Die Frau mit den grünen Augen

Erschienen: August 2018

Bibliographische Angaben

  • New York: Minotaur, 2017, Titel: 'Skeleton god', Originalsprache
  • Berlin: Aufbau, 2018, Seiten: 400, Übersetzt: Thomas Haufschild

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Kirsten Kohlbrei
„Lha gyal lo - Den Göttern der Sieg.“

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Apr 2020

Shan Tao Yun, der vor Jahren bei der politischen Führung Chinas in Ungnade gefallene und nach Tibet verbannte ehemalige Ermittler aus Peking, ist nach Lagerhaft und vogelfreier Existenz vom Bezirkskommandanten Oberst Tan zum Wachtmeister des entlegenen Bergdorfs Yangkar ernannt worden. Als Zugeständnis für die Übernahme des Polizeiposten bekommt Shan eine Urlaubserlaubnis für seinen Sohn Ko gewährt, der im selben Zwangsarbeitslager einsitzt wie er seinerzeit auch. Wenige Tage vor dem ersten anstehenden Besuchs Kos erschüttern mehrere Vorfälle die Ruhe der abgeschiedenen Gegend. Zunächst macht ein Transport mit gefangenen Tibetern in Begleitung Jinhuas, eines Offiziers des Büros für Öffentlichen Sicherheit, auf dem Weg in ein chinesisches Umerziehungslager für eine Nacht im Dorf Station. Unter den Gefangenen fällt Shan eine Frau mit grünen Augen auf - augenscheinlich eine Ausländerin - die am nächsten Tag bei der Weiterfahrt jedoch verschwunden ist.

Ein Grab mit zwei Toten zu viel

Noch während der Einquartierung ereilt ihn dann die Meldung vom Überfall auf eine Einsiedlernonne. Die niedergeschlagene, schwer verletzte, alte Frau hat das Grabmal eines Lamas bewacht, indem nun jedoch noch zwei weitere Leichen liegen, die eines chinesischer Soldaten, der schon seit Jahrzehnten tot ist, und die eines erst kurz zuvor gestorbenen Amerikaners. Shan vermutet schnell einen Zusammenhang, da beide Tote auf die gleiche professionelle Art ermordet wurden.

Seine ersten Ermittlungen führen ihn nach Lhasa in das Hotel des Amerikaners. Anhand von Briefen und Aufzeichnungen, die er dort in dessen Gepäck entdeckt, stellt sich heraus, dass die Mutter des Toten eine Tibeterin war, die in den 60er Jahren das Land verlassen hat, und das deren Sohn Jacob Taklha Bartram nun nach Tibet heimgekehrt ist, scheinbar auf der Suche nach Spuren seiner Herkunft, aber auch nach einem besonderen Ort, der so in der Gegenwart gar nicht mehr existiert. Zurück  in den Bergen bestätigen sich Shans Vermutungen. Er erfährt, dass sich auf dem heutigen Dorfgelände früher ein gompa, ein großes Kloster mit einer berühmten Medizinschule befand, das während der Kulturrevolution völlig zerstört wurde.

Außerdem begegnet er Jig, der Frau mit den grünen Augen, der Schwester des toten Jacob, die ihrem Bruder nachgereist ist und jetzt ebenfalls die Umstände seines Todes klären will. Dessen Interesse an der „Schule des Reinen Wassers“ liefert auch die Verbindung zu der zweiten Leiche im Grab des Lamas, denn der Soldat gehörte zu der Einheit, die damals die Säuberungsaktion seitens der Chinesen durchgeführt hatte. Und das, obwohl die gesamte Brigade nach Angaben ihres Kommandanten, des als Armeehelden verehrten Oberst Lau, angeblich im Anschluss bei einem Lawinenunfall in einer entfernten Provinz ums Leben kam. Über ihn erhält Shan von Jinhua hilfreiche Informationen. Bei Ermittlungsarbeiten gegen Lau kam Jinhuas Partner ums Leben und er macht ihn für dessen Tod und andere Morde verantwortlich.

