Der verlorene Sohn von Tibet

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rütten und Loening, 2004, Seiten: 520, Übersetzt: Thomas Haufschild
  • Berlin: Aufbau, 2006, Seiten: 522

Couch-Wertung:

76°
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Thomas Kürten
Abenteuerliche Suche in der Geschichte und Kultur Tibets

Buch-Rezension von Thomas Kürten Sep 2004

Bereits drei mal hat uns Eliot Pattison in die karge Bergwelt Tibets entführt, um den Spuren seines Ermittlers Shan zu folgen. Der Autor ein Amerikaner, sein Held ein Chinese, trotzdem wird dem Leser die Stimmung und das Flair Tibets auf einzigartige und sehr bewegende Art nahe gebracht.

Eigentlich will Shan nur mit einigen seiner Mönchsfreunde in den Überresten eines einst mächtigen Klosters in der Nähe von Lhadrung den Geburtstag des Dalai Lamas feiern, bevor er sich zur Meditation für einige Wochen in die Einsamkeit der Berge zurück zieht. Doch bevor das Fest richtig starten kann, geschieht seltsames. Der alte Mönch Surya gerät von Sinnen, behauptet er sei ein Mörder, reißt sein Gewand vom Leib und beschmiert alte Fresken, ehe ein Hubschrauber der Militärpolizei landet und den Alten abholt. Shan entdeckt in den Ruinen zwar Spuren eines Verbrechens, aber keine Leiche. Um seinem Freund zu helfen, pilgert Shan zurück in die Stadt und findet heraus, dass man Surya gar nicht wegen Mordes verhaftet hat. Er diente offensichtlich ranghohen Chinesen bei der Suche nach tibetischen Artefakten, ist ihnen aber nun keine Hilfe mehr, da er offenbar den Verstand verloren hat, nur noch sinnloses Zeug redet und als Bettler durch die Straßen zieht. Shan kehrt zurück in den Dunstkreis von Oberst Tan, der ihn einst aus dem Gefängnis entlassen hat. Der hat seit einigen Wochen Besuch von Direktor Ming vom Nationalmuseum in Peking und Inspector Yao, einem der ranghöchsten Ermittler auf Ministerialebene, sozusagen Shans Nachfolger in Peking. Außerdem sind ein amerikanischer FBI-Mann und eine englische Archäologin und Organisatorin einer Hilfsorganisation zugegen.

Rettung antik-tibetischer Kunst

Tan, Ming und Yao ist das Auftauchen von Shan gerade recht. Sie suchen nach einem Fresko, der aus einem Kaiserwohnhaus in der Verbotenen Stadt in Peking gestohlen wurde. Der FBI-Mann Corbett sucht unterdessen nach einem Briten, der mit dem Raub tibetischer Kunstwerke in Seattle in Verbindung zu stehen scheint. Warum auch immer deuten alle Spuren nach Lhadrung und die Vermutung steht im Raum, dass die Kunstobjekte wieder an ihren ursprünglichen Platz in Klöstern, Höhlen und Grotten zurück gebracht werden sollen. Irgendeine Rolle scheint auch Prinz Kwan Li zu spielen, der vor 200 Jahren für den Kaiser von Peking nach Lhasa reiste und nicht mehr zurückkehrte. Um Shans Hilfe zu gewinnen, ziehen die Chinesen den sentimentalen Joker: sie versprechen ihm, nach langen Jahren seinen Sohn wieder sehen zu dürfen.

Wie auch schon bei allen Vorgängerromanen hat der Leser das Problem, von der ersten Zeile in eine fremdartige, mystische Welt getaucht zu werden, ohne hundertprozentig zu verstehen, was da eigentlich gerade abgeht. Man braucht erst mal knapp hundert Seiten, um sich ein wenig zu orientieren. Dann erst nimmt die Geschichte an Fahrt auf und man verfolgt die weitere Handlung auf Augenhöhe.

Das Gewicht von Mystik und Symbolik des tibetischen Buddhismus ist in diesem Roman besonders hoch. Es geht um antike tibetische Kunst, um Briefe, Statuen, Wandbilder und Altäre. Und solche Kunstgegenstände haben stets einen religiösen Hintergrund, sind mit Schutz- oder Bannzaubern belegt, dienen der Beschwörung von Göttern und Dämonen. Eliot Pattison klagt einmal mehr an, mit welch kühler Konsequenz und Rücksichtslosigkeit der chinesische Machtapparat in Tibet wütet, mit seiner "Kulturrevolution" eine wundervolle, im Keim friedliche Kultur zerstört wird und wie Karrieren im Parteiapparat durch manipulierte Erfolge in der Verbrechensbekämpfung im fernen Tibet Beschleunigung erfahren können.

