlin und der Gegend um Treuburg, jenseits des preußischen Korridors: Ein historischer Atlas auf dem Tisch kann beim Lesen nie schaden, dazu der alte Berliner Stadtplan auf dem Bildschirm, zu dem Kutscher unter der genannten Adresse verlinkt – viel Vergnügen.

Ach, das muss noch sein: Der Roman ist nicht zu Ende, wenn die letzte Seite gelesen ist. Die Akte Vaterland ist zwar geschlossen; andere Akten aber warten noch auf Bearbeitung. Ein paar Fährten fürs nächste Buch sind schon gelegt. Das ist kein billiger Trick, um Leser für den nächsten Band zu generieren. Es ist, so könnte man sagen, die rundum gelungene Sopranisierung des deutschen Kriminalromans.

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