Jack Taylor fliegt raus

  • Atrium
  • Erschienen: Januar 2009
  • Dingle: Brandon, 2001, Titel: 'The Guards', Seiten: 303, Originalsprache
  • Zürich: Atrium, 2009, Seiten: 302, Übersetzt: Harry Rowohlt
  • München: dtv, 2012, Seiten: 304
Jack Taylor fliegt raus
Jack Taylor fliegt raus
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Lars Schafft
78°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2009

Manno!

Es gibt Typen, mit denen kann man eigentlich nur Mitleid haben. Jack Taylor ist einer davon. Eigentlich ist er Polizist, der sich gerne mit Verkehrssündern anlegt, "bewaffnet" mit einer Thermoskanne voller Brandy. Das soll ihm zum Verhängnis werden, als er einen schwarzen Mercedes anhält und kurzen Prozess macht. Blöd nur, dass er dabei einem hohen Beamten handgreiflich gegenüber wird. Keine Frage: Taylor fliegt aus dem Dienst, in hohem Bogen, und wird Privatdetektiv, der sich ein Büro im einzigen Pub Galways einrichtet, aus dem er noch nicht herausgeflogen ist.

Zwischen Suff und Joints bekommt er dennoch bald den ersten Auftrag: Eine Mutter will nicht daran glauben, dass ihre Tochter Selbstmord begangen hat.  Jack Taylor, so stark am Glas wie als Leser von Kriminalromanen(!), nimmt an. Und macht sich damit beileibe keine Freunde, wie er bald mit gebrochenen Knochen feststellen muss. Dass ausgerechnet seine ehemaligen Kollegen, die "Guards" (so auch der Originaltitel), ihn krankenhausreif geprügelt haben, gibt ihm dann aber doch zu denken, in welches Schlamassel er hineingeraten ist.

Selten fällt es schwer wie bei Jack Taylor fliegt raus, einen übersetzten Roman einordnen zu wollen. Denn diesen Roman hat nicht irgendwer übersetzt: sondern Harry Rowohlt, spätestens seit seiner Übersetzung von Frank McCourt und vor allem Flann O'Brien als Kenner des Irischen an sich gelobt. Schlecht kann das dem Iren Ken Bruen nun wahrlich nicht bekommen, gilt er doch als der Autor des "Irish Noir", als derjenige, der die amerikanische Hardboiled-Variante mit der "irischen Seele" zusammenführt. Sehr schön, dass Bruen nun auch hier die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient.

Doch haben es sich diejenigen, die Rowohlts Übersetzung als kongenial bejubeln werden, nicht ein wenig zu einfach gemacht, wenn wir schon auf den ersten Seiten von Derek Raymonds Autobiographie The Hidden Files lesen, die seinerzeit in Martins Comparts DuMont-Noir-Reihe als Die verdeckten Dateien erschienen ist und aus der Harry Rowohlt mir nichts, dir nichts, "Der versteckte Aktenordner" macht (was wie ein alter Agatha-Christie-Whodunit klingt)? Wenn im englischsprachigen Original geflucht wie der Teufel wird, im Rowohlt-Deutschen aber doch von "Blödmann" und mehrmals "manno!" die Rede ist (z.B. "Manno, ich wollte den ganzen Hund" im Vergleich zu "Jeez, I wanted the whole dog")? Als Nicht-Muttersprachler ist es natürlich gerade bei einem sprachlich minimalistisch-kunstvollen Text wie dem Bruens nicht einfach, alle Facetten, die Rowohlt vielleicht sah und die man durchaus anders interpretieren könnte, zu berücksichtigen. Doch geht mir nach dem vierten Jack-Taylor-Roman, den ich nun gelesen habe, Rowohlts konsequente Deutung ins Humoristische zu weit.

Jack Taylor ist nämlich nicht zum Schreien komisch. Was Bruen uns vorsetzt, ist düster, böse und zynisch, ein verbitterter Blick einer von Wut, Verzweiflung und Alkohol durchtränkten Person, die das Vertrauen in die Menschheit größtenteils verloren hat. Ein Rest von Moral hält Jack Taylor zusammen - ein Rest von Moral, den er im Irland kurz nach der Jahrtausendwende nicht mehr erkennen kann. Er bleibt aber auf der Suche. Tief am Boden. Von Whiskygläsern und Pints.

Freuen wir uns darauf, dass auch Jack Taylor Nummer zwei schon zur Übersetzung bereit liegt. Dann aber durchaus gerne mit weniger Rowohlt und mehr Bruen. Dass Jack Taylor nicht der protopyische Hardboiled-Hero, nur nach Irland versetzt, bleiben wird, ist nicht zu viel verraten. Der anfängliche Verweis auf Derek Raymond spricht Bände. Seine Tragödie hat gerade erst begonnen.

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