Kulturzerstörung an phantastisch anmutenden Handlungsorten

Die besondere Stärke Pattisons ist nach wie vor die Beschreibung von Handlungsorten und -schauplätzen. Sei es ein chinesisches Verwaltungsgebäude oder ein alter tibetischer Hof, ein unterirdischer Tempel oder ein hoch im Gebirge gelegenes Künstlerdorf. Sogar die Beschreibungen von Peking und Seattle (ja, Shan verlässt zwischenzeitlich Tibet) wirken plastisch und blühen in der Phantasie des Lesers auf. Allein durch die Schauplätze kann der Autor für einen gewissen Grad an Spannung sorgen.

Mit der Handlung an sich tut er es jedenfalls nicht so unmittelbar. Hier baut die Spannung eigentlich auf zwei Grundfragen auf: Entkommt Shan einer neuerlichen Inhaftierung, obwohl er in unmittelbarer Nähe seiner Widersacher agiert? Und kann er es verhindern, dass immer mehr tibetische Artefakte entweiht und vernichtet werden? Gut und Böse (und Halbgut und Halbböse) sind für Shan und den Leser spätestens nach dem ersten Drittel erkennbar, wie in einer Tragödie indischer Machart der Marke Bollywood verschwimmen jedoch von Zeit zu Zeit die Fronten. Shan kann eigentlich auch in diesem Abenteuer nur seinen Mönchsfreunden trauen, die lassen ihn jedoch weitestgehend auf eigenen Pfaden wandeln und mitunter muss sich der "fremde Tibeter" die Frage stellen, ob er sie und ihre Ideale durch sein Handeln nicht verrät.

Protagonist verliert an Glaubwürdigkeit

Pattison hat zwar gut daran getan, Shan wieder in der Nähe von Lhadrung ermitteln zu lassen. Langsam entsteht jedoch der Eindruck, dass er eigentlich längst nicht mehr so frei rumlaufen dürfte, wie er es tut. Die Tibeter meiden ihn entweder oder reden offen von der Belohnung, die auf seinen Kopf ausgesetzt ist und die chinesischen Beamten drohen immer wieder mit seiner Verhaftung und tun es dann doch nicht. Es entsteht Befremden, dass Shan immer wieder unbescholten davon kommt.

Und noch eines mag nicht so recht einleuchten bzw. ist dem Autor schlichtweg schlecht gelungen: Die Einbindung von Shans Sohn in die Handlung. Die Rolle dieses wortkargen Revoluzzers ist überflüssig wie ein Kropf. Sie bietet bestenfalls sentimentale Oberflächlichkeit. Ebenso das kleine tibetische Mädchen Dawa, das in China aufgewachsen und von seinen Eltern zum Onkel in Lhadrung geschickt wurde. Sie bewegt sich für ein Kind im Grundschulalter zwischen lauter unbekannten Erwachsenen erstaunlich, um nicht zu sagen erschreckend selbständig.

Schon bei Abenteuer Nr.3 (Das tibetische Orakel) wäre weniger mehr gewesen. Mit dem "Verlorenen Sohn von Tibet" knüpft er zwar wieder an die Qualität der ersten beiden Bücher an und setzt dem Leser auch rund 200 Seiten weniger vor als beim "Orakel". In Sachen Mystik bietet dieser Band schon fast eine Überdosis, enthält deutlich mehr alle drei voran gegangenen. Jedoch tauchen neben dem schwierigen Einstieg langsam einige Störfaktoren auf, aufgrund derer der Autor die Figur seines Protagonisten - in Hinsicht auf einen eventuellen fünften Roman - dringend überdenken sollte. Der Fall an sich bietet einen erneut interessanten, wenngleich nach drei ähnlich gelagerten Vorgängern nicht mehr neuen Hintergrund für die Entwicklung der Handlung. Alle Bücher Pattisons sind in erster Linie eine bittere Anklage der Verbrechen der chinesischen Besatzer in Tibet, in zweiter Linie aber auch Verurteilung von amerikanischer Geschäftemacherei und rücksichtsloser Profitgier. Für düstere Winterabende in der geheizten Stube bietet der Roman insgesamt anspruchsvolle, von buddhistischer Symbolik geprägte und Fernweh fördernde Unterhaltung.

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