Der nasse Fisch

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Groth, Sylvester
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008, Seiten: 528, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Großartiger Kriminalroman, der den Leser in das Jahr 1929 entführt

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2007

Die ständige Diskussion, warum deutsche Krimiautoren im internationalen Vergleich zumeist schlecht abschneiden, dürfte durch Volker Kutschers Buch Der nasse Fisch neue Nahrung gewinnen. Einmal mehr überzeugt ein einheimischer Autor auf ganzer Linie und dies trotz eines Titels, hinter dem man nicht unbedingt einen Krimi erwarten würde.

Schwere Unruhen, verursacht von den Kommunisten, die den 1. Mai für ihre Zwecke ausnutzen wollen und einer Polizei, der die Situation zunehmend entgleitet, erschüttern Berlin und Gereon Rath, neuer Kommissar bei der Inspektion E, steckt mittendrin. In Köln erschoss der ehrgeizige Polizist im Dienst ausgerechnet den Sohn eines einflussreichen Zeitungsherausgebers und wurde nach einer medialen Hetzkampagne durch die Beziehungen seines Vaters nach Berlin versetzt. Da in der dortigen Mordkommission kein Platz frei ist, muss er nun für die Sitte arbeiten und dabei helfen, einen Pornoring auszuheben. Als zur selben Zeit im Landwehrkanal die Leiche eines schwer misshandelten Mannes gefunden wird, sieht Rath seine Chance. Er will den Fall auf eigene Faust lösen um so in die Inspektion A, die Mordkommission, zu gelangen.

Seine Recherchen führen ihn ins Berliner Nachtleben, wo er schon bald einigen einflussreichen Leuten sowie einem der mächtigen Ringvereine auf die Füße tritt. Er wird beschattet und als er seinen Verfolger zur Rede stellen will, löst sich bei einem Handgemenge ein Schuss aus Raths Waffe worauf der Mann stirbt. Erinnerungen an den Kölner Vorfall werden wach. Rath versucht zwar noch, die Leiche unauffällig verschwinden zu lassen, doch diese wird wenig später gefunden. Aufgrund eines starken Personalmangels wird Rath in die Mordkommission versetzt und soll dort den von ihm selbst verursachten Todesfall auflösen...

Kriminalroman und Bestandsaufnahme einer hochinteressanten Zeit

In seinem Buch Der nasse Fisch spannt Volker Kutscher einen großen Bogen. Die Geschichte spielt zwischen dem 28. April und dem 21. Juni des Jahres 1929 und wird recht minutiös vorgetragen. Der Tote aus dem Landwehrkanal kommt aus Russland und war offenbar als Kurier tätig. Dabei hatte er mit zwei anderen Russen Kontakt, die seitdem untergetaucht sind. Offenbar versuchten diese, eine Goldmenge im Wert von 80 Millionen Mark nach Deutschland zu schaffen, um damit zum Kampf gegen Stalin zu rüsten. Währenddessen halten die Kommunisten mit ihren Straßenunruhen vor allem die Politische Polizei auf Trab und bei der Kriminalpolizei häufen sich die Leichen. Ehemalige Stahlhelmer aus dem 1. Weltkrieg mischen in der Geschichte ebenso mit wie Mitglieder der aufstrebenden SA und das halbe Verbrechermilieu Berlins ist selbstredend auch mit von der Partie. Ein gefundenes Fressen für die nicht unzimperliche Presse, die es auf den Polizeipräsidenten abgesehen hat.

Die Hauptfigur des Gereon Rath ist hervorragend gezeichnet, wenngleich der Einzelkämpfer mit seinem zumeist recht eigensinnigen, egoistischen Verhalten nicht alle Lesern/innen sympathisch sein wird. Ein charakterstarker Ermittler, der aus dem üblichen Rahmen fällt, ist Rath aber allemal und allein von daher von Interesse. Dass Rath, der zu Unrecht den Ruf genießt, dem Polizeipräsidenten in den Allerwertesten zu kriechen, mit einigen Kollegen aneinander gerät ist verständlich. Hier findet sich allerdings eine der ganz wenigen kleinen Schwächen der Geschichte. Dieser Aspekt hätte konsequenter ausgeführt werden müssen, denn hier wird zu oberflächlich, lediglich andeutungsweise erzählt. Was soll es, wird man nach Ende der Lektüre sagen, denn der Gesamteindruck dieses eher ruhig vorgetragenen Buches ist absolut überzeugend.

Zu dem überaus positiven Gesamteindruck trägt sehr stark bei, dass es Volker Kutscher ausgezeichnet gelungen ist, die Atmosphäre der damaligen Zeit einzufangen. So erhält man neben einer spannend erzählten, lupenreinen Kriminalgeschichte bei der sogar das Finale stimmig ist auch noch einen ordentlichen Schuss Geschichtsunterricht vermittelt.

An dieser Stelle würde ich gerne auf die Geschichte noch näher eingehen, denn der Inhalt oben ist - zugegebenermaßen - doch sehr stark gekürzt wiedergegeben, allerdings würde ich hierbei Gefahr laufen, vor Begeisterung zu viel zu verraten und das wäre sehr schade. Für Leser/innen, denen viele Namen und der dosiert  eingebaute Berliner Dialekt keine Probleme bereiten, sollten sich dieses knapp 500 Seiten starke Werk nicht entgehen lassen. Hält Volker Kutscher dieses Niveau, steht ihm eine rosige Zukunft bevor.

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