Der fremde Tibeter

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • New York: St. Martin, 1999, Titel: 'The Skull Mantra', Originalsprache
  • London: Century, 2000, Originalsprache
  • Augsburg: Weltbild, 2001, Seiten: 492
  • Berlin: Aufbau, 2002, Seiten: 495
  • Schwäbisch Hall: Steinbach, 2007, Seiten: 7, Übersetzt: Wolfgang Rüter

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Thomas Kürten
Ein kulturell geprägtes Krimiereignis

Buch-Rezension von Thomas Kürten Sep 2003

In einer der hinterletzten Gegenden auf dem Planeten Erde geschieht ein großes Verbrechen. Nicht dass das eine große Überraschung darstellen würde, nein: Seit Jahren passiert hier beinahe täglich Unrecht, wird hier ein Volk von einem anderen, größeren Volk geknechtet. Die Besatzer gehen gegen den meist friedlichen Widerstand in Form von Sitzstreik oder Arbeitsverweigerung mit den brutalsten Mitteln vor. Es mag sein, dass das besetzte Land ehemals auch ein Staat war, in dem Menschenrechte verletzt wurden, das kann und soll aber keine Rechtfertigung sein für das Vorgehen der kommunistischen Militärs gegen ihre größten Feinde, die buddhistischen Mönche. Die Rede ist von Tibet, der vor über 50 Jahren von den Chinesen besetzt und annektiert wurde.

Die politische Lage auf dem Dach der Welt bildet aber nur die Kulisse für das Verbrechen, über das die 404. Strafkolonie bei Ausübung ihrer täglichen, ermüdenden Arbeit stolpert: Beim Bau einer Straße entdecken die Häftlinge eine männliche Leiche, gekleidet in amerikanischen Jeans und Hemden. Woran es dem Toten fehlt, ist der Kopf. Da sich der Bezirksstaatsanwalt zu einem Aufenthalt in Hong Kong abgemeldet hat, kommt der Gefängnisdirektor auf eine unkonventionelle Idee. Unter den Häftlingen der 404. befindet sich Shan, der in Peking einst die Akten der Behörden auf Korruption untersuchte und anscheinend einem Minister mit seinem Wissen zu bedrohlich erschien. Shan soll nun zunächst die Identität der Leiche klären und möglichst zugleich den Mörder finden.

Mal was anderes: ein ermittelnder Strafgefangener

Eine ungewöhnliche Rolle, die diesem Häftling da zufällt. Ob seine Lage realistisch ist, vermag der Verfasser dieser Zeilen nicht zu urteilen, da er über die innenpolitischen Verhältnisse nicht im Bilde ist. Aber zumindest ist ein ermittelnder Strafgefangener mal was anderes. Sein Widersacher ist der stellvertretende Ankläger des Bezirks, dem vom Gefängnisdirektor keine Kompetenz zugestanden wird. An eine baldige Aufklärung seitens der Staatsanwaltschaft glaubt der Direktor jedenfalls nicht. Dabei wäre dies wichtig, da bald eine erste Gruppe amerikanischer Touristen durch den Bezirk reisen wird.

Bei der Entdeckung einer Höhle machen chinesische Soldaten kurz später einen grausigen Fund. Ein Teil der Höhle, wahrscheinlich vor Jahrhunderten zu einer heiligen Stätte der Buddhisten geweiht, birgt in hohen Regalen etliche Schädel zwischen zwei vergoldeten Schädeln befindet sich der Kopf des Leichnams, wodurch die Identifizierung der Leiche ermöglicht wird. Es handelt sich um den Bezirksstaatsanwalt.

Alte Mönche als Tatverdächtige

Was immer Shan in der Folge unternimmt, meistens ist ihm der stellvertretende Staatsanwalt einen kleinen Schritt voraus. Er weist Kellner an, nicht gegenüber Shan auszusagen. Er nimmt Spuren vom Haus des Ermordeten und lässt sie anschließend von einer Putzkolonne entfernen. Fortwährend scheint er die Arbeit Shans zu sabotieren und sehr bald kann er einen alten Mönch als Tatverdächtigen präsentieren, der vor einigen Jahren einen Aufstand anführte. Von fünf Anführern inzwischen der vierte, der eines Mordes beschuldigt wird und im Schnellverfahren exekutiert werden soll. Aber Shan glaubt nicht daran, dass der alte Mönch der Mörder sein soll. Er setzt seine Ermittlungen ungebremst fort. Schade, dass der Mönch selber nichts dazu sagen kann, denn dieser befindet sich in einem mehrjährigen Schweigeritual und kann sich davon nicht so einfach befreien.

Was Pattison macht, ist großartig. Mit viel Feingefühl schildert er die Befindlichkeiten der Menschen in Tibet, die in der Ausübung ihrer Religion von einem Willkürregime behindert werden. Ihm gelingt dabei jedoch zu differenzieren. Er ist weit davon entfernt, einfach auf gute Tibeter und böse Chinesen zu pauschalisieren. Gleichzeitig versteht er es, durch die Verlagerung der Handlung an Schauplätze mit großartiger Atmosphäre, die Leser von der Faszination Tibet spüren zu lassen. Mit Begeisterung schafft er eine Schilderung von alten Klöstern und Höhlen, aber auch von modernen Verwaltungsgebäuden und Szenen in den Straflagern. Als besonders bemerkenswert empfinde ich die Einbindung einer amerikanischen Bergbaugesellschaft in die Handlung, die deutlich macht, wie wenig Fremde von den vorherrschenden Konflikten verstehen. Erschreckend, wie sehr ihr guter Wille durch böse Machenschaften ausgenutzt werden kann und wie sehr auch durch ihre eigene Anwesenheit das Land ausgenommen wird.

Eine Reise in ein unbekanntes Land

In anspruchsvollem Stil hat der Amerikaner Pattison hier einen absolut unamerikanischen Kriminalroman geschrieben, der nicht nur durch einen gut durchdachten und spannenden Fall begeistern kann. Vielmehr versteht er es, mit seinen Lesern eine Reise in ein weithin unbekanntes Land zu unternehmen. Er schafft es durch für uns ungewöhnliche Tatmotive eine fremd erscheinende Kultur zu vermitteln, wodurch Der fremde Tibeter zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis reift.

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