Lebendiges Unrecht der Vergangenheit

Auf der Suche nach Beweisen für die Schuld des Obersts zeigt sich, dass dieser nach seiner Rückkehr aus dem tibetischen Hochland über hohe Geldsummen verfügte. Für Shan liegt es nahe, dass sich der Chinese damals unrechtmäßig am Besitz des Klosters bereichert hat und dass diese Geschehnisse bis in die Gegenwart hineinwirken. Es scheint, als hätte Lau das Interesse am ehemaligen Standort der Klosteranlage nie verloren und kontrolliere noch immer das Gebiet.

Shan gräbt mit Vehemenz immer tiefer in der schrecklichen Geschichte des Dorfes, um die fern  zurückliegenden Verbrechen ebenso zu klären wie die Taten der jüngeren Vergangenheit.   

Autor Eliot Pattison verknüpft auch im neunten Fall seines Ermittlers die Krimihandlung wieder eng mit den politischen Verhältnissen in Tibet. Der Plot wird in sich schlüssig erzählt und aufgelöst, gestaltet sich durch die komplexe Handlung mit den zahlreichen Verknüpfungen von Personen und Ereignissen aus Gegenwart und Vergangenheit jedoch etwas kompliziert, und eignet sich wenig zum schnellen nebenbei Lesen. Natürlich auch aufgrund der bedrückenden Hintergründe.

Obwohl Shans Ermittlungsarbeit im Vordergrund steht, bietet die Story durchgängig Spannungselemente mit stellenweise auch rasanten Szenen. Pattisons überwiegend langsames Erzähltempo passt gut zu der beklemmenden, aber nicht gänzlich hoffnungslosen Stimmung.

Krimiplot und Tibetfrage

Seine Schilderungen sind mehr als nur eine nüchterne Bestandsaufnahme der Lebenssituation der Tibeter. Wirklichkeitstreu und voller Atmosphäre vermitteln sie einen guten Eindruck von der Mühsal und der Schwere ihrer fremdbestimmten Existenz in dieser unwirtlichen Bergregion. Aber auch von der Kraft und Zuversicht, die die Menschen aus ihren Traditionen und ihrem Glauben schöpfen. Das verlangt vom Leser einen gewissen Grad an Aufgeschlossenheit, wenn zum Beispiel ein als Rennmaus wiedergeborener Onkel oder ein moralisch über Leben und Tod entscheidender Yakbulle als selbstverständlich angesehen werden. Ermittler Shan selbst ist, obwohl Chinese, nach den vielen Jahren im Exil eng mit der Kultur Tibets verbunden und voller Sympathie für das Land und seine Bewohner.

Seine Verbundenheit schimmert vor allem durch, wenn er in Gedanken immer wieder bei seinem Freund und Vertrauten Lokesh ist. Der alte Mönch taucht in diesem Band zwar nicht selber auf, aber für Kenner der Serie ist er ein alter Bekannter. Außerdem versucht Shan so gut es eben geht, die Einheimischen zu unterstützen und nutzt dazu gerade die Kompetenzen, die ihm sein Posten als vermeintlicher „Staatsdiener“ verschafft. Um so mehr leidet er unter der Distanz, die die Tibeter zu ihm aufgrund seiner Herkunft oft wahren, besonders da er als Polizist nun die Uniform des Feindes trägt. Die zarte Liebesbeziehung, die sich zwischen seinem Sohn Ko und der Tibeterin Yara entwickelt, verbindet aber auch Shan emotional noch mehr mit den Menschen seiner neuen Heimat und gibt dem persönlichen Background der Serie noch mehr Tiefe.

Auch die Beziehung zu Oberst Tan, ebenfalls eine bekannte Figur aus vorherigen Fällen, bekommt neue Qualität. Shan erhält von dem herrischen Militärkommandant, der Soldatentreue gegen Korruption und Verrat verteidigt, unerwartet Unterstützung. So gelingt es ihm am Ende noch, der Taklha-Familie in all dem tragischen Geschehen einen glücklichen Moment der Wiedersehensfreude zu bereiten und zumindest für ein kurzes Innehalten herrscht Gerechtigkeit. 

