Märzgefallene

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2014, Übersetzt: David Nathan , Bemerkung: gekürzte Ausgabe
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016, Seiten: 608, Originalsprache

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Brigitte Grahl
Die Nazis betreten die Hauptbühne

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Sep 2014

In Märzgefallene, dem fünften Band der Rath-Reihe, befindet sich der Leser im Berlin von 1933. Während Kommissar Gereon Rath in einer Mordserie ermittelt, deren Motive bis in den ersten Weltkrieg zurückreichen, findet in Deutschland eine bedeutende politische Umwälzung statt. Der Reichstagsbrand ist der Auftakt zu einer organisierten Kommunistenverfolgung, die SA terrorisiert immer offener Juden und politische Gegner und die NSDAP wird bei der Reichstagswahl im März zur stärksten Partei. Wer Karriere machen will, tritt noch schnell in die NSDAP ein. Die Nazis der ersten Stunde nennen diese Opportunisten spöttisch Märzgefallene.

Märzgefallene heißt auch der Roman, den der zwielichtige Freiherr von Roddeck veröffentlichen will. In seinem Manuskript schildert er ein Verbrechen aus dem ersten Weltkrieg und fürchtet deswegen um sein Leben. Auch wenn Kommissar Rath dem aalglatten Freiherrn nicht über den Weg traut – es finden sich Verbindungen zu dem Mordfall, den Rath gerade bearbeitet: Ein obdachloser Kriegsveteran wurde erstochen, seine minderjährige Tochter ist verschwunden. Mit Hilfe seiner zukünftigen Braut Charlie gelingt es Rath, den Fall zu lösen. Dabei bewegt er sich, wie üblich, nicht nur auf legalen Wegen. Erschwert werden seine Ermittlungen zudem durch die politische Lage, die sich auch auf die Polizeiarbeit auswirkt.

Während die Nationalsozialisten in Kutschers ersten Bänden nur eine von vielen radikalen Splitterparteien der Weimarer Republik waren und immer mal wieder als Randfiguren auftauchten, sind sie in Märzgefallene überall deutlich präsent. Das kann selbst der unpolitische Gereon Rath nicht ignorieren. Zu offensichtlich sind die Veränderungen. Durch die Gesellschaft zieht sich auf einmal ein Riss: Familienangehörige, Freunde und Kollegen bekennen sich plötzlich offen zum Nationalsozialismus – oft zur Überraschung ihrer Nächsten.

Auch der Polizeiapparat wird umgebaut: Raths jüdischer Vorgesetzter wird durch einen Nazi ersetzt. Nach dem Reichstagsbrand muss die Kripo der Politischen Polizei bei der Kommunistenhatz Amtshilfe leisten. Rath sieht mit eigenen Augen, was die SA mit ihren Gefangenen in ihren Folterkellern macht. Trotzdem glaubt er, wie viele seiner Zeitgenossen, dass er sich aus der Politik heraushalten kann, und dass die Nazis nur ein vorübergehendes Phänomen sind.

Eindringlicher und unterhaltsamer als jedes Geschichtsbuch führen Kutschers Krimis vor Augen, wie politische Ignoranz, intellektuelle Arroganz, materielle Not, Demagogie und Terror als schleichender Prozess die Demokratie zersetzen. Mit seinen historischen Krimis hält Kutscher der Gegenwart einen Spiegel vor. An seinen Figuren spielt er die Positionen durch, die Menschen in einer solchen Situation einnehmen. Rath steht für die unpolitische Masse, die glaubt, dass Politik nichts mit ihnen persönlich zu tun hat, die keine Stellung beziehen will und meint, neutral bleiben zu können:

 

"Mein Gott, Charly! Du kannst doch nicht den ganzen Tag Trübsal blasen, nur weil jetzt die Nazis regieren. Das ist doch nur Politik! Das Leben geht weiter."

 

Charly ist die politisch Bewusste, die wachsam und kritisch auf die Geschehnisse um sie herum blickt und Weitsicht beweist:

 

"Das hört sich an, als hättest du die Demokratie schon längst aufgegeben. (...) Schlimmer noch: Es hört sich an, als sei dir die Demokratie scheißegal."

 

Dann gibt es noch die Opportunisten, die Politikverdrossenen, die begeisterten Anhänger, die leichtgläubigen Mitläufer und die Opfer und Gegner, die um Leib und Leben fürchten müssen. Mit dem heutigen Wissen lässt sich rückschauend leicht der Stab über die Figuren brechen und die moralisch richtige Seite von Charly wählen. Unweigerlich wird der Leser aber auch gezwungen, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen und sich zu fragen: verhalte ich mich selbst eher wie Rath oder wie Charly?

Solche Fragen sind ganz im Sinne des Autors. Volker Kutscher hat Germanistik und Geschichte studiert und mit seinen Krimis die ideale Verbindung beider Bereiche gefunden. Die genau recherchierten Details vermitteln ein lebendiges Bild der Zeit und der Schauplätze. Dazu kommen ein komplexer und spannender Kriminalfall und ein zwiespältiger Protagonist, dessen Entwicklung man mit Interesse verfolgt. Wie werden die Hauptfiguren mit der politisch eskalierenden Lage umgehen? Wie entwickeln sie sich persönlich weiter und hält das ihre ohnehin schwierige Beziehung aus? Fliegen ihre kriminellen Verstrickungen irgendwann auf? Fragen, die den Leser, kaum ist der aktuelle Band ausgelesen, schon dem nächsten Krimi von Volker Kutscher entgegenfiebern lassen.

Dass diesmal in das Finale ein bisschen viel Hollywood Filmfeeling eingeflossen ist, mag manche Leser stören, aber Kutscher weist in Interviews immer wieder darauf hin, dass seine Krimis nicht zu 100 Prozent historisch sind, sondern er sich literarische Freiheiten nimmt. So findet sich in Märzgefallene eine äußerst grausame Foltermethode, die er in einem Artikel über Hooligans gefunden hat. Und der Showdown erinnert an ein bisschen an den "Dritten Mann" – aber die Atmosphäre ist stimmig.

Während die Leser sich noch auf drei angekündigten nächsten Rath-Krimis freuen können, ist die Verfilmung der ersten Fälle in Planung. Unter dem Arbeitstitel "Babylon Berlin" soll Tom Tykwer, ausgestattet mit einem großen Budget, die Kutscher-Krimis für das Fernsehen verfilmen. Das wird dem Autoren, der so geschickt Geschichte und Literatur, Reales und Fiktives miteinander verflicht, sicher noch sehr viel mehr Fans bescheren.

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