Der tibetische Verräter

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Bernd Rumpf
  • Berlin: Aufbau, 2010, Seiten: 368

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Wolfgang Weninger
Ambitioniert, aber langatmig und wenig plausibel

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Jan 2009

Bei Rütten & Loening ist im Aufbau-Verlag der sechste Band um den chinesischen Ex-Polizisten Shan erschienen, bei dem "The Lord of Death" in der Übersetzung von Edgar Rai zu Der tibetische Verräter wurde.

Bis dieser allerdings entdeckt wird, hat Shan eine beschwerliche Zeit vor sich. Momentan arbeitet er als Leichenrückholer für am Berg verstorbene Tibeter, denn deren Schicksal im nächsten Leben hängt davon ab, dass sie in Würde beerdigt werden. Und so führt er eben ein Maultier mit einer Leiche über einen unwegsamen Pass am Dach der Welt, als er die Schüsse hört. Es wäre besser für ihn gewesen, sich zu verstecken, aber Shan kann nicht anders, er muss nachsehen. Und so findet er eine ermordete Politikerin, eine sterbende Amerikanerin und im Endeffekt ist seine mitgeführte Leiche weg und er sitzt im Knast.

Dass eine Polizeizelle in diesem Teil der Welt nicht mit der Fürsorge hiesiger Dienststellen betrieben wird, mag den Leser nicht überraschen, aber die Art und Weise, mit welchen Verhörmethoden man Verdächtigen gegenüber im wahrsten Sinn des Wortes operiert, ist für "zivilisierte" Europäer kaum zu begreifen. Nur die Versenkung in das eigene Ich lässt diese Gräueltaten überleben und Shan kommt frei. Aber anstatt schnellstens das Weite zu suchen, beginnt er auf eigene Faust den Fall zu klären und klettert dafür von einem Bergdorf zum nächsten und klappert dabei die von den Chinesen zerstörten Klöster ab, um vielleicht noch einen der tibetischen Mönche und die Wahrheit zu finden. Denn nur die Wahrheit kann den bisherigen und jetzt in Haft befindlichen Leiter der örtlichen Exekutive retten und als Belohnung möchte Shan seinen Sohn zurück, der in einem chinesischen Gulag als Versuchskaninchen für medizinische Experimente herhalten muss.

Pattisons Roman ist beileibe keine leichte Lektüre. Hier findet sich nichts von der Bergsteigerromantik eines Reinhold Messners, hier herrscht nicht nur Krieg zwischen Tibetern und Chinesen, hier blüht das Machtdenken chinesischer Offizieller, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in die eigene Tasche wirtschaften und dabei vor Mord und Folter nicht zurück schrecken.
Dazu kommt eine explizite Anklage gegen den Klettertourismus, der den tüchtigen Geschäftemachern von beiden Seiten in schon fast mafiösen Strukturen ermöglicht, Land und Leute auszubeuten und zu ruinieren. Auch dabei gilt ein Verdrängungskampf, der den einfachen Menschen kaum Raum zum Leben lässt und wer nicht mitspielt, landet in einer der tiefen Felsspalten oder schlimmer.

Dass Eliot Pattison bei allen schreiberischen Fähigkeiten die verwirrenden Machtverhältnisse nicht sonderlich plausibel an den Leser bringen kann, liegt wahrscheinlich an der Vielzahl der Interessen und an dem für unsere Kulturkreise kaum nachvollziehbaren Denkweisen der Menschen und im Speziellen von Inspektor Shan und den Personen, die ihn mal unterstützen und dann wieder fallen lassen. Selbst bei der Auflösung des Falles ist noch keine klare Linie erkennbar und auch die Spannung ist über den gesamten Verlauf eher flach gehalten. Man wundert sich nur, dass Menschen dieses Leben überstehen können und noch mehr wundert es, dass Menschen in dieses Land reisen und auf die Gipfel klettern, wenn sich rundum Dinge ereignen, die jeder Menschenrechtskonvention widersprechen.

Wenn Pattison diesen Roman als Anklage sehen will, dann ist das ob der fehlenden politischen Aussage in die Hose gegangen, wenn es aber um den Kriminalfall an sich geht, dann hat Pattison es verabsäumt, genügend Spannung in die Seiten zu bringen und so ist Der tibetische Verräter nicht Fisch und nicht Fleisch und, abgesehen von den beschriebenen Foltermaßnahmen, auf 360 Seiten auch reichlich langatmig geraten. Da reicht es auch nicht, wenn er noch einige Seiten Geschichte Tibets hinterher schiebt.  

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