Fazit:

Das eigentlich schwerste Verbrechen in den Romanen der Ermittler-Shan-Reihe ist immer das  Unrecht der chinesischen Besatzung Tibets, und nicht das Krimigeschehen selbst.

Als ausgezeichneter Kenner des Landes und feinfühliger Beobachter der internen Vorgänge ist die Tibetfrage für Eliot Pattison eine Herzensangelegenheit. und mit seinen Büchern beschreitet er seinen ganz persönlichen Weg, um darauf aufmerksam zu machen. Auch beim aktuellen Fall gelingt ihm das wieder einvernehmlich mit einer gut durchdachten spannenden Krimihandlung, so dass das Buch, besonders für Leser mit Interesse an fernöstlicher Kultur, empfehlenswerte Lektüre liefert.

Da die Unfreiheit der Tibeter weiter anhält, ist auch Shans Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Man darf also gespannt sein, welche Aufgabe ihn mit Fall 10 im Jubiläumsband, der im Sommer erscheint, erwartet.

Die Frau mit den grünen Augen

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Letzte Kommentare:
27.08.2018 11:48:24
leseratte1310

Der Chinese Shan war früher ein sehr erfolgreicher Ermittler in Peking bis er jemandem auf die Füße getreten ist. Sein Gegenspieler Oberst Tan hat dafür gesorgt, dass er nun als einfach Polizist in Yangkor in Tibet seinen Dienst tun muss. Dann passiert unverhofft an einem Tag eine ganze Menge. Ein Gefangenentransport muss in seinem kleinen Polizeirevier für eine Nacht untergebracht werden und dann wird er auch noch eine alte Nonne niedergeschlagen und in der von ihr bewachten Gruft befinden sich mehrere Tote, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten gestorben sind: ein als Heiliger verehrter Lama, der schon sehr lange tot ist, ein chinesischer Soldat, der auch schon ungefähr fünfzig Jahre tot ist und jemanden, der gerade erst ermordet wurde in westlicher Kleidung.
Ich lese sehr gerne Krimis, die in anderen Ländern spielen, weil man dadurch einen Einblick in fremde Kulturen gewinnen kann. Die politischen Verhältnisse in Tibet sind schwierig, denn das Land steht unter chinesischer Verwaltung und ihre Kultur und Traditionen sind der chinesischen Regierung suspekt. Das Misstrauen zwischen Tibetern und Chinesen ist groß. Obwohl mir die Kultur dort sehr fremd ist, ist es dem Autor sehr gut gelungen, mir Tibet, seine Menschen und seine Kultur nahe zu bringen.
Dies ist bereits der neunte Band um den Ermittler Shan. Ich habe nur den Vorgängerband „Tibetisches Feuer“ gelesen und muss auch dieses Mal feststellen, dass die Geschichte komplex ist und man konzentriert lesen muss.
Ich mag Shan, er ist eine interessante Persönlichkeit. Er ist nur unter besonderen Bedingungen aus dem Gefängnis entlassen worden. Nur weil er diesen Posten angenommen hat, ist es ihm möglich seinen Sohn, der in einem Lager ist, hin und wieder zu sehen. Er ist ein Ermittler, der die Wahrheit herausfinden will, aber er muss dabei auch immer an seinen Sohn denken. Shan ist Chinese, aber er hat auch Verständnis für die Tibeter und versucht sich in sie hineinzuversetzen. So gerät er in Verdacht, sich auf die Seite der Tibeter zu schlagen. Er aber versucht trotz Gegenwind den Fall zu klären.
Auch wenn die Geschichte manchmal etwas langatmig daherkommt, finde ich diesen Krimi sehr spannend. Ganz besonders gefällt mir das Drumherum, denn so erfährt man viel über Land und Leute.
Ich kann diesen interessanten und vielschichtigen Tibet-Krimi nur empfehlen